Bach-Programm "Erlösung"

Starsopranistin Anna Prohaska eröffnet 70. Musikfest ION

26.6.2021, 00:01 Uhr
Erkundete die düsteren Gefühlszustände der Pandemie: Anna Prohaska.

Erkundete die düsteren Gefühlszustände der Pandemie: Anna Prohaska. © Kathi Meier/ Spiegelhof Fotografie

Die international gefragte Sopranistin Anna Prohaska und Wolfgang Katschner, Lautenist und Leiter der Lautten Compagney, hatten sich während des ersten Lockdowns zusammengesetzt und aus den rund 200 geistlichen Kantanten, die von Johann Sebastian Bach überliefert sind, ein Programm zusammengestellt, das Ängste und Sorgen während der Corona-Pandemie reflektieren sollte. Unter dem Namen "Redemption" wurde es auf CD veröffentlicht.

Nun stellten Prohaska und das auf Barockmusik spezialisierte Ensemble das Programm erstmals vor Live-Publikum vor: zur Eröffnung des 70. Musikfest ION, zu der aufgrund der aktuellen Pandemiebestimmungen immerhin 150 Zuschauer kommen durften - statt der sonst üblichen 800, die sonst in ein ION-Konzert in St. Sebald passen würden.

In dem Programm

In dem Programm "Erlösung" setzt sich Anna Prohaska zum ersten Mal intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs auseinander.

ION-Intendant Moritz Puschke zeigte sich trotzdem glücklich und erleichtert über den echten Live-Charakter dieses Konzerts. Und für alle die, die keine der in Windeseile ausverkauften Karten bekommen hatten, blieb ein Trost: Der Bayerische Rundfunk sendete das Konzert und stellt es zudem als Stream zur Verfügung.

Die Brücke zur ersten ION im Jahre 1951 war ebenfalls schnell geschlagen: Damals fand das erste Konzert in der nur notdürftig instand gesetzten Sebalduskirche statt, nun bedeutete die Eröffnung an diesem Ort nach einem Jahr Corona-Pause (fast alles fand im letzten Jahr nur virtuell statt) für das Festival ebenfalls eine Art "heimkehren" - so das ION-Motto in diesem Jahr.

Das nun beim Musikfest ION vorgestellte Bach-Programm

Das nun beim Musikfest ION vorgestellte Bach-Programm "Erlösung" entstand im ersten Lockdown der Corona-Pandemie.

Anna Prohaska, die vor diesem Projekt kaum als Bach-Sängerin in Erscheinung getreten war, bewies an diesem Abend, dass ihr lyrischer Sopran auch sehr gut für die gesanglichen Anforderungen geeignet ist, die der Thomaskantor in seinen Kantaten stellt: eine Entrücktheit, in der die Stimme klingt, als würde sie schweben. In der Mittellage unangestrengt viele Klangfarben entfalten, in der Höhe Strahlkraft und Beweglichkeit entwickeln, ohne dabei zu kraftvoll oder auftrumpfend zu wirken. Und das mit einer zarten Tiefe zu stützen, die Abgründe andeutet. All das hat Anna Prohaska drauf.

Die "Therapieangebote", die die Kantatentexte für heutiges Pandemieleid anbieten, sind dabei durchaus diskussions- und fragwürdig. Würden alle Menschen im christlichen Erlösungsglauben das Sterben mit Freude erwarten, wie es zum Beispiel in Bachs "Ich habe genug" oder "Ich freue mich auf meinen Tod" (das Prohaska zu einer echten Jubelarie macht) beschworen wird, würden wir als Gesellschaft vielleicht weniger kollektive Ängste durchleiden müssen. Andererseits ließen sich wohl kaum Präventionskonzepte wie Maskenpflicht, Abstand und Impfung durchsetzen.


70 Jahre Musikfest-ION: Sakrale Klänge für das Seelenheil


Aber das ist vermutlich zu irdisch gedacht. Die Gesänge, die den Tod bejubeln, können ja auch nur eine kaschierende Funktion haben: Da sitzt einer im Dunkeln und pfeift.

Die übrigen Kantatentexte thematisierten den Trost im Gebet ebenso wie das Leiden an Körper und an seelischen Zweifeln (musikalisch am treffendsten zum Ausdruck gebracht in "Wie zittern und wanken" ohne basso continuo). Diese Qualen sind wie die Qualen der Pandemie universell; die "Lösungsangebote", die dieser Bach-Abend macht, sind logischerweise sehr christlich konnotiert.

Mit ihren klassischen Konzept-Alben hat Anna Prohaska große Anerkennung geerntet. Auch das Bach-Programm

Mit ihren klassischen Konzept-Alben hat Anna Prohaska große Anerkennung geerntet. Auch das Bach-Programm "Erlösung", veröffentlicht unter dem Titel "Redemption", gehört dazu.

Musikalisch war diese ION-Eröffnung eine Erfüllung, die Musiker der Lautten Compagney Berlin gefielen mit markanten Einzelstimmen (Flöte, Posaunen, Streicher), vor allem aber mit einem klug und flexibel gehandhabten Rhythmus, der Bach manchmal fast wie einen Jazz-Vorläufer klingen ließ. Und auch die vier Chorstimmen der Capella Angelica setzten markante Akzente. Bei "Meine Tage in dem Leide" gesellte sich Anna Prohaska dazu. Ein schöner Schluss.

Stream des Konzerts unter www.br-klassik.de

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