Kriminalität

Nach Geiselnahme am Hamburger Flughafen - Prozess beginnt

29.4.2024, 06:27 Uhr
Mit seiner entführten Tochter im Auto soll der 35-Jährige drei Schranken durchbrochen haben und bis auf das Vorfeld des Hamburger Flughafens vorgefahren sein.

© Jonas Walzberg/dpa Mit seiner entführten Tochter im Auto soll der 35-Jährige drei Schranken durchbrochen haben und bis auf das Vorfeld des Hamburger Flughafens vorgefahren sein.

"Es ging immer nur um meine Tochter" - so erklärt der Hamburger Flughafen-Geiselnehmer seine Tat von Anfang November vergangenen Jahres vor Gericht. "Ich wollte nur Deutschland verlassen, ich wollte, dass die Polizei Wege findet, dass sie uns in die Türkei schicken", sagt der Angeklagte in einer Erklärung, die seine Verteidigerin zum Auftakt des Prozesses vor einer Strafkammer am Landgericht Hamburg verliest. Er habe mit der damals Vierjährigen nach Istanbul fliegen wollen, fügt der 35-Jährige auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters am Landgericht, Torsten Schwarz, hinzu. 

Vor Geiselnahme langer Sorgerechtsstreit

Die Anklage wirft dem Türken Geiselnahme, die Entziehung Minderjähriger, vorsätzliche Körperverletzung und verschiedene Waffendelikte vor. Der schmächtige Mann mit kurzen dunklen Haaren und Vollbart soll am Abend des 4. November seine Tochter aus der Wohnung der Mutter im niedersächsischen Stade entführt haben.

Er fuhr mit dem Kind zum Hamburger Flughafen und durchbrach mit seinem Mietwagen drei Schranken. So gelangte er aufs Vorfeld. Dort schoss er dreimal in die Luft und drohte, sich und das Kind mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft zu sprengen. Erst nach 18 Stunden gab der 35-Jährige auf. Die Sprengsätze erwiesen sich als Attrappen. Hintergrund der Tat war ein jahrelanger Sorgerechtsstreit.

Kind mit List entführt

Bei der Entführung des Kindes griff der Angeklagte zu einer List, wie der Staatsanwalt erklärte: Die Mutter hatte eine Jacke auf eBay-Kleinanzeigen inseriert. Der Beschuldigte klingelte gegen 19.00 Uhr und habe im Flur vor der Wohnung mit verstellter Stimme gesprochen, um sich als Frau auszugeben. Die Mutter öffnete die Tür. Der 35-Jährige habe sie sogleich schmerzhaft am Arm gepackt und mit einer Pistole bedroht. Er habe nach seiner Tochter verlangt, die er 14 Monate lang nicht gesehen habe. Im Wohnzimmer habe er das Handy seiner Ex-Frau an sich genommen, um einen Notruf zu verhindern. 

Die Frau habe dennoch flüchten können und um Hilfe gerufen. Der Angeklagte habe mit der Tochter im linken Arm und der Pistole in der rechten Hand das Haus verlassen. Die Mutter sei ihm gefolgt und habe weiter um Hilfe gerufen. Der Angeklagte habe vor dem Haus einmal in die Luft geschossen und geschrien: "Ihr werdet mich zum Mörder machen!" Der Beschuldigte bestätigte in seiner Erklärung, dass er geschossen habe, um die Frau und die Nachbarn auf Abstand zu halten. Die Drohung habe er aber nicht ausgesprochen. 

Brandsätze, Schüsse und Bombendrohung auf dem Flughafen

Auf dem Rollfeld des Flughafens erklärte er der Polizei laut Anklage: "Ich habe drei Bomber. Ich habe meine Tochter, drei Jahre alt. Ich will Ausreise." Dann habe er zwei brennende Molotowcocktails auf das Vorfeld geworfen und zweimal in die Luft geschossen. Als Polizeifahrzeuge auftauchten, habe er einen dritten Schuss in die Luft abgegeben. Wenig später sei er weiter zu einer Flughafenbrücke in die Nähe einer Maschine der Turkish Airlines gefahren. "Entweder wir werden sterben oder wir werden gehen, ohne jemanden einen Schaden zuzufügen", sagte er der Polizei.

In seiner Erklärung vor Gericht hieß es, er habe mit den Schüssen auf dem Rollfeld die Polizei auf sich aufmerksam machen wollen. Zu den Brandsätzen erklärte er: "Die Polizei sollte durch das Feuer meinen Standort sehen." Wegen des Windes, des Flugzeuglärms und der Sprachschwierigkeiten habe er sich mit den Beamten nicht verständigen können. Später habe er der Dolmetscherin gesagt, dass er eine Bombe im Auto habe. "Aber das war eine Lüge." Er habe nur die Polizei von einem Eingreifen abhalten wollen. 

Angeklagter: Kind schlief friedlich im Auto

Die Dolmetscherin habe ihm gesagt, dass es eine Besprechung der Behörden über das Sorgerecht für sein Kind geben werde. Aber diese Besprechung habe sich bis 3.00 Uhr morgens hingezogen. Die Tochter sei im Auto eingeschlafen. "Sie hat die ganze Zeit geschlafen, so tief und so fest und so wunderschön", erklärte der Vater. Erst um 7.00 Uhr morgens sei das Kind aufgewacht. Es habe Lebensmittel aus seiner Kita-Tasche gefrühstückt und Musik gehört. Er habe gewusst, dass er sich von seiner Tochter verabschieden musste. Aber: "Ich habe es einfach nicht geschafft." Irgendwann habe er verstanden, dass er aufgeben müsse. Die Polizei habe ihm versprochen, dass das Kind direkt der Mutter übergeben werde. 

