Donnerstag, 21.11.2019

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Kunst aus Spaniens Sonne für Allerheiligen-Kirche

Malerin Ursula Jüngst arbeitet an einem XXL-Fenster und überträgt ihre Farbkompositionen in einem aufwendigen Prozess auf Glas - 14.01.2019 19:00 Uhr

An der Außenwand einer Lagerhalle in der Nähe von Barcelona hat die Nürnberger Malerin Ursula Jüngst ihr riesiges Bild mit dem Titel „Fiesta de la Vida“ geschaffen, das nun Strich für Strich auf Glasplatten übertragen wird. Ein Jahr lang wird dieser Prozess dauern. © Foto: Ursula Jüngst


Der sportliche Aufwand war enorm: Um ihr XXL-Bild in den Griff zu bekommen, musste Ursula Jüngst auf wackligen Gerüsten balancieren und auf den federnden Brettern eine Höhe von über vier Metern erklimmen — samt Pinseln und Farbe versteht sich. Und das Ganze noch dazu im Freien, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt war und schnell reagieren musste, wenn Sturm oder Niederschlag ihre Leinwände zu beschädigen drohten. Aber in welchem Innenraum hätte sie schon Platz gefunden für ein vier Meter hohes und sechs Meter breites Bild?

Also suchte sich die Malerin eine Lagerhalle in der Nähe von Barcelona, der Stadt, in der sie (ebenso wie an der Nürnberger Akademie) studiert hat und noch heute regelmäßig arbeitet ("ich brauche einfach das Licht dort"). An der Außenwand der Halle hat sie die insgesamt 24 Leinwände tagein, tagaus zum Arbeiten aufgehängt — und abends wieder vor Wildschweinen, Dieben oder Regen in Sicherheit gebracht oder manchmal auch früher, wenn schlechtes Wetter aufzog.

Staunen vor der Größe

Vor der Wand stand besagtes Gerüst, auf dem sie malte und Strich für Strich mit Gefühl und sicherer Hand ihr vorwiegend aus wirbelnden Gelb- und Blautönen bestehendes Gemälde in einem Dreivierteljahr komponierte. "Anfangs stand ich staunend vor dieser Wand und ihrer Größe", gesteht sie. Jetzt, wo das Werk fertig ist, geht die Arbeit aber erst richtig los.

Funktioniert das Verfahren? Geht der Plan auf? Anhand von Probeplatten wird die Wirkung der Farben direkt vor Ort in der Taufkapelle der Pfarrkirche Allerheiligen in Nürnberg getestet. Bislang bestehen die Fenster aus milchigem Industrieglas. Das soll sich demnächst ändern. Ursula Jüngst gewann 2017 den dafür ausgeschriebenen Kunstwettbewerb. Vorwiegend aus Blau- und Gelbtönen besteht ihre Komposition, die sie mit Hilfe von Experten nun auf Glas „übersetzt“. © Foto: Ursula Jüngst


Ursula Jüngst hat 2017 den Kunstwettbewerb für die Taufkapelle der Allerheiligen-Kirche in Schoppershof gewonnen. Die unter Denkmalschutz stehende Saalkirche ist ein charakteristisches Beispiel der Nachkriegsmoderne und wurde 1955 von Winfried und Peter Leonhardt erbaut. Die mit zwölf großen Fenstern versehene Taufkapelle ist als Rundbau an das Langhaus angegliedert. Bisher wird der Raum von milchigem Industrieglas begrenzt. Das soll sich ändern.

Für Ursula Jüngst war der Wettbewerbssieg der Aufbruch in ein Abenteuer: Wie, so fragte sie sich, kann sie ihre abstrakte Malerei mit den tanzenden, wirbelnden Farbstrichen auf Glas übertragen? "Der Pinselstrich ist mein Modul, mit dem ich komponiere", erklärt Jüngst. Sie variiert Richtung, Tempo und Farbdichte beim Auftragen und schafft so Tausende von (Farb-)Begegnungen und -Nuancen auf den flirrenden Leinwänden.

Mit der Firma Derix aus Wiesbaden fand sie echte Experten und innovative Tüftler in Sachen moderner Glasfenster. Schließlich hat sich auch der berühmte Kollege Gerhard Richter mit seinem Fenster für den Kölner Dom in die Hände dieser Firma begeben. Zusammen mit den Experten geht es nun an die Übersetzung ihrer Malerei in das andere Medium. Die Kunst dabei: Der Charakter ihrer Bilder soll erhalten, ja im Idealfall noch verstärkt werden. Erste Probestücke zeigen, dass das gelingen kann. Der Aufwand dafür ist aber enorm.

Assoziationen an den Himmel

Jeder einzelne Farbstrich auf den fertigen Leinwänden, die nun mit der Spedition aus Barcelona nach Nürnberg kamen und an der Wand in ihrem Atelier in Johannis hängen, wird nun auf Glas übertragen. "Mein Bild wird in mehrere Ebenen zerlegt", sagt Jüngst und zeigt die 50 mal 90 Zentimeter großen Probeplatten aus Glas. Die eine ist den Blau-, die andere den Gelbtönen gewidmet. "Die Farbe Blau steht stellvertretend für das Taufwasser, überhaupt das lebenswichtige Element Wasser und auch für Assoziationen an den Himmel, sowie an das Blau von Marias Mantel", sagt Jüngst. Gelb symbolisiert das Geistige, Licht, die lebensspendende Energie der Sonne, Wärme. "Von oben schwingt Gelb herab und verbindet sich immer wieder mit Blau zu einer Feier des Lebens und verbreitet lebensbejahende Freude", erklärt die 52-Jährige.

„Der Pinselstrich ist mein Modul“, sagt Ursula Jüngst. © Foto: Ursula Jüngst


Die Farben strahlen

Die Farbe wird nun auf die gelb beziehungsweise blau grundierten Platten aus opakem, mundgeblasenem Glas aber nicht aufgetragen, sondern davon abgenommen. Das kann man auch fühlen, wenn man über die leicht erhabenen Striche streicht. So bleibt die Fläche des Strichs erhalten – gleich dem pastosen Strich auf
der Leinwand. Und die Farben strahlen.

Zig Abätzungsprozesse sorgen für ein nuancenreiches Farbenspiel innerhalb eines Tones. Übereinandergelegt wird das Ganze zum zweischichtigen Farbentanz, der auf einer dritten Platte noch intensiviert wird. Auf der kann Ursula Jüngst dann wirklich malen. Allerdings im Blindflug. Wie ihre Striche aus Lila und Grün, Weiß oder Rot im Endeffekt aussehen, sieht sie erst nach zwölf Stunden Einbrennzeit. Vorher sind die Mineralfarben nämlich unterschiedslos Grau.

Mindestens ein Jahr lang, so schätzt Ursula Jüngst, wird sie zusammen mit den Wiesbadener Experten an dieser neuartigen Übersetzung ihrer Malerei in Glas arbeiten. Belohnt werden sollen die Künstlerin und die künftigen Besucher der Taufkapelle mit einer völlig neuen Tiefenwirkung ihrer schwebenden Farbklangkörper an diesem spirituellen Ort.

BIRGIT RUF

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