Freitag, 03.04.2020

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Große Tragödie mit einem Hauch Dekadenz

Der Ungar Balázs Kovalik inszeniert in Nürnberg den „Troubadour“ von Giuseppe Verdi zum Saisonauftakt - 27.09.2012

Von Frauen umschwärmt: David Yim als Manrico bei der Probe zum „Trovatore“. © Ludwig Olah


Den komplizierten Handlungsfaden um den Zigeunersohn Manrico, der wie sein Erzfeind Graf Luna in Leonora verliebt ist, zu entknoten, hat sich dieses Mal ein Nürnberg-Debütant vorgenommen. Balázs Kovalik reiste schon am Ende der letzten Saison an, um die vier Akte vorzuproben. Das musste er in seinem bisherigen Regieleben erst einmal machen. „Aber da hatte ich vor der Premiere noch drei Wochen Zeit. Jetzt sind es vier Tage, in denen ich noch Stellschrauben verändern kann“, lächelt der 43-jährige Ungar mit gespielter Empörung.

Ja, spielen kann er. Das haben seine Akteure schon wohltuend mitbekommen. Nicht zuletzt wegen dieser Doppelbegabung hat ihn Klaus Zehelein an die Theaterakademie nach München berufen, wo er derzeit einen ganz eigenen Studiengang aufbaut. „Das ist eine wunderbare Chance“, freut sich der Budapester. Sein absolut akzentfreies Deutsch verrät, dass er bereits seit Studientagen immer wieder in der Bundesrepublik war.

Natürlich inszenierte er viel in Ungarn, und zwar nicht nur seine Landsleute Bartók und Ligeti, sondern auch Mozarts drei da-Ponte-Opern. „Um Mozart und Verdi bin ich zehn Jahre lang herumgeschlichen, weil sie mir einen solchen Respekt einflößen.“ Der Nürnberger „Trovatore“ ist Kovaliks zweite Verdi-Produktion.

Drei Jahre, zwischen 2007 und 2010 leitete er die Ungarische Staatsoper in seiner Geburtsstadt Budapest. Aber die derzeit herrschende, rechts-konservative Orban-Regierung mag keine querständigen Intellektuellen, die durch Fantasie und Innovationsmut auffallen. Kovalik findet das schade: „Der Exodus aus Ungarn ist wieder genauso groß wie in den fünfziger Jahren und natürlich geht die geistige Elite. Die Vetternwirtschaft ist aber dieselbe wie unter den Kommunisten.“

Etwas Dekadenz soll auch in seiner Verdi-Sicht durchscheinen: „Wir siedeln dies im Ambiente von Viscontis Film ,Der Leopard‘ an. Ein in sich geschlossener Kosmos, wo sich aber die einzelnen Figuren durchaus entwickeln.“ Am stärksten sei dies bei Leonora der Fall, meint der Regisseur. Sie würde von einer naiven Hofdame zu einer großen Frau reifen, die ihren Selbstmord in vollem Bewusstsein begeht. In Nürnberg wird diese Partie von Ekaterina Godovanets, einem Neuling im Ensemble, verkörpert.

„Nur millimeterweise Bewegung sehe ich bei Manricos Mutter Azucena, aber genau das macht ihre Tragik aus“, meint Kovalik über jene Rolle, die ebenfalls eine Nürnberg-Debütantin gestaltet: die Mezzosopranistin Roswitha Christina Müller. David Yim hat sich als Manrico den Schlager des Stücks vorgenommen: Die gefürchtete Stretta mit dem hohen C.

Ein anderer Hit ist für das Sängerkollektiv reserviert: Der Zigeunerchor. Es dirigiert Guido-Johannes Rumstadt. Die Bühnenbauten stammen vom erfahrenen Hermann Feuchter, der im Opernhaus schon so manchen schweren Brocken wie „Jenufa“, „Lady Macbeth von Mzensk“, „Alceste“ oder „Wilhelm Tell“ in Bilder umsetzte.

Heute findet um 18 Uhr eine Einführungs-Soiree statt. Premiere: 30. September; weitere Aufführungen: 3., 6., 9., 14. und 22. Oktober. Karten-Tel.: 01805/231-600.
 

JENS VOSKAMP

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