Nürnbergs neuer Schauspieldirektor Gloger über seine Pläne

21.5.2018, 10:06 Uhr
Das Antiken-Projekt

Das Antiken-Projekt "Die Troerinnen/Poseidon-Monolog" in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger kommt als Übernahme vom Staatstheater Karlsruhe nach Nürnberg. © Foto: Felix Grünschloß/Staatstheater Karlsruhe

Herr Gloger, haben Sie sich schon mit Nürnberg und dem Staatstheater angefreundet?

Jan Philipp Gloger: Ja, sehr, ich habe den Eindruck, dass ich in eine theaterbegeisterte Stadt komme, wo viel möglich ist. Das Schauspielhaus ist sehr schön, da hat man fast alles, was das Herz begehrt. Da ich schon den sechsten Sommer in Bayreuth bei den Festspielern bin, ist mir auch die Region schon ein wenig vertraut. In Nürnberg gefällt mir die Vielfalt und Heterogenität einer einerseits traditionell bürgerlich, andererseits migrantisch geprägten Gesellschaft. Das finde ich sehr anziehend. Auch dass diese Stadt eine gewisse Bescheidenheit ausstrahlt, finde ich sympathisch.

Probleme mit der fränkischen Mentalität haben Sie nicht?

Gloger: Das ist doch kein Problem. Die regional unterschiedlichen Mentalitäten finde ich eines der spannendsten Phänomene in Deutschland überhaupt. Ich selbst komme von der Grenze zwischen Rheinland und Westfalen. Mich interessiert, worüber gelacht wird und worüber nicht. Das gilt es aufzusaugen und zu untersuchen. Es gibt hier eine hintergründige Form von Humor so mit einem Augenzwinkern. Lachen ist ja einer unserer Rohstoffe. Wenn man die Leute nicht zum Lachen bringt, kann man gleich nach Hause gehen als Theatermacher. Lachen kann Erwischtwerden und Selbsterkenntnis bedeuten. Worüber lacht der Franke? Das erforsche ich zur Zeit noch, nach meiner ersten Spielzeit werden wir weiter sehen.

Macht es Ihnen Angst, dass Sie ein großes Erbe antreten? Klaus Kusenberg hat hier ja fast zwanzig Jahre lang das Schauspiel geprägt...

Gloger: Theater bedeutet immer Veränderung. Mit jeder neuen Produktion wird eine neue Welt erschaffen. Deshalb finde ich den Begriff Erbe in diesem Zusammenhang nicht zwingend. Auch ich selbst und das neue Schauspiel in Nürnberg werden sich ständig entwickeln und in Bewegung sein. Klaus Kusenberg hat es geschafft, dass Uraufführungen hier an der Tagesordnung sind. Da ist ein Nährboden da und ein Publikum, das sich auf Neues einstellen kann.

Müssen sich die Nürnberger auf ein komplett neues Theater einstellen?

Gloger: Nein. Die Nürnberger dürfen sich darauf einstellen, dass bestimmte Dinge stilistisch weitergehen. Ich glaube auch an das Geschichtenerzählen und die Verwandlung von Figuren auf der Bühne. Ich habe schließlich bei Dieter Dorn angefangen, aber auch bei Heiner Goebbels Theaterwissenschaft studiert. Das heißt, ich glaube auch daran, dass das Theater ein Instrument ist, mit wir unsere Wahrnehmung befragen und unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen können. Zwei Seelen wohnen also – ach! – in meiner Brust. Das Stichwort heißt: Erweiterung des Spektrums. 

Hat Nürnberg Nachholbedarf bei innovativen Theaterformen?

Gloger: Ein bisschen vielleicht, aber ich persönlich liebe einfach ein ganz breites Spektrum an Theaterformen. Ich möchte alles, was es an Möglichkeiten gibt, hier zeigen. Vom psychologischen Schauspielertheater bis hin zu hochexperimentellen Formen. Vielfalt heißt die Devise.

Wenn man sich die Liste Ihrer Inszenierungen ansieht – von Händel bis Jelinek, von Euripides bis Kafka –, liegt die Frage nahe: Ist vor Ihnen eigentlich gar nichts sicher?

