Donnerstag, 21.11.2019

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Zwischen Jodeldiplom und Alpenkulisse

Mit großem Aufwand stellt das Staatstheater Nürnberg das Singspiel „Im weißen Rössl“ auf die Bühne - 04.03.2013

Das Geschäft brummt: Das freut die „Rössl“-Wirtin (Michaela Maria Mayer, mit rosa Schürze) nicht wenig. © Jutta Missbach


Man muss die höhere Spielplan-Arithmetik der Intendanz nicht unbedingt verstehen: Quasi zur selben Zeit wollen Schauspiel und Oper mit der leichten Muse und angenehmen Auslastungszahlen punkten. Links läuft die „Rocky Horror Show“, rechts die schlagerträchtige Operetten-Revue. Hier gilt’s eindeutig nicht der Kunst, sondern der Kasse. Hausinterne Abstimmung? Wo käme man da hin! Hausinterne Konkurrenz im Unterhaltungsfach? Mal schauen, ob das wirklich das Geschäft belebt...

Das Musiktheater lässt sich bei diesem Wettbewerb nicht lumpen und fährt auf, was die personellen Ressourcen samt Zitherspieler hergeben. Mit viel Liebe wurden die großen Ensemble-Tableaux entwickelt. Die stimmigen Choreographien von Markus Buehlmann sind akkurat und äußerst detailliert gearbeitet. Vom Schwimmflossen-Ballett über die Melkerinnen-Pirouetten und die Regenschirm-Einlage bis zur Kaiserhuldigung passten bei den Massenauftritten Timing und Schwung. Chor, Bewegungsensemble und Statisterie machen jedenfalls mal wieder einen ausgezeichneten Job. Und weil das Stück an einem Binnensee spielt, lud man sogar eine ehemalige Bundesbeauftragte für maritime Angelegenheiten ein. Sicher ist sicher.

Launige Anspielungen

Zu sehr auf Nummer sicher ging allerdings die Regie von Thomas Enzinger. Er schüttet (vor allem im ersten Teil) eine Menge launige Anspielungen und jede Menge Schalk auf die Bühne, aber letztlich bleibt es bei bravem Nacherzählen. Kommt es zu ironischen Brechungen, werden die gleich wieder gegen die Kalauerwand gefahren. Nicht zuletzt die Reanimierung des Benatzky-Singspiels durch die Geschwister Pfister und Max Raabe in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ vor rund zwanzig Jahren hatte doch aufgezeigt: Wenn das Stück heute noch funktionieren soll, dann braucht es eine gute Portion Mut zu frecher Chuzpe und satirischem Biss.

Der geht der Inszenierung allerdings fast völlig ab. Einzig, wenn der 1916 verstorbene Kaiser eintrifft, das Rotzmaul Giesecke im Reiseoutfit der dreißiger Jahre auftaucht und der schöne Sigismund mit einem Nachkriegs-Auto vorfährt, sind wenigstens die Zeitstile keck durcheinandergewirbelt worden. Ansonsten vertraut man lieber auf begrenzt komisch lispelnde Fräuleins, Alzheimer-Versprecher und die hübsche Idee, den Dauerzwist zwischen einer Jodlerin (ganz hervorragend in Gesang und Spiel: Andrea Jörg) und einem Hahn zum running gag zu machen.

Nach der Pause hängt die kein Klischee auslassende Verliebten-Komödie ziemlich durch. Was auch zu einem gutem Teil am Stück selbst liegt. Da ist man froh, dass Ausstatter Toto die Bühnenbilder beweglich hält: Auf seeblauem Spiegelgrund dreht sich ein sattgrüner Kubus, der wahlweise als Wirtshof, Souvenir-Laden, Kuhstall und Gipfelgestein dienen kann. Die Hotelfenster hängen als Mobile im Raum. Hintergrund und Vorhangprospekt zeigen den bestmöglichen Salzkammergut-Postkartenkitsch.

Für das Auge bietet diese Revue einiges. Und für das Ohr auch: Denn Gábor Káli und seine Orchestertruppe setzen nicht nur auf Walzerseligkeit und Ohrwurm-Romantik, sondern tragen in den Sound einen guten Schuss Jazz ein, der die Nummern drahtig und frisch hält.

Gesanglich und darstellerisch trägt Michaela Maria Mayer den meisten Lorbeer davon: Ihre „Rössl“-Wirtin hat Charme, Esprit und genügend resolutes Auftreten. Eigentlich wird die Sopranistin hier unter Wert eingesetzt.

Salzburger Idom

Volker Heißmann hält den Oberkellner Leopold in der richtigen Waage zwischen berufsbedingter Devotie und eifersüchtiger Raserei. Ansonsten agiert der Komödiant sehr ensembledienlich. Er hat dann seine stärksten Momente, wenn er mit dem Publikum spielen (wie bei der Einübung der Österreich-Hymne) oder blitzschnell auf eine technische Panne reagieren kann. Er singt mit Inbrunst und angedeutetem Salzburger Idiom, ohne die Dialekt-Spuren der fränkischen Oma zu verschweigen.

Ebenso sportiv wie engagiert macht André Sultan-Sade aus Kellner-Azubi Gustl eine kleine Paraderolle. Ob der smarte Hans Kittelmann (Dr. Siedler) wirklich für das Operettenfach geschaffen ist, darf leise hinterfragt werden. Uwe Schönbeck berlinert als Fabrikant und Ahlbeck-Fan Giesecke rollenkonform. Wolfgang Gratschmaier gibt einen kahlköpfigen Verführer, von dem schon ein wenig der Lack ab ist und der gerade noch beim einfältigen Klärchen (Monika Reinhard) landen kann. Richard Kindley darf seinem ansehnlichen Rollenportfolio nach Mime und Hitler nun auch Kaiser Franz-Joseph hinzufügen. Indiskutabel, weil völlig übertrieben und überzeichnet: Isabel Blechschmidt (Ottilie) und Erik Raskopf (Professor).

Alles in allem: Es war einigermaßen schön, es hat mich mittelprächtig erfreut...

Weitere Aufführungen: 9., 11., 12., 17. (zweimal). 23. und 26. März; 5. und 27. April; Karten: Tel. 0911/2162298.
 

JENS VOSKAMP

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