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Meisterliches Filmepos: "Bis dann, mein Sohn"

Ein chinesisches Familiendrama, erzählt über drei Dekaden - 14.11.2019 12:21 Uhr

Zeitsprung zurück in glückliche Tagen: Eine Szene aus dem vorzüglichen chinesischen Familiendrama „Bis dann, mein Sohn“. © Foto: Piffl Medien


Das Leben ist sehr lang", schrieb einst der Schriftsteller T. S. Eliot. Aus einem langen Menschenleben erzählt der chinesische Filmemacher Wang Xiaoshuai ("Beijing Bicycle") in seinem neuen Epos "Bis dann, mein Sohn" und strickt daraus ein bittersüßes Familiendrama.

Yaojun und seine Frau Liyun (super: Wang Jingchun und Yong Mei) arbeiten in einer Metallfabrik im Norden Chinas. Die Zeiten sind hart, das Echo der Kulturrevolution hallt noch nach. Trotzdem sind es glückliche Tage für das junge Paar, das mit den Kollegen im Wohnheim der Fabrik zusammenlebt. Vor allem mit Yaojuns Schwester und ihrem Ehemann entspinnt sich eine enge Freundschaft. Deren Sohn Haohao wird am selben Tag geboren wie ihr Sohn Xingxing.

Doch im Alter von zwölf Jahren ertrinkt Xingxing beim Baden in einem Stausee. Als Liyun dann auch noch ihre Arbeit verliert, ziehen die trauernden Eltern in eine Kleinstadt tief im Süden, wo sie einen Jungen adoptieren. Der verlorene Sohn lässt sich jedoch nicht einfach so ersetzen. Doch da sind noch weitere dunkle Schatten, die über der Ehe von Yaojun und Liyun und ihrer Flucht in den Süden hängen ...

"Bis dann, mein Sohn" ist ein Film über Freundschaft in schicksalhaften Zeiten, aber auch über drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte. An Themen steckt alles drin, was das Leben so heikel macht: Freude und Trauer, Sehnsucht und Wehmut, Ankunft und Abschied, Liebe, Schuld, Vergebung, Alter, Enttäuschung, Lebenslügen und immer wieder die Zeit und der jeweils herrschende Zeitgeist, deren Sklave man ist.

Wang Xiaoshuai hat viel zu erzählen, doch er verzettelt sich nicht. Vor allem trifft der Regisseur und Drehbuchautor den richtigen Ton. Erst nach und nach fächert er seine kleine Familiengeschichte auf und zeigt unter anderem, was die rigide, in China noch bis 2015 propagierte und mit aller Vehemenz durchgeboxte Ein-Kind-Politik mit Familien und Freunden gemacht hat. Doch auch von den enormen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in dem Riesenreich wird gleichsam nebenbei erzählt. Als das Ehepaar ("Wir haben nur noch uns") nach drei Jahrzehnten in den Norden zurückkehrt, erkennt es die Stadt, in der es so lange gelebt hat, nicht wieder. Alles hat sich gewandelt: die Jungen genießen die neuen Freiheiten und scheren sich nicht darum, was die Generation vor ihnen erleben und erleiden musste (warum sollten sie auch?).

Wie das alles mit dem Badeunfall zusammen hängt, mit dem der Film startet, wird nach drei Stunden aufgeklärt. "Bis dann, mein Sohn" (der Film soll der erste Teil einer Heimat-Trilogie werden) ist lang, aber keine Spur länglich.

Hat man sich erst einmal auf die unaufgeregte, poetische Erzählweise mit vielen Zeitsprüngen und einer distanzierten, bisweilen unkonventionellen Kameraführung eingenordet, dann taucht man ein in eine meisterhafte Studie über das Menschliche. Für seine Helden findet der chinesische Filmemacher sogar ein bemerkenswert versöhnliches Ende. Sehr sehenswert. (180 Minuten)

STEFAN GNAD

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