Gloger: Ich möchte mich nicht als Regisseur stilistisch festlegen, das empfinde ich immer als eitel. Mich interessiert der Gegenstand. Deswegen kann ein Thema wie die Sterbeindustrie genau so spannend sein wie ein Text von Shakespeare. Ich liebe das psychologische Erzählen ebenso wie musikalische Experimente.

Wie schlägt sich das im Spielplan nieder?

Gloger: Das Spektrum der Regie-Handschriften ist so breit wie möglich – und es wird deutlich internationaler als bisher. Das geht vom Altmeister Dieter Dorn, der einen Abend mit Stücken von Beckett und Feydeau in Szene setzen wird, bis zu Boris Nikitin, einem der großen Stars der freien Szene. Die neuen Formen zeichnen sich auch durch Kollektive aus, dafür steht etwa die Costa Compagnie. Bei dieser Produktion, für die wir die Förderung im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes erhalten haben, kooperieren wir mit dem Staatstheater Oldenburg. Für das Projekt "Independence for all" über Unabhängigkeitsbestrebungen recherchiert die Costa Compagnie in Nürnberg, aber auch im Sudan und in Großbritannien. Dann wird Armin Petras bei uns inszenieren: Die "Kleine Geschichte der Bewegung" der tschechischen Erfolgsautorin Petra Hulová ist eine Koproduktion mit den Städtischen Bühnen Prag. Ein drittes Projekt ist "Das Ding" von Philipp Löhle, der unser Hausautor sein und inhaltlich an der Gestaltung des Hauses mitarbeiten wird. Bis auf ein Stück ("Robert Redfords Hände selig") zeigen wir in der kommenden Spielzeit nur neue Produktionen.

Wie haben Sie vor diesem Hintergrund Ihr Ensemble ausgesucht?

Gloger: Wir wollen das Theater über die Jahre in Programm, Personal und Publikum mit kultureller Diversität zusammenzubringen. In dieser Stadt mit der zweithöchsten Migrantenrate in ganz Deutschland ist das Pflicht – auch im Schauspiel. Unser Ensemble hat 24 Mitglieder und besteht zu einem Viertel aus Leuten, die mit einer zweiten Muttersprache aufgewachsen sind. Das ist ein Trend der Zeit, aber auch Realität, wenn ich hier auf die Straße gehe. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, dass alle Bevölkerungsgruppen ihre Geschichten erzählen und ihre Erfahrungen mit einbringen. Das heißt, nicht nur das Programm, auch das Personal soll internationaler werden.

War es schwierig, die passenden SchauspielerInnen zu finden?

Gloger: Wir haben sehr viel Mühe darauf verwendet. Aber das Ensemble besteht zum einen Teil aus Weggefährten, mit denen ich schon jahrelang zusammenarbeite und die mich kennen. Das war ja auch ein Grund, mich in Nürnberg niederzulassen: Ich sehne mich nach einer künstlerischen Heimat. Dann gibt es viele auch für mich neue Kolleginnnen und Kollegen, und ein weiteres Viertel des Ensembles übernehme ich von Klaus Kusenberg.

Ende September wollen Sie richtig loslegen. Was erwartet die Zuschauer?

Gloger: Gleich am ersten Wochenende wollen wir ein großes Spektrum zeigen. Der erwähnte Ionesco-Abend ist unser Blick auf die absurde Welt. Das absurde Theater passt sehr gut in eine Zeit, in der Fake News an der Tagesordnung sind. Dann kommt Tschechows "Möwe" in der Inszenierung von Anne Lenk – und auch das ist ein Coup. Sie wird neue Hausregisseurin in Nürnberg, obwohl sie seit Jahren fast nur in München, Berlin und Hamburg inszeniert.

Was gibt’s sonst noch Neues?

Gloger: Wir nennen die Bluebox samt Foyer um in "3. Etage". Das soll ein neuer Treffpunkt werden, wo man auch mit den Schauspielern ins Gespräch kommen kann. Denn ein Theaterabend endet nicht mit dem Applaus, sondern mit dem Gespräch das hinterher stattfindet. Wir wollen sehr nahbar sein und suchen den Dialog mit dem Publikum.

Keine Kommentare