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Feridun Zaimoglu im Portrait

Zwischen Märchen und Politik - 04.03.2010

Feridun Zaimoglu – ein romantischer Erzählkünstler


Gewaltig rauscht der Strom der Erzählung dahin, mäandernd, oftmals ins Märchenhafte abdriftend. Wechselvoll sind die Schauplätze: Von Prag geht es nach Berlin, von Istanbul zur Nordseeinsel Föhr. Eigentlich ist «Hinterland» eine Liebesgeschichte zwischen dem deutsch-türkischen Schuhmacher Ferda und Aneschka, der Tochter eines Prager Komponisten; das ist der große Rahmen, in dem Feridun Zaimoglu sein Geschichtengespinst ausbreitet.

Der 45-jährige Autor, der vor 14 Jahren mit seinem frechen Band «Kanak Sprak» die Kulturromantiker unter den Deutschen vor den Kopf schlug, hat sich zu einem eigenwilligen Schriftsteller entwickelt, der die Traditionen orientalischen Geschichtenerzählens und abendländischer Romantik miteinander verbindet. Da tauchen Zwerge und Ritter auf, Hexen tummeln sich, und die Welt ist sehr klar in Gut und Böse geteilt. Nein, ein Roman ist «Hinterland» (Kiepenheuer & Witsch, 420 S., 19,95 Euro) nicht; es ist eher ein (sehr umfängliches) Märchen für Erwachsene.

Sperrig liest sich der Anfang; es kostet ein wenig Mühe, sich einzulassen auf und sich einzufinden in diese ungewöhnliche Art des Schreibens. Mit dutzenden kleinen Schlenkern blendet Zaimoglu aktuelle Wirklichkeitsbezüge ein in seine wie rauschhafte Erzählbesessenheit; er plaudert, raunt und beschwört: So lässt er den modernen Leser staunen und sich in den erfundenen Welten verlieren. Solch eine Sprachkraft ist selten geworden in unserer leichtlebigen, oberflächlichen Zeit.

Geboren wurde Zaimoglu am 4. Dezember 1964 im türkischen Bolu, ein Jahr später kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, wohnte 20 Jahre lang in Berlin und München. Seitdem ist er in Kiel zu Hause. Er begann, Medizin und Kunst zu studieren, schwenkte dann aber um und wurde freier Schriftsteller. 2006 überlebte er mit knapper Not ein schweres Omnibusunglück in der Türkei.

Als freier Journalist schreibt er Literaturkritiken und Essays; 1999/2000 war er am Nationaltheater Mannheim auch als Theaterdichter engagiert. Literarisch reüssierte er 1995 mit «Kanak Sprak», zwei Jahre später erschien sein erster Roman «Abschaum – die wahre Geschichte von Ertan Ongun». 2007 erhielt er in München den Carl-Amery-Literaturpreis; ein Jahr zuvor war er mit dem Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden – als einer der wichtigsten jüngeren deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. 1998 folgte der Drehbuchpreis dieses Bundeslandes.

Zaimoglu engagiert sich auch politisch; er wehrt sich gegen die negative Berichterstattung über die angeblich schlechte Integration von Einwanderern in Deutschland. 2006 nahm er an der ersten Zusammenkunft der Deutschen Islamkonferenz teil und kritisierte die personelle Zusammensetzung des Gremiums, da keine selbstbewusste kopftuchtragende Muslimin dort vertreten sei. Für diese Frauen erfand er den Begriff «Schamtuchträgerinnen». Friedrich G. Stern

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