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Explizit Rap: Wie sexistisch ist die deutsche Musikbranche?

Sexismus im Deutschrap: Panel setzt sich kritisch mit der Musikwelt auseinander - 21.02.2020 13:17 Uhr

Explizit Rap im Z-Bau. © Laura Täuber


Bei einem Blick auf das diesjährige Line-Up des größten Musikfestivals der Region, Rock im Park, wird schnell klar, dass Gleichberechtigung auch 2020 dort noch nicht ganz angekommen ist. Unter den mehr als 50 Acts lassen sich gerade einmal acht Bands mit weiblichen Mitgliedern finden, darunter "Baby Metal" als einziges reines Frauenduo. Dass solche von männlichen Interpreten dominierte Festivals noch nicht im Sinne der Feminismus-Bewegung sind, war am Donnerstagabend wohl allen Gästen des "Sexismus im Rap" Panels, welches im Zuge des Explizit Rap Festivals im Z-Bau stattfand, zumindest in den Grundzügen bewusst.


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Diese grundsätzliche systematische Ungleichheit in der Musikbranche war unter anderem Thema der Debatte, die vom Moderations- und Podcast-Duo Machiavelli (Vassili Gold und Jan Kawelke) geleitet wurde. Zu Gast war zum einen die 23-jährige Salwa Houmsi, Journalistin und DJ, die sich in ihrer Kunst stark mit den Themen Sexismus und Gleichberechtigung in der Musikwelt beschäftigt. An ihrer Seite argumentierte Sophie Künstler, die an diesem Abend die Initiative Music Women Germany repräsentierte. Um auch Männern aus der Branche ein Wort zu geben, war Axel Ballreich als Konzert- und Festivalveranstalter und Geschäftsführer des in Nürnberg ansässigen Concertbüro Frankens vor Ort. Der Rapper B-Tight, vielen von früher als Teil von Aggro Berlin bekannt, konnte durch seine langjährige Erfahrung als Künstler zur Debatte beitragen.

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Die Formen des Sexismus in der deutschen Musikwelt

Während des Gesprächs zeigte sich schnell, dass es Sexismus in der Musikbranche auf zwei Ebenen zu betrachten gilt. Wie in den meisten Bereichen der Gesellschaft ist auch in der Musikindustrie noch kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mann und Frau hergestellt. Zum einen lassen sich bei weitem nicht so viele Frauen in Führungspositionen finden wie Männer, zum anderen existiert auch in der Musikbranche eine Pay Gap, sodass Frauen in den gleichen Positionen wie ihre männlichen Kollegen deutlich weniger verdienen. In diesem Gedankengang kritisierte auch Sophie Künstler, wie wenig Anteil Frauen an der Musikbranche haben, wie wenig sichtbar und wie wenig repräsentiert man sie in allen Bereichen vorfindet. Aus eben diesem Grundgedanken entstand die deutsche Organisation Music Women Germany, die sämtlichen in der Musikbranche tätigen Frauen ein bundesweites Netzwerk in Deutschland bietet. Ziel der Plattform ist die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit und Teilhabe der Musikfrauen. Diese Mission erreicht Music Women Germany durch eine Datenbank, die allen Eingetragenen Möglichkeiten zur Vernetzung, Jobangeboten und Empowerment in der Branche bietet.

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Zum anderen ist Sexismus deutlich in Lines und Texten der Künstler aufzufinden. Sexismus ist mittlerweile so in der Rap und Hip Hop Szene integriert und wird im Laufe der Diskussion als "Form von Stilmitteln" bezeichnet. Ob es fragwürdig ist, den Musik-Stil auf dem Degradieren von Frauen und Beleidigen des anderen Geschlechts zu fundieren, war nicht allen Gästen der Runde eindeutig klar. Rapper B-Tight setzte sich vehement dafür ein, dass sexistische Texte zur künstlerischen Freiheit gehören würden. Er brachte das Beispiel der im Rap viel verwendeten Beleidigung "bitch" (Schlampe) an und argumentierte, dass Texte, die diesen Begriff aufgreifen, zwar schon frauenfeindlich seien, aber in Ordnung wären, wenn sie im Auge des Künstlers die Wahrheit darstellten.

Panel Diskussion "Sexismus im Deutschrap" mit (von li. nach re.) Vassili Golod, Salwa Houmsi, Axel Ballreich, B-Tight, Sophie Künstler und Jan Kawelke. © Laura Täuber


An diesem Punkt der Diskussion ging es erstmals heiß her, denn die Ansichten der Frauen unterschieden sich stark von der Meinung des Rappers, der in früheren Zeiten unter Aggro Berlin seinen Beitrag zum sexistischen Rap geliefert hatte. Mittlerweile ist er dreifacher Vater, darunter ist auch eine Tochter, doch seine Ansichten haben sich augenscheinlich nur bedingt geändert. So kamen die Gäste des Podiums auf keinen klaren Nenner, bis zu welcher Grenze frauenfeindliche Lines zur künstlerischen Freiheit dazugehören und wo eine eindeutige Linie zu ziehen ist.

