Syrien

Musikkassetten aus glücklichen Zeiten: Wie der Bürgerkrieg zu einem Online-Archiv führte

29.11.2021, 11:25 Uhr
Mark Gergis archiviert etwas, das im Bürgerkrieg sonst verloren gehen würde: Musik von syrischen Kassetten.

Mark Gergis archiviert etwas, das im Bürgerkrieg sonst verloren gehen würde: Musik von syrischen Kassetten. © Foto: Carsten Stabenow

Nicht nur die historischen Gebäude und Einrichtungen, Archive und Sehenswürdigkeiten werden durch Bomben unwiederbringlich vernichtet. Sondern auch all das, was eine alltägliche Kulturlandschaft ausmacht, die uns in unserem normalen Leben gar nicht bewusst ist.

Den Amerikaner Gergis, dessen Vater aus dem Irak stammt, hat das auf eine Idee gebracht. Er lebte lange Jahre in Oakland, arbeitete als Musiker und Produzent und ging irgendwann auf die Suche nach seinen irakischen Wurzeln, vor allem die Musik aus dieser Region hatte es ihm angetan.

Flashback 2009: Ein Blick in Mark Gergis damals noch analogen Kassettenshop.

Flashback 2009: Ein Blick in Mark Gergis damals noch analogen Kassettenshop. © Mark Gergis

Er durchstöberte die Shops der irakischen, syrischen und libanesischen Diaspora in verschiedenen US-Städten, um Musikkassetten zu finden. Teils Importe, teils in den USA produzierte Tapes. Und dann merkte er Ende der 1990er Jahre, dass ihm das nicht mehr reichte. "Ich war mir sicher, da gibt es mehr zu finden, und da ich nicht in den Irak reisen konnte, wegen den damaligen Umständen, meinem irakischen Hintergrund und den Sanktionen gegen die Regierung, reiste ich eben nach Syrien", erzählt Gergis, der heute in London lebt.

Das war 1997. Aufgrund der internationalen Isolation des Iraks unter Saddam Hussein lebten damals viele Iraker in Syrien, gerade im Nordosten des Landes, und brachten sich ein, wirtschaftlich wie auch kulturell. Mark Gergis war fasziniert vom "Melting Pot" Syrien mit all den verschiedenen Einflüssen aus der Region.

In Damaskus, berichtet er, gab es Kassettenkiosks, in denen man kistenweise Musik durchforsten konnte. "Und diese Kioske lagen alle dicht beieinander und spielten die Musik bei voller Lautstärke, um die anderen zu übertönen." Er suchte das Gespräch mit den Verkäufern, wollte dies und das hören, mehr erfahren, Empfehlungen bekommen. Das hatte oftmals zur Folge, dass Mark Gergis zu ihnen nach Hause und zu Hochzeiten eingeladen wurde, um mehr über die Musik und die Musiker zu erfahren.

Gergis begann, Kassetten zu kaufen. Darauf: Musik ganz verschiedener Genres. Auf jeder Reise waren es Dutzende, am Ende, als er nicht mehr nach Syrien einreisen konnte, hatte er mehr als 400 Tapes angesammelt. Darauf kurdische, armenische, arabische und selbst assyro-chaldäische Musik aus Syrien, die die ganze Vielfalt der Region erklingen ließ.

Das alte Syrien gibt es nicht mehr, es ist zu großen Teilen im Bürgerkrieg untergangen. Was es noch gibt, sind Klänge aus der alten Zeit - gespeichert auf Kompaktkassetten. Und die sucht, jagt und sammelt der Exil-Araber Mark Gergis.

Das alte Syrien gibt es nicht mehr, es ist zu großen Teilen im Bürgerkrieg untergangen. Was es noch gibt, sind Klänge aus der alten Zeit - gespeichert auf Kompaktkassetten. Und die sucht, jagt und sammelt der Exil-Araber Mark Gergis. © Mark Gergis

Und immer hatte er seinen Rekorder dabei und nahm auch das auf, was er auf den Straßen und im syrischen Radio hörte. Daraus entstand seine erste Veröffentlichung "I remember Syria", eine Doppel-CD, die 2003 auf "Sublime Frequencies", einem Weltmusik-Label in Seattle, herausgebracht wurde.

Und dann kam der Krieg, der alles in Syrien veränderte. Mark Gergis realisierte schnell, dass er im Angesicht all der Zerstörung und der Flucht von Millionen von Syrern mit seinen Musikkassetten auf einmal einen kulturellen Schatz vor sich liegen hatte. Etliche seiner Freunde waren nun Flüchtlinge in Europa.

Gergis wollte etwas zurückgeben und begann mit seinem Projekt "Syrian Cassette Archives". In dem geht es ihm nicht nur darum, die Musik auf den Tapes zu digitalisieren, zu bewahren und bekannter zu machen. Er bezog auch viele der Produzenten und Musiker ein, um ein umfangreiches Bild der syrischen Musikszene jener Jahre entstehen zu lassen. Dabei stieß er auf offene Ohren und viel Unterstützung. Und er wurde mit der Frage konfrontiert, warum es nicht einfach nur eine Sammlung ist, warum es ein Archiv sein muss?

"Die tragische oder romantische Antwort darauf ist, dass ich die Zerstörung Syriens und seiner Gesellschaft mitansehen musste. Das war der Moment, an dem die Sammlung sich für mich in ein Archiv wandelte. Denn es gab diese Dringlichkeit, all das zu bewahren und von den Leuten zu lernen, die dabei waren und ihre Geschichten zu hören", beschreibt er diese Wandlung.

Viel Wüste im einstmals blühenden Syrien - nicht nur am ausgetrockneten Stausee Al-Duwaisat Dam, sondern auch kulturell.

Viel Wüste im einstmals blühenden Syrien - nicht nur am ausgetrockneten Stausee Al-Duwaisat Dam, sondern auch kulturell. © imago images/Ahmad Fallaha

Musikkassetten als Zeitdokumente, die Webseite als ein Musik- und Geschichtsarchiv. Seine Sammlung sei dabei nur als das Fundament für ein hoffentlich langfristiges Projekt zur Bewahrung der syrischen Musik zu sehen, meint Mark Gergis. Und er sucht weiter nach Aufnahmen aus den "happy times" in Syrien, als jeder und jede ganz einfach mit einem Tape-Rekorder seine eigenen Lieder aufnehmen konnte. Musik, so sagt er, sei für viele Menschen genau wie das Essen der Zugang zu einer anderen Kultur. Und er hofft, durch seine Kassetten den Zugang zur syrischen Kultur für andere geschaffen zu haben.

Mark Gergis' "Syrian Cassette Archives" im Internet: syriancassettearchives.wordpress.com

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