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Neues Stück im Stream: "Isola" am Staatstheater

Eine Satire über das Biedermeier? Nein, über uns und Corona - 24.02.2021 16:59 Uhr


Szene aus Philipp Löhles Satire "Isola".

19.02.2021 © Konrad Fensterer / Staatstheater Nürnberg


Auf echte Theateratmosphäre müssen Schauspieler und Publikum wohl noch eine weitere Weile warten. Doch die zeitweilige Zwangsschließung zeitigt mancherorts innovative Inszenierungen. Etwa beim Nürnberger Schauspiel. Eigentlich sollte „Isola“, ein Stück des Hausautors Philipp Löhle, schon im Dezember auf die Bühne kommen. Nun ist es im Rahmen der Digital-Strategie des Staatstheaters online zu erleben – in einer speziellen Filmfassung (wir berichteten).

Als Autor spüre er durch die momentanen Einschränkungen keine großen Unterschiede, sagt Löhle. Schließlich arbeite er immer für sich allein im stillen Kämmerchen. Dass gerade die ganze Familie zuhause sei, mache es lediglich etwas schwieriger, beim Schreiben in den richtigen Flow zu kommen, lacht er.

Die Ameisen um uns

„Der Job beziehungsweise das, was mich interessiert, bleibt aber mit der Pandemie ungefähr gleich“, erklärt der 42-jährige Berliner. Als Dramatiker versuche er, von außen auf gesellschaftliche Phänomene zu schauen, zu untersuchen, „wie die Ameisen um einen herum funktionieren, zu denen man ja selbst gehört.“ Insofern sei Corona – etwa neben Alltagsrassismus, Kapitalismus oder dem Verhältnis der Geschlechter – ein weiteres brisantes Thema. Mit dem einen Unterschied: Es betrifft alle.

So ist im Auftrag des Theaters das Stück „Isola“ entstanden, das Löhle als künstlerische Reaktion auf die Krise versteht. In der Inszenierung von Schauspielchef Jan Philipp Gloger hat es am 26. Februar Online-Premiere.
In einem deutschen Wohnzimmer wollte Löhle seine Geschichte gleichwohl nicht spielen lassen. „Ich will im Theater ja auch nicht eins zu eins die Situation vorgeführt bekommen, die ich schon von daheim oder von den Nachbarn kenne“, betont er. Wie also über die Krise schreiben, ohne sie direkt zu beschreiben?

Lockdown im Biedermeier

Auf der Suche nach dem Allgemeingültigen wählte Löhle die satirische Groteske und verortete sie im Jahr 1838, in die Zeit des Biedermeier, der für Dekadenz und den Rückzug ins Private steht. Alles dreht sich um einem jungen Adeligen, der sich nach dem Tod seines Vaters endlich selbst als Graf bezeichnen darf. Anlass genug, um im Schloss ein Fest zu geben. Während der Feier stirbt zuerst ein Poet. Er wird nicht der einzige bleiben. Aus Furcht vor einem unbekannten Mörder schließt sich die Partygesellschaft ein und hofft, dass der Spuk vorübergeht.

Keine Frage: es wird gruselig bei diesem Fest...

19.02.2021 © Konrad Fensterer / Staatstheater Nürnberg


Auf einer zweiten Ebene trifft ein Jugendfreund des frischgebackenen Grafen auf die disparate Gruppe und taugt ihr prompt als Täter. Sein Schicksal, soviel sei verraten, ist grausam.

Wie in der Pandemie bekommt die Wissenschaft im Stück ebenso eine Stimme wie die Esoterik und die Angst vor dem Bösen. Inspirieren ließ sich der Autor unter anderem von der Schauerromantik Edgar Allan Poes, August Klingemanns satirischen „Nachtwachen“ und dem Horror-Filmemacher George A. Romero („Die Nacht der lebenden Toten“). „Ich mochte diese Stimmung, sie springt einen theatral sofort an“, verrät Löhle. Auch der „Traum versus Realität“-Topos und der Natur-Bezug der Romantik, an deren Ende die Biedermeierzeit steht, faszinierten ihn.

Passend zur Kulisse

Sein Text ist anders als üblich nicht vor der Produktion des Stücks, sondern parallel zum Bühnenbild entstanden. Immer wieder habe es Absprachen mit dem Regisseur gegeben. Für Löhle, der sich „zum Schreiben gern einigelt“, sei es eine ganz neue Arbeitserfahrung gewesen. Der Videospezialist Sami Bill hat die Groteske zudem in ein online-gerechtes Filmformat gepackt. „Kein Spielfilm“ betont der Autor, auch kein gestreamtes Theaterstück sei das, sondern ein „Gesamtkunstwerk“, in dem die Inszenierung erhalten blieb.

Die Gefahr, dass unsere Gesellschaft durch die Pandemie und den Lockdown in eine neue Biedermeierlichkeit driftet, sieht Löhle bei all dem nicht. „Es handelt sich aktuell ja um keinen freiwilligen, sondern einen erzwungenen Rückzug ins Private. Im besten Fall regt er zum Nachdenken über unsere Freiheiten an.“

Uraufführung am 26. Februar, 19.30 Uhr, auf Youtube, wo „Isola“ dann 48 Stunden zur Verfügung steht, sowie noch einmal am 20. März. Info unter www.staatstheater-nuernberg.de

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