Privilegien der Entscheidungsmacht nutzen

Um Grenzen sollte es laut Salwa Houmsi auch in der Rolle des Veranstalters gehen. Axel Ballreich konnte zum Ärger der beiden Frauen kein konkretes Beispiel geben, inwiefern er mit seiner Führungsposition aktiv zur Bekämpfung von Sexismus in der deutschen Musikbranche vorgeht. Er äußerte zwar, er beschäftige mehr Frauen als Männer in seinem Unternehmen, doch ein kurzer Blick auf die Führungspositionen im Concertbüro Franken zeigt, dass sowohl die Posten der Geschäftsleitung als auch die des Bookings ausschließlich Männern vorbehalten sind. Axel Ballreich fand auch auf die Frage, ob er Künstlern trotz Aussichten auf eine ausverkaufte Venue die Bühne verweigern würde, wenn Sexismus in deren Texten und Handeln eine Rolle spiele, keine eindeutige Antwort. Er begnügte sich mit dem Beispiel, dass ihm nach einem Kollegah Konzert im Löwensaal letzten Jahres eine in den Medien heiß diskutierte Auschwitz-Line Unmut bereitete. "Hier hätte eine Grenze gezogen werden müssen", sagte Ballreich über diesen Rassismus-Skandal. Beim Thema Sexismus sieht er jedoch keine Grenzen, die von ihnen als Veranstalter gesetzt werden müssten.

Hier schritt Salwa Houmsi vehement in der Diskussion ein. Sie sieht große Verantwortung auf Veranstalter-Seite, mehr Künstlerinnen eine Bühne zu bieten und Künstlern, die offen frauenfeindliche Ansichten äußern, diese Bühne zu verwehren. Allen Gästen ist bewusst, dass die Musikindustrie eine kommerzielle Branche ist und Veranstalter zu Teilen auch wirtschaftlich orientiert handeln. Doch Houmsi argumentierte weiter, dass auch weibliche Künstlerinnen die Hallen ausverkaufen können. Ein glänzendes Beispiel hierfür: Das kommende Konzert der Rapperin Juju in Nürnberg wurde in eine größere Location hochverlegt, wohingegen der in der Kritik stehende Künstler SSIO "bloß" den Löwensaal füllt. Spätestens an dieser Stelle war dem Publikum in der Halle klar, dass weibliche Rapperinnen keinesfalls weniger qualifiziert sind als ihre männlichen Kollegen.


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Axel Ballreich nutzt laut Houmsi sein Privileg der Entscheidungsmacht also leider nicht, um gegen Sexismus in der Branche zu kämpfen. Houmsi und Künstler sind generell der Meinung, als nicht vom Sexismus Betroffener in einer solchen Position hätte man die Verantwortung, dieses große Privileg zu nutzen.

Werden Jugendliche durch Rap zu Sexisten?

Bei dieser Frage war sich B-Tight sicher: "Menschen werden nicht durch Rap sexistisch". Die Frauen in der Runde sehen das anders und argumentierten, dass dies im Falle von Erwachsenen durchaus stimmt. Doch bei der Analyse der Zielgruppe dieser Art des Raps wird klar, dass das Publikum jugendlich oder jünger ist. Und eben in diesem Alter kann nicht vorausgesetzt werden, dass sexistische Texte stets hinterfragt und kritisiert werden. So vertritt Houmsi die Ansicht, dass auch die Künstler große Verantwortung tragen.


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Kleine Schritte in die richtige Richtung

Während sich die beiden Frauen der Runde eindeutig positionierten, vehement und unbeirrt gegen Ansichten der beiden Männer argumentierten und eine klare Message ans Publikum mitgaben, fanden Ballreich und B-Tight keine wirkliche Position. Durch die klare Formulierung und den bewundernswerten Argumentationsgeist von Seiten Houmsis und Künstlers konnte das Publikum doch einiges Positives aus der Diskussion mitnehmen. Sie rufen dazu auf, bestehende Strukturen zu hinterfragen, Privilegien zu nutzen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Auch wenn der Weg gegen den Sexismus hin zur Gleichberechtigung ein langer sein wird, gibt es doch immer mehr positive Vorbilder - sowohl Künstlerinnen als auch Aktivistinnen wie Salwa Houmsi und Sophie Künstler - die in kleinen Schritten den Weg in die richtige Richtung ebnen.


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Laura Täuber

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