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Mariss Jansons kommt nach Nürnberg

Vor seinem Konzert spricht der Stardirigent über Musik-Vermittlung und Entspannungstechniken - 17.05.2019 14:43 Uhr


Herr Jansons, in München rechnet man Ihnen hoch an, dass Sie den Berliner Philharmonikern einen Korb gaben und das Amsterdam Concertgebouw Orchester zugunsten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks abgaben: Ist es die Aussicht auf den neuen Konzertbau am Ostbahnhof, der Ihre Treue wachsen ließ?

Meine Überzeugung ist, ich habe noch nicht alles gesagt mit diesem Orchester. Meine Anhänglichkeit an München besteht ganz unabhängig vom neuen Konzertsaal. Wenngleich es so wichtig ist, dass das BR-Symphonieorchester, das wirklich zu den besten in der Welt zählt, endlich auch räumlich ein Zuhause erhält.

 

Glauben Sie, dass Sie die Eröffnung des Neubaus noch aktiv erleben werden?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Keiner weiß, wie lange es dauern wird, bis die Halle steht. Es geht auch nicht darum, ob ich die Eröffnung noch erlebe, sondern dass München und auch Bayern insgesamt einen erstklassigen Saal erhält.

 

Nach Nürnberg bringen Sie nicht nur Ihr Orchester, sondern auch Bariton Thomas Hampson mit. Warum haben es Orchesterlieder im Konzertbetrieb noch schwer?

Ich glaube, das Genre hat es nicht schwer beim Publikum. Denn wenn Sie Orchesterlieder ansetzen, sind die Hallen immer voll. Das größere Problem besteht darin, die Sänger für solche Projekte zu begeistern. Die meisten stecken so tief in ihren Opernaufgaben, dass ihnen wenig Zeit für anderes bleibt. Bedenken Sie auch: Das Repertoire ist begrenzt und die Proportion zwischen einem ausgewachsenen Sinfonieorchester und einem einzelnen Sänger ist zugegebenermaßen nicht sonderlich fair. Das schreckt Sänger auch ab.

 

Dirigieren ist eine große physische, mentale und emotionale Kraftanstrengung. Ist das Ihrer Meinung nach nur mit totaler Verausgabung zu leisten?

Das ist natürlich immer individuell und hängt auch vom Temperament eines Typs und der Schwierigkeit eines Programms ab. Aber es stimmt schon: Man hat ein anstregendes Repertoire erarbeitet und muss nächste Woche wieder so einen Kraftakt stemmen. Das ist nicht ohne. Man muss also lernen, sehr schnell zu akkumulieren und sich neue Energien zu verschaffen. Das ist nicht immer leicht. Das hat mit psychologischer Stärke zu tun: Man darf sich der Erschöpfung nicht hingeben, sondern muss mental schon das nächste Projekt vorbereiten.

 

Wie verschafft sich Mariss Jansons neue Energien?

Zum einen gehe ich wahnsinnig gerne ins Theater oder ins Kino. Dann treffe ich mich mit lieben Freunden. Dabei ist dann wichtig, dass über alles geredet wird – nur nicht über Musik. Das hat sich bei mir bewährt.

 

Alle suchen nach dem Königsweg, wie die klassische Musik nachfolgenden Generationen erschlossen werden kann. Was glauben Sie, ist das beste Mittel?

Das ist eine sehr, sehr wichtige und schwierige Frage. Überall auf der Welt, nicht nur in Deutschland, haben wir Probleme, neues Publikum zu gewinnen. Das ist schade, denn wir strengen uns wirklich an, geben viele Konzerte für junge Leute, haben Education-Projekte und vermitteln viel. Doch ich finde, das bringt sehr wenig. Meiner festen Überzeugung nach muss man ganz kleine Kinder mit dieser Welt vertraut machen. Schon im Kindergarten können sie unterscheiden, was gute Musik ist und was nicht. In dem Alter sind Kinder noch unverstellt und reagieren auf alles, was sie interessiert und fesselt, oder eben nicht. Das gilt nicht nur für Musik, sondern auch für andere kreative Bereiche wie Malen oder Theaterspielen. Später wird es immer schwerer, weil die Einflüsse so mannigfaltig werden. Ich glaube jedenfalls nicht an die Theorie, dass Menschen mit 40 oder 50 Jahren noch ihren ästhetischen Geschmack formen oder verändern wollen. Vereinzelt mag das vorkommen, aber im Grunde sind wir in ästhetischen Fragen ein Produkt unserer kindlichen Erfahrungen.

 

Wenn ich mich nicht täusche, ist der Auftritt am 18. Mai ihr Debüt in der Meistersingerhalle.

Nicht ganz. Vor über dreißig Jahren war ich schon einmal mit den St. Petersburger Philharmonikern zu Gast in Nürnberg. Aber um ehrlich zu sein: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Eigentlich ist es ein Debüt, denn ich war ja noch nicht mit dem BR-Orchester dort. INTERVIEW: JENS VOSKAMP

InfoKonzert am 18. Mai, Meistersingerhalle; Karten-Tel. 09 11/2 16 27 77 oder unter www.hoertnagel-konzerte.de

Mariss Jansons, 1943 in Riga/Lettland als Sohn eines Dirigenten und einer Mezzosopranistin geboren, begann seine Laufbahn bei den Leningrader Philharmonikern. Seitdem hat er viele große Orchester weltweit geleitet, unter anderem das Oslo Philharmonic Orchestra, das London Philharmonic Orchestra und das Pittsburgh Sinphony Orchestra. Seit 2003 ist er Chefdirigent des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des BR-Chors. Von 2004 bis 2015 leitete er zudem das Amsterdamer Concertgebouw Orchester. 2015 lehnte er das Angebot, Nachfolger von Simon Rattle in Berlin zu werden, zugunsten der Münchner ab.

INTERVIEW: JENS VOSKAMP

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