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Hier steppt nicht der Bär, sondern das Känguru

Paul Abrahams "Ball im Savoy" im Nürnberger Opernhaus - 22.01.2019 13:30 Uhr

Auf diesem „Ball im Savoy“ tanzt man mit vollem Einsatz: Mustafa Bei mit Fez (Andreja Schneider), rechts daneben Daisy (Christoph Marti), in der Goldrobe Madeleine (Frederike Hass), mit weißer Frackjacke ihr Gatte Aristide (Tobias Bonn) und sein einstiger Schwarm Tangolita (Andromahi Raptis). © Foto: Bettina Stöß (Staatstheater)


Sicher war es keine zufällige Spielplan-Arithmetik: Die Direktion zeigte Sinn für hintersinnige Ironie und setzte am 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland ein Stück an, in dem es darum geht, dass das, was den Männer recht ist, den Damen nur billig sein kann.

Trotz alledem bleibt in einer Operette noch genügend Raum für politisch völlig unkorrekte Chauvi-Sprüche — etwa von der Sorte: "Frauen sollten wie der Mond sein: Am Abend auftauchen und am Morgen wieder verschwinden. . ." Wenn man den etwas angestaubten, allzu vorhersehbaren Plot des "Ball im Savoy" betrachtet, so entpuppt er sich letztlich als Übertragung der "Fledermaus" aus der Walzer-Ära in das Foxtrott-, Swing- und Revuetanz-Zeitalter.

Regisseur Stefan Huber, die Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter sowie Heike Seidler (Kostüme) bemühten sich, mit Liebe zum Detail viel zeithistorischen Art Deco-Chic, aufreizende Roben und den ersten Dauerwellen-Hype aufleben zu lassen. Aristide und Madeleine kehren nach zwölfwöchiger Flitterreise ins traute Heim zurück, als ein brisantes Telegramm eintrifft, das den frisch Vermählten zu einem mitternächtlichen Rendezvous beordert.

Cousine aus den Staaten

Der gute Freund des Hauses, der türkische Diplomat Mustapha Bei, verkauft den abendlichen Spontan-Ausflug des Gatten als wichtiges Meeting mit dem Jazzkomponisten José Pasodoble — nicht ahnend, dass sich hinter diesem Pseudonym nicht nur eine Frau, sondern auch Madeleines Cousine Daisy Parker verbirgt, die eben aus den Staaten angereist ist.

Sofort wissen die Frauen, was gespielt wird und beschließen, die Frackträger mit ihren eigenen intriganten Mitteln zu schlagen. Was schlussendlich auch gelingt. Dazwischen gibt es allerlei Tamtam und Chi Chi wie eine männliche Bauchtänzergruppe, den Känguru-Hop, Stepp-Einlagen und Chambre separée-Geturtel.

So schwerfälllig sich die Wandelemente auf der Bühne auch drehen und schieben lassen, so sehr hat Danny Costello mit sicherer choreografischer Hand sein ausschließlich männlich besetztes Tanzensemble und auch die Choristen auf schnelle, bewegungsfreudige Aktionen getrimmt.

Wie gut, dass sich auch die Protagonisten ausgezeichnet aufs Tanzen und Singen zugleich verstehen: Frederike Haas hat vom Heimchen ohne Herderfahrung bis zum Möchtegern-Vamp genauso viele Facetten drauf wie ihr Angetrauter (Tobias Bonn), wenn er vom Kofferträger auf den galanten Verführer umschaltet.

Geradezu sensationelle Präsenz und ein sekundengenaues Gesten-Timing offenbart Christoph Marti als mondänes Hollywood-Girl Daisy Parker: Da sitzt Wumm in der Kehle und macht sich eben jahrezehntelange Pumps-Erfahrung bemerkbar. Zusammen mit Andreja Schneider, die wie Marti und Bonn zum Pfister-Trio gehört, als molligem Ehesammler Mustapha gelingen hinreißende Duette mit viel Wortwitz, bei dem sogar auf den alten Heinz Erhardt zurückgegriffen wird.

Bis in die Nebenrollen herrscht aufgekratzter Pep. Andromahi Raptis gibt augenzwinkernd eine streng-verruchte Andalusierin; Hans Kittelmann erweitert sein Rollenrepertoire genau auf dem schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig Schmackes Richtung Butler und Barkeeper; und Cem Lukas Yeginer erbt zwar die undankbare Aufgabe als Trottel vom Dienst, aber sowohl als wuchtige Modeschöpferin wie als Liebhaber-Alibi gelingen ihm szenische Preziosen.

Unsichtbares Orchester

Zu Beginn klingt der Sound des unsichtbar auf die Hinterbühne verbannten Orchesters noch etwas wattig, aber im Verlaufe erzielen Volker Hiemeyer und seine Musiker nicht nur eine erstaunliche Synchronisation zur Bühne, sondern spielen sich rhythmisch richtig frei. Die Hit-Dichte ist dabei übersichtlich, weshalb gute Einfälle gerne wiederholt werden. Und letztlich endet ohnehin alles in der Gewissheit: "Es ist so schön am Abend bummeln zu gehn. . ."

ZWeitere Aufführungen: 23. und 27. Januar, 10., 17. und 25. Februar. Karten: Tel. 09 11 / 2 16 27 77. 

JENS VOSKAMP

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