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Tony Sheridan: „Ich habe meine kleine Mission erfüllt“

Interview mit dem Rock-Pionier und früheren Bandkollegen der Beatles - 01.12.2010 23:08 Uhr

Tony Sheridan hat Anfang der sechziger Jahre in Hamburg mit den Beatles gespielt. © PR


Mister Sheridan, nervt es Sie, wenn man Sie auf das Thema Beatles anspricht?

Tony Sheridan: Eigentlich nicht, aber was nervt, sind so typische Fragen: Sag mal, wie war John Lennon wirklich? Vermisst Du nicht die Millionen, die Du nicht verdient hast?

Was bedeutet die Hamburger Zeit mit den Beatles im Rückblick für Sie?

Sheridan: Ich glaube, meine kleine Mission im Leben habe ich ziemlich gut erfüllt. 1960 war ich der erste britische Rockmusiker in Hamburg, und es war einfach notwendig, dass jemand den jungen Deutschen Musik und Rock’n’Roll und Trost mitbrachte.

Das heißt, Sie waren ein musikalischer Entwicklungshelfer in Deutschland?

Sheridan: Ja, so etwas in der Art. Das Schicksal hat mich ausgesucht. Aus meinem ersten Auftritt dort vor 50 Jahren – meine Güte ist das lange her! –, hat sich wahnsinnig viel ergeben. Und darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Welche Rolle haben Sie denn für die Beatles gespielt?

Sheridan: Ich glaube, ich konnte Leute ganz gut inspirieren. John Lennon und Paul McCartney waren damals Typen, die nirgendwo eine Zukunft sahen. Null.

Haben Sie gespürt, dass die damals noch völlig unbekannten Beatles etwas Besonderes hatten?

Sheridan: Man muss dazu das englische Klassensystem kennen. Ich möchte nicht arrogant klingen, aber die meisten Musiker hatten damals keine Schulbildung. Die Beatles und ich gehörten zur Kriegsgeneration und besuchten höhere Schulen mit Uniform und all diesem Quatsch. Das hat uns geprägt. Als wir uns in Hamburg kennenlernten, haben wir diese Gemeinsamkeiten gespürt. Das hatte nicht nur mit der Schule zu tun, sondern mit Lebensart. Die Beatles waren ein bisschen heller und charmanter als die Kids von der Straße, sie hatten etwas drauf, was die anderen nicht hatten.

Hatten Sie nach der Hamburger Zeit noch Kontakt zu den Beatles?

Sheridan: Wir haben uns von Zeit zu Zeit wieder gesehen. Wenn ich Paul treffe, reden wir von den alten Zeiten. Das ist langweilig. Wir gucken dann gegenseitig unsere Falten an. Unsere Zusammenarbeit ist ein abgeschlossenes Kapitel.

Waren Sie nie neidisch auf den Erfolg der Beatles?

Sheridan: Nein, niemals. Das war nicht mein Weg. Ich hatte nicht den Ehrgeiz, in die Hitparade zu kommen. Im Gegensatz zu John Lennon, der sehr ehrgeizig war.

Was war denn wichtiger in Ihrem Leben: Die Beatles oder Bhagwan?

Sheridan (lacht): Beides war wichtig. Musikalisch war natürlich die Hamburger Zeit entscheidend. Man konnte aber leicht unter die Räder kommen. Das ist mir erspart geblieben, ich nahm keine Drogen, nur so Wachmacher. Wir sind in Hamburg erwachsen geworden, aber die Seele ist in St.Pauli zu kurz gekommen. Bei Bhagwan habe ich das dann nachgeholt.

Die Musik hat Ihnen also als Lebensinhalt nicht genügt?

Sheridan: Das ist alles sehr kompliziert. 1967 bin ich als Truppenentertainer nach Vietnam gegangen, obwohl mich Politik damals überhaupt nicht interessiert hat. Das war 18 Monate lang ein Abenteuer ohne Ende. Die amerikanischen GIs waren das beste Publikum der Welt, die haben respektiert, dass wir ihre Musik spielten, also Blues, Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll. Für mich war das wie ein Ritterschlag, denn das Publikum in Hamburg hatte eigentlich gar nicht verstanden, was wir da machen. Nach Vietnam hat mir als Musiker nichts mehr gefehlt, ich hatte alles erlebt. Doch war ich auch so viel Bösem in Vietnam ausgesetzt – Hass, Blut, Angst ohne Ende. Da habe ich mir die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt: Was soll denn das Ganze? Heute bin ich immer noch auf der Suche, aber Bhagwan hat mir einen Weg gezeigt und mein Leben verändert.

Am 8. Dezember ist der 30. Todestag von John Lennon. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Sheridan: Ah, jetzt geht es los! (lacht) Was soll ich sagen? Ich habe ihn als jungen Mann mit Anfang zwanzig erlebt. Er war ganz schön verkorkst, so wie wir alle aus unserer Generation verkorkst waren. Wir sind im Krieg mit vielen Entbehrungen groß geworden. Luxus war ein Fremdwort für uns, Essen das Wesentliche.

Können Sie sich erinnern, was Sie gedacht haben, als Sie die Nachricht von seinem Tod erfahren haben?

Sheridan: Ich war einfach baff, sprachlos. Mir fiel überhaupt nichts dazu ein. Einen Tag später habe ich mir dann gedacht: Mann, was für ein Abgang! Eigentlich ist das typisch John. Er wollte immer Eindruck hinterlassen – und jetzt ist er ein halber Heiliger. Ich bin übrigens nach Liverpool eingeladen, wo nächste Woche ein Riesengedenkkonzert für John im Stadion veranstaltet wird.

Wie kommt es, dass Sie trotz Auftritten in aller Welt am Ende in Deutschland hängengeblieben sind?

Sheridan: Eigentlich ist es ja einerlei, wo man wohnt. Ich tingle immer noch um die Welt, aber im Norden von Deutschland fühle ich mich irgendwie zuhause. Dort ist es flach und es gibt viel mehr Kühe als Menschen – wie in England. Das gefällt mir.

Tony Sheridan & Band spielen am 8. Dezember, 20.30 Uhr, im Nürnberger Künstlerhaus. Kartentel. 0911/2314000.

  

Interview: STEFFEN RADLMAIER

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