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Nur verhaltene Euphorie über den Geburtenanstieg

Fast 20.000 Babys mehr in den ersten neun Monaten 2010 - 29.12.2010 22:25 Uhr

In den ersten neun Monaten 2010 wurden fast 20.000 Babys mehr geboren als im Vergleichszeitraum 2009

© dpa


Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat aus Fehlern ihrer Amtsvorgängerin Ursula von der Leyen (beide CDU) gelernt. Erfreut, aber doch mit äußerster Zurückhaltung ließ Schröder am Mittwoch durch ihre Sprecherin den von Statistikern ermittelten Geburtenanstieg bestätigen: In den ersten neun Monaten des Jahres 2010 gibt es rund 20.000 Babys mehr. Aber sind das Anzeichen für eine wirkliche Wende?

Arg voreilig hatte Vorgängerin von der Leyen noch vor der Bundestagswahl eine ähnliche Neun-Monate-Bilanz als Erfolgsbeleg für das Elterngeld und ihre Familienpolitik verkauft. Doch das böse Erwachen kam, als dann die Jahres-Gesamtbilanz des Statistischen Bundesamtes vorlag. 2009 wurde mit nur 665 000 Geburten das bislang einmalige Rekordtief im Nachkriegsdeutschland registriert – nicht einmal halb so viele Babys wie im Geburten-Rekordjahr 1964.

Nicht nur, weil sich bei den monatlichen Vorabmeldungen zwischen Kommunen, Landesbehörden und den Wiesbadener Bundes-Statistikern schon mal kleine Fehler einschleichen: Bevölkerungs-Wissenschaftler warnen auch aus ganz anderen Gründen zur Vorsicht bei Kurzzeitbetrachtungen. Denn der Trend bei der Geburtenentwicklung in Deutschland ist jetzt seit 1980 insgesamt rückläufig – gelegentliche einzelne Jahres-Ausreißer nach oben ändern an dieser Trendaussage nichts.

Schon immer ist die Geburtenentwicklung leichten Schwankungen und Wellenbewegungen unterworfen. Bereits vor Einführung der amtlichen Statistik in Preußen galt die Faustregel: Geburtenstarke Jahrgänge produzieren wieder welche. Die sogenannte Baby-Boomer-Generation der 60er Jahre brachte ihre Kinder um 1990 zur Welt – und ließ 1991 zum Beispiel die Statistik wieder auf 830.000 Geburten hochschnellen. Diese Kinder werden wiederum vermutlich um 2020 zu einem leichten Anstieg der Geburtenzahl beitragen.

"Schwarzer Freitag" ließ Geburtenzahlen abstürzen

Noch offen ist, wie weit sich die jüngste Wirtschaftskrise auf die Bevölkerungsentwicklung auswirkt. Die weltweiten Folgen des „Schwarzen Freitags“ von 1929 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Börse ließen in allen Industrienationen die Geburtenzahlen ins Bodenlose stürzen. „Die schwierigen Jahre danach bedeuteten weltweit das Ende der Vielkindfamilie“, analysiert der Berliner Familienforscher Hans Bertram.

Und auch in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR reagierten die jungen Familien dort mit äußerster Zurückhaltung auf die unsicheren Zeiten: Es wurden nur noch halb so viele Kinder geboren wie zu vor. Die Geburtenrate pro Frau sank im Osten von 1,5 auf 0,7. Bundesweit liegt sie heute in Deutschland bei unter 1,4. 

Das Familienministerium verweist auf Umfragen, wonach der Wunsch von Paaren nach einem Kind trotz der noch nicht völlig ausgestandenen Krise zugenommen hat. Schwedische Studien belegen, dass Familien bei ihren Kinderwünschen heute auf Leistungskürzungen des Staates viel sensibler reagieren als auf allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen. Bei Entscheidungsprozessen für oder gegen ein Kind gehe es oft um Dinge, die die unmittelbaren Lebensinteressen der Eltern direkt tangieren, glaubt Bertram.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Elterngeld, Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen – das Familienministerium sieht die Weichen dazu gut gestellt. Wissenschaftler verweisen aber auf internationale Erfahrungen, wonach sich gute Familienpolitik erst langsam in den Geburtenziffern niederschlägt. Frankreich, das mit einer Geburtenrate von 1,9 Kind pro Frau heute in Europa als das „Familienmusterland“ gilt, hatte bereits 1981 mit der Übernahme der Präsidentschaft des Sozialisten François Mitterrand seine Familienpolitik radikal
umgestellt. 

Geburtenzahlen sollen weiter sinken

In Deutschland geht die jüngste Bevölkerungsprognose von einem weiteren Geburtenrückgang aus – sofern sich das Verhalten der Paare in den nächsten Jahrzehnten nicht wesentlich verändert. 2060 werden danach nur noch 465.000 Geburten erwartet, weil gleichzeitig auch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (zwischen 15 bis 45 Jahre) drastisch zurückgeht.

Wie viele der jetzt Neugeborenen von Frauen mit ausländischen Wurzeln zur Welt gebracht wurden, weist die neue Statistik nicht aus. Der jüngste Bildungsbericht von Bund und Ländern verdeutlicht allerdings den explosionsartigen Anstieg des Migrantenanteils in Ballungszonen. So haben in Frankfurt/Main inzwischen 72 Prozent aller unter Dreijährigen ein Elternteil ausländischer Herkunft. In Städten wie München, Stuttgart und Dortmund haben inzwischen mehr als die Hälfte der unter 15-Jährigen einen Migrationshintergrund.

dpa

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