Sonntag, 17.11.2019

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Kleist in Erlangen: "Der zerbrochene Krug" ist eine Schau

Auf der Hinterbühne des Markgrafentheaters ist der Knüller der Saison zu sehen - 30.06.2019 14:43 Uhr

Wie Schachfiguren: Dorfrichter Adam (Ralph Jung, Mitte) versucht alle anderen von seiner Unschuld zu überzeugen und schreckt nicht davor zurück, auch den Gerichtsrat (Charles P. Campbell, links) und seinen Schreiber (Martin Maecker) für dumm zu verkaufen. © Jochen Quast


 Unabhängige Justiz ist keine Selbstverständlichkeit, das hat schon Heinrich von Kleist gewusst. Sein Dorfrichter Adam im „Zerbrochenen Krug“ hat selber Dreck am Stecken, und so wie ihn Ralph Jung in der Erlanger Inszenierung von Intendantin Katja Ott spielt – selbstbewusst, viril, übergriffig gegen alle und jeden und vor allem mit elastischem Gewissen, wenn es ums Lügen geht – erinnert er fatal an manche Zeitgenossen in entscheidenden Funktionen. Das Stück, das die Zuschauer wie eine Jury rund um den eingezäunten Gerichtsbereich auf der Hinterbühne des Markgrafentheaters erleben, ist eine Wucht, zwei Stunden beste Unterhaltung und ausgezeichnet gespielt. 

Der Dorfrichter wuchtet sich aus einer Klappe am Boden, zerstört, in Unterhose, aber mit unzerkratzem Selbstbewusstsein: Der missglückte Übergriff auf Eve, bei der der Krug zerbrochen ist, scheint ihn eher zu belustigen, für seine Wunden hat er Ausreden, die sich immer wieder widersprechen - macht nichts, er ist der Richter, ihm muss alle Welt glauben.

Video als Bühnenbild

Bekanntlich geht es anders aus. Katja Ott hat für den Kleist-Klassiker nicht nur die passende Bühnen-Situation, sondern auch Video-Einspielungen erdacht, die die Schauspieler wie Schachfiguren auf dem quadratischen Brett von oben einfangen. Dazwischen sind Nahaufnahmen der Darsteller im Riesenformat stimmig zur Szene geschnitten, die live zu sehen ist, was die Aussagen jeweils konterkariert mit dem Gesichtsausdruck derer, die sie betreffen.

Am Ende löst Eve die Lügengespinste des Richters in einem langen Monolog auf: Lisa Fedkenheuer beeindruckt mit ihrer konzentrierten, nicht larmoyanten, sondern in ihrer Unbedarftheit trotzdem heldenhaft-konsequenten Darstellung des Mädchens. Für sie, den Gegenspieler Ralph Jung und das gesamte Ensemble und Produktionsteam gab es tosenden Applaus.

Wer mal wieder einen Klassiker sehen will, wer  Kleists raffiniert-witzige Abrechnung mit Amtsanmaßung, Geschlechterrollen und Machtgefälle in einer absolut aktuellen Form sehen will, sollte diesen "Krug" nicht

verpassen. Im Herbst wird er wieder aufgenommen.

www.theater-erlangen.de

Katharina Erlenwein

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