11°

Mittwoch, 16.10.2019

|

zum Thema

Rimini Protokoll: Nürnberg wird zum riesigen Laboratorium

Theaterkollektiv will mit seinem Projekt neue Sichtweisen erschließen - 24.05.2019 19:08 Uhr

Bei der Tour de Nürnberg im verspiegelten Truck wird der Blick auf die eigene Stadt ein bisschen schärfer. © Foto: Roland Fengler


Im selben Rahmen und zugleich auf Einladung des Bewerbungsbüros "Kulturhauptstadt N2025" läuft bis 8. Juni auch die Produktion "Do’s & Don’ts", eine aufwändige Rundfahrt "nach allen Regeln der Stadt" durch Nürnberg. Was dieser Trip nicht ist: alltäglich oder gar gewöhnlich. Was er stattdessen ist: sicher keine Offenbarung, aber doch eine Tour d’Horizon mit einigen erhellenden Ein- und Ausblicken.

Worum geht’s: Auf der Suche nach geltenden Regeln in der Stadt wird das Publikum in einem Truck, der früher Schweinehälften transportierte, durch den Süden Nürnbergs chauffiert. Rund 50 Zuschauer sitzen auf einer Art Mini-Tribüne quer zur Fahrtrichtung. Vor sich haben sie abwechselnd eine bodentiefe Fensterfront, die den Blick auf die Welt draußen freigibt – oder heruntergelassene Leinwände, auf die diverse Szenerien projiziert werden.

Freiheit und Ängste

Etwa der Blick ins Cockpit, wo mit Stamm-Fahrer Rudi nicht nur ein besonnener Mann mit Käpt’n-Blaubär-Gemüt sitzt, sondern auch Elias aus Nürnberg. Der Zehnjährige spielt bei der Generalprobe den Tour Guide und sinniert mit Rudi über Gott und die Welt, Leben und Tod, Geld und kindliche Ängste – und über "Do’s & Don’ts", also die Regeln, die unseren Alltag und unser Miteinander bestimmen.

Mit "Do’s & Don’ts" war Rimini Protokoll u. a. bereits in Frankfurt, Hamburg, Essen sowie Glasgow zu Gast. In der Regie von Jörg Karrenbauer und Helgard Haug gehört das Projekt neben verschiedenen Theater-Produktionen zu den Konzept-Angeboten des Kollektivs, die sich gleichsam in jeder Stadt adaptieren lassen. Elias wurde, wie alle anderen an der Nürnberg-Version beteiligten Kinder und Jugendlichen, via Casting vor Ort ausgewählt. Auf der Basis von festen Bausteinen und Gesprächen mit den jungen Sprechern über Regeln, Freiheit und Ängste verfasste Karrenbauer den aktuellen Text – ganz nach der Idee des Kollektivs, das mit offenen Formen, der Einbindung von Laien und der Partizipation des Publikums neue Theaterformen entwickeln und neue Sichtweisen erschließen will.

Zitate aus Thomas Hobbes’ "Leviathan" 

Letzteres gelingt in Nürnberg mitunter durchaus. Vom Glasbau des Künstlerhauses lenkt Rudi den Truck nach einem Stopp am Aufseßplatz in die Wölkernstraße, wo das Panorama-Fenster den Blick dafür schärfen kann, wie bunt und multikulturell die dortige Ladenszene ist. Das ist nichts wirklich Neues, wird im zielgerichteten Alltag aber gern übersehen. Daneben sorgen auf dieser Stadt-Safari immer wieder neugierige Passanten für Lacher, die zwar von innen gesehen werden, von außen aber nicht reinschauen können.

Staunen kann man dann an der Haltestelle Frankenstraße. Dort lässt sich vom Truck aus beobachten, wie die 16-jährige Benigna, die Elias als selbstbewusste Reiseleiterin ablösen wird, lange Minuten unbeweglich in ihrem Hoodie herumsteht, ohne dass es irgendjemanden aus dem Alltagstrott bringt. Und für viele dürfte die irritierend riesige Baubrache an der Beuthener Straße unbekanntes Terrain sein, wo Elias in bestem Google-Sprech und mit Zitaten aus Thomas Hobbes’ "Leviathan" über eine smarte "Future City" referiert.

Keine politischen Botschaften 

Was erlaubt ist und was nicht – und wie widersprüchlich oder widersinnig das manchmal nicht nur für Kinder ist, wird immer wieder nebenbei erörtert. Gedanken zu sozialen oder ökologischen Um-, vielleicht auch Missständen, muss man sich allerdings selbst dazu machen. Denn erklärt wird hier genauso wenig wie angesichts der Villen-Dichte im Nibelungenviertel. Das gehört zum Konzept von Rimini Protokoll, das keine politischen Botschaften senden will. So ist "Do’s & Don’ts" mal mehr, mal weniger substanziell, witzig oder ernsthaft, es gibt Leerlauf und manches klingt aus Kindermund naturgemäß altklug. Doch Rudi, Elias und Benigna machen einen tollen Job.

Die Stadt lässt sich das Projekt, das von der Tafelhalle mitproduziert wurde, eine "mittlere fünfstellige Summe" kosten. "Die Nürnberger Bewerbung war von Anfang an auf einen breit angelegten Partizipationsprozess begründet", sagt Hans-Joachim Wagner, der Leiter des Kulturhauptstadt-Bewerbungsbüros. "Do’s & Don’ts" sei ein prototypisches Projekt für die Bewerbung, weil hier die Stadt aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen auf neue Weise erfahrbar sei.

Termine bis 8. Juni; Karten gibt es ggf. noch an der Abendkasse im Künstlerhaus.

Birgit Nüchterlein E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur