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„Nahrung für die Wissbegierde“

Der Reisebuchautor Johann Wolfgang Heydt lebte zeitweise in Wilhermsdorf - 23.08.2014 06:00 Uhr

Baudirektor und Geometer war Johann Wolfgang Heydt in Wilhermsdorf, zu der Zeit, als die Kirche entstand.

© Heinz Wraneschitz


Der Eintrag im „Handbuch berühmter und denkwürdiger Personen, welche in dem 18. Jahrhundert gestorben sind“, klingt bedauernd: „Da der Verfasser dieses schöne Werk auf seine eigenen Kosten in Wilhermsdorf, einem Flecken und Schloss am Flusse Zenn, zwischen Langenzenn und Windsheim in Franken, hat drucken lassen; so ist es nicht in den Buchhandel gekommen, folglich außer Franken ziemlich unbekannt geblieben.“

Diese Einschätzung gilt Johann Wolfgang Heydt und seinem Buch „Allerneuester Geographisch- und Topographischer Schau-Platz von Africa und Ost-Indien“. Herausgeber des Nachschlagewerks war der Uffenheimer F. K. G. Hirsching. So ganz trifft diese Beurteilung nicht zu.

In Franken wird Heydt heute allenfalls als Schöpfer zweier Kupferstiche mit Erlanger Stadtansichten erwähnt. Seine bedeutende Darstellung von Ländern in Asien und Afrika unter der Herrschaft der Niederländischen Ostindien-Kompanie (V.O.C.) fand hierzulande – im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt – kaum Beachtung. Dabei nimmt Heydts „Schau- Platz“ unter den vergleichbaren Länderbeschreibungen einen hervorragenden Rang ein.

Auf 115 Kupferstichen breitet der Verfasser seine „nach dem Leben“ wiedergegebenen Motive aus. Gesehen unter dem Blickwinkel der „Compagnie“: Städte, Häfen, Castelle, Kirchen, eingebettet in exotische Landschaften und mit sachlichen Texten umfänglich erklärt. Land- und Seekarten ergänzen die Illustrationen.

Den spärlichen Daten zufolge stammt Johann Wolfgang Heydt aus Konstadt in Schlesien, dem heutigen Wolcyn/Polen. Das Geburtsjahr wird meist mit  1705 angegeben. Schon in jungen Jahren habe die Lektüre verschiedener Reisebeschreibungen bei ihm den Wunsch geweckt, einmal selbst „orientalische Länder“ aufzusuchen, heißt es.

Am kurpfälzischen Hof

Bevor er 1733 in Amsterdam in die Dienste der „Vereenigde Oostindische Compagnie“ tritt, quittiert er seine Tätigkeit am kurpfälzischen Hof, über die nichts Näheres mitgeteilt wird. Man kann aber davon ausgehen, dass er dort einen bautechnischen Beruf ausübte, nachdem er später in Wilhermsdorf als „Bau-Director und Geometer“ firmiert.

Zunächst aber wartet das ostindische Abenteuer auf Heydt, über das wir dank der Zeitangaben in seinen gedruckten Aufzeichnungen genauer Bescheid wissen. Er fasst die Anreise nach Ceylon, immerhin eine Seefahrt von sieben Monaten, in einem Satz zusammen:

„Melde aber hier nur kürtzlich, dass es das 1734ste Jahr und der 21te Jenner gewesen, da ich mit den zweyen nach der Insel Ceylon bestimmten Schiffen Meermon und Stadtweyck von dem Texel ausgeloffen, und den 30. August zu Colombo auf der Insul Ceylon angelange, nachdeme wir unterwegs, vom 30. April bis 26. May, wegen benöthigter Erfrischungen auf dem Vorgebürge der guten Hoffnung uns aufgehalten hatten.“

Die Tage an der Küste Südafrikas bleiben nicht ungenutzt. Heydt hält die Landschaft unterhalb des Tafelberges fest. Auch in Ceylon sind Papier und Zeichenstift immer dabei, wenn er als Korporal und Hofmeister seinen Dienst verrichtet.

Geschenke für den singhalesischen König: Den schier endlosen Zug des holländischen Gesandten zur Residenz auf Ceylon hielt Heydt in seinem Reisebuch fest.

© Repro: wpb-Archiv


Zu den Höhepunkten seines zweieinhalbjährigen Aufenthalts in Ceylon (und den Glanzstücken im Buch) gehört die Teilnahme an einer „Ambassade“, die der holländische Gesandte von Colombo aus zum singhalesischen König in Kandy unternimmt. In schier endlosem Zug bewegt sich die Abordnung mit einer Elefantengruppe an der Spitze, geleitet von zahlreichen Eskorten und Helfern, auf die Residenzstadt zu. 1500 Kulis schleppen Gepäck und Geschenke. Der Botschafter wird seiner Bedeutung gemäß liegend getragen. Im Januar 1737 wird Heydt nach Batavia versetzt. Der Wechsel auf die Insel Java sollte sich als Karrieresprung herausstellen. Generalgouverneur Adrian Valckenier beauftragt ihn, die der V.O.C. gehörenden Bauwerke und Anlagen zu dokumentieren. 1738 wird er zum Architekten und Zeichner der Ostindien-Compagnie ernannt.

Eine Erkrankung Heydts läutet 1740 das Ende des ostindischen Abenteuers ein. Am 6. August 1741 trifft er auf der „Ewerstvaart“, einem altgedienten Ostindienfahrer, halbwegs wohlbehalten, im holländischen Mittelburg ein.

Laut Hirsching lebt Johann Wolfgang Heydt nach seiner Rückkunft aus Indonesien in bescheidensten Verhältnissen in Erlangen. Zu klären bliebe, wann er als Baudirektor und Geometer in die Dienste der Grafschaft Hohenlohe-Schillingsfürst getreten ist, zu der damals auch Wilhermsdorf gehört.

Dort, so viel belegt zumindest sein Buch, lässt er in der Werkstatt des „Hof- und Cantzley-Buch-Druckers“ Johann Carl Tetschner den literarisch-künstlerischen Ertrag seines mehr als sechsjährigen Auslandsaufenthalts schwarz auf weiß für die Nachwelt festhalten.

Fertigstellung verzögert

Das 345 Seiten umfassende Werk im Querfolio-Format erscheint im Sommer 1744. Zwar datiert die Vorrede des Verfassers bereits unter „Wilhermsdorf, 1. April 1744“, doch gab es bei der Fertigstellung offensichtlich einige Verzögerung, weil die Lettern (Druckbuchstaben) nicht ausreichten. Zumindest spielt darauf Magister Johann Christian Wibel  in seiner dem Buch vorausgestellten Einleitung an. Wibel, in Wilhermsdorf als evangelischer Pfarrer und Verfasser einer Ortschronik in Erinnerung geblieben, lobt Autor Heydt „wegen seiner sonderbahren Geschicklichkeit und schönen Experienz“.

Ein Verkaufsschlager war das Buch sicher nicht, nimmt man die Lebensumstände Heydts. Aber intellektuelles Interesse weit über Franken hinaus hatte der Autor geweckt. Gewährsmann dafür ist kein Geringerer als Goethe. Am 29. Dezember 1744, also im Erscheinungsjahr der Erstausgabe, entlieh der Dichter das Werk aus der fürstlichen Bibliothek in Weimar. Friedrich Schiller könnte es, wie eine Studie unterstellt, als Anregung für die Figur des Ostindienfahrers Kosinsky im Schauspiel „Die Räuber“ gedient haben.

In Deutschland zählt Heydt zu den vergessenen Reiseschriftstellern, obwohl das 18. Jahrhundert nicht mit Lob gespart hat. So schreibt Hirsching: „. . . alles, was der Titel verspricht, ist treulich geleistet, . . . der Geograph, der Naturkündiger, der Krieger, der Kaufmann, der Architekt, der Mechaniker, auch der bloße Dilettant, finden hier Nahrung in Überfluß für ihre Wissbegierde.“

Heydt ist Techniker, er stellt dar, hält sich mit der eigenen Meinung zurück. Über abscheuliche Hinrichtungsmethoden der Holländer wie Pfählen und Köpfen mittels einer Primitiv-Guillotine schreibt er ebenso nüchtern wie über das Verhalten von Elefanten oder das Rätsel singalesischer Felsinschriften.

Bis zum Erscheinen seines Buches in Wilhermsdorf bleibt Johann Wolfgang Heydts Lebenslauf halbwegs greifbar, später verliert sich seine Spur. In den biografischen Angaben fehlt nicht nur das genaue Geburtsdatum, sondern auch der Todestag: „nach 1750“, heißt es vage.

WERNER P. BINDER

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