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Saša Stanišic erhält den Deutschen Buchpreis 2019

Schriftsteller erhält Auszeichnung für Roman "Herkunft", in dem er der Frage nach Heimat nachgeht - 15.10.2019 11:49 Uhr

Der aus Bosnien stammende Preisträger Saša Stanišic steht im Kaisersaal des Frankfurter Römers mit seiner Urkunde. © Foto: Andreas Arnold/dpa


"Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist", lautet die Begründung der Jury. "Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte." Der Autor beweise große Fantasie und verweigere sich "der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit".

In seiner Buchkritik (NN vom 15. April 2019) schrieb unser Mitarbeiter Roland Mischke über den Roman: "Was geschieht mit einem Vierzehnjährigen, der Gewalt und Gräueltaten ausgesetzt ist, der die Heimat verliert? Mit seinem Bericht aus dieser Zeit schafft er Ordnung in seinem Leben. Zugleich lässt er noch einmal seine Herkunftswelt auferstehen, um sich von ihr zu lösen. Schreiben als Befreiung.

Stanišic hat Glück gehabt. Als er mit seiner Mutter nach Heidelberg gelangte. Als er das erste Mal das Schloss sah. ,Es wirkte, als sei es schon als blassrote Ruine in den Berg eingelassen worden’, erinnert er sich. ,Als könne es nur so und nur hier, in angenehmer Nähe zum weichen Fluss und den nun unmaskierten Gesichtszügen der alten Stadt, frei von allen Zweifeln existieren.’ Der Junge begreift: ,Auf einmal waren auch wir uns selbstverständlich. Eine Mutter und ihr Sohn auf einem kleinen Platz in Deutschland.’

In der autofiktionalen Erzählung werden komplexe Fragen abgehandelt: Gene, Ahnen und die Eltern, die Mutter muslimische Bosnierin, der Vater Serbe. Einer, der schon früh Krieg, Flucht und Neuanfang erlebt hat, muss seinen Standort in der Welt kartieren: ,Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats, Ertrag und Bekenntnis zweier einander zugeneigter Menschen, die der jugoslawische Melting Pot befreit hatte von den Zwängen unterschiedlicher Herkunft und Religion’."

Saša Stanišic ist einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. 2006 erschien sein Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert", es wurde in 30 Sprachen übersetzt. 2014 überraschte er mit "Vor dem Fest", einer Erzählung aus der Uckermark, für die er den Leipziger Buchpreis erhielt. "Herkunft" ist sein persönlichstes Buch. Es erzählt die Geschichte eines Kriegs und einer Heimatfindung. Indes: "Jedes Zuhause ist ein zufälliges", hat er erkannt.

Die Entscheidung über den Buchpreis traf eine siebenköpfige Jury. Erst wird eine Liste mit 20 Titeln veröffentlicht (Longlist), die später auf sechs verkürzt wird (Shortlist).

Der Preis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Der Sieger erhält 25 000 Euro, die fünf übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2500 Euro.

In diesem Jahr kamen neben Stanišic die Romane von Raphaela Edelbauer ("Das flüssige Land"), Miku Sophie Kühmel ("Kintsugi"), Tonio Schachinger ("Nicht wie ihr"), Jackie Thomae ("Brüder") und Norbert Scheuer ("Winterbienen") in die Endrunde.

Saša Stanišic liest am 7. November, 20 Uhr, bei der "LesArt" im Schwabacher Bürgerhaus am Königsplatz.

dpa/nn

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