Beamte finden Waffe

Bei seiner Festnahme hatte der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft eine durchgeladene und scharfe Waffe bei sich, sowie 22 Schuss Munition, ein Messer und ein Reizstoffsprühgerät in der linken Socke. Der vermeintliche Sprengstoffgürtel bestand aus einer Weste sowie Büchern und Kabeln in Alufolie. Um jede Gefahr auszuschließen, zerstörten Entschärfer der Polizei die Bastelei mit einem Wasserschuss, wie der Staatsanwalt erklärte. Der Flugverkehr konnte erst am frühen Abend des 5. November wieder aufgenommen werden. Der Betrieb war mehr als 20 Stunden unterbrochen.

Der Angeklagte bat die betroffenen Passagiere und die Polizei um Entschuldigung. "Ich weiß, dass ich Panik ausgelöst habe." Er akzeptiere, dass er für den Schaden aufkommen müsse und werde, solange er könne, dafür bezahlen. Die Geschäftsführung des Flughafens hat angekündigt, dass sie nach einer rechtskräftigen Verurteilung 500.000 Euro Schadenersatz fordern werde. 

Angeklagter wegen Entziehung der Tochter vorbestraft

Bereits im März 2022 war in Stade gegen den Mann wegen des Verdachts der Entziehung Minderjähriger ermittelt worden, er wurde schließlich rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt. Damals war er laut Polizei unberechtigt mit seiner Tochter in die Türkei gereist. Das Kind konnte jedoch von der Mutter wieder nach Deutschland geholt werden. Als der Vorsitzende Richter den Angeklagten am Montag bat, seine Tochter zu beschreiben, antworte er: "Die Schönheit meiner Tochter kann ich nicht mit Worten beschreiben." Auf die Frage nach ihrem jetzigen Alter sagte er, sie sei fünfeinhalb Jahre alt. Im Februar 2019 sei sie geboren worden.

Verteidigerin Anna Carlotta Bloch verhinderte eine weitere Befragung ihres Mandanten. Er werde am nächsten Verhandlungstag am 13. Mai weitere Fragen beantworten, sagte sie. Das Gericht hat neun weitere Termine bis zum 20. Juni angesetzt.

Der Türke soll am Abend des 4. November vergangenen Jahres seine vierjährige Tochter aus der Wohnung der Mutter im niedersächsischen Stade entführt haben. Dann fuhr er laut Anklage mit dem Kind in einem Auto zum Hamburger Flughafen. Am Airport habe er mit dem Wagen drei Schranken durchbrochen und sei bis auf das Vorfeld gefahren. Von dort habe er über den Polizeinotruf gefordert, dass ihm ein Flugzeug zur Verfügung gestellt werde, das ihn und seine Tochter in die Türkei bringen sollte.

Angeklagter soll mit Sprengstoffgürtel gedroht haben

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, habe er mit einer halb-automatischen Pistole mehrmals in die Luft geschossen und zwei brennende Molotowcocktails aus dem Fahrzeug geworfen. Zudem soll er die Attrappe eines Sprengstoffgürtels getragen und gedroht haben, bei einem Einschreiten der Polizei den Sprengstoff zu zünden.

Mit Blick auf die Gefährdung des Kindes hatte die Polizei von einem Zugriff abgesehen. Hintergrund der Tat war ein Sorgerechtsstreit mit der Mutter des Kindes. Schon bei der Entführung seiner Tochter aus der Stader Wohnung der Mutter, die das alleinige Sorgerecht für das Kind hat, hatte der Mann nach Polizeiangaben mit der Pistole in die Luft geschossen.

Flugzeuge und Flughafen evakuiert

Der Geiselnehmer hatte nach Angaben der Polizei in der Nähe eines abflugbereiten und mit Passagieren besetzten Flugzeugs gehalten. Die Sicherheitskräfte evakuierten diese und alle weiteren Maschinen. Dann brachten sie auch alle Passagiere vom Flughafengelände in Sicherheit. Erst am Sonntagnachmittag, gut 18 Stunden nach dem Eindringen auf das Vorfeld des Flughafens, hatte der 35-Jährige mit seiner Tochter auf dem Arm das Auto verlassen und sich widerstandslos festnehmen lassen.

Bei der Festnahme trug er nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine mit einer Patrone durchgeladene und entsicherte Pistole bei sich, ferner 22 Schuss Munition, ein Messer und ein Reizstoffsprühgerät.

Flugbetrieb mehr als 20 Stunden unterbrochen

Der Flugbetrieb war mehr als 20 Stunden unterbrochen. Weit über Hamburg hinaus kam es zu Beeinträchtigungen im Luftverkehr. Erst drei Stunden nach Ende der Geiselnahme konnte der Betrieb in Hamburg wieder aufgenommen werden. Die Polizei war mit mehr als 900 Beamten im Einsatz. Unterstützung erhielt sie von Kollegen aus Bremen, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und von der Bundespolizei.

Die Geschäftsführung des Flughafens kündigte an, dass sie von dem 35-Jährigen 500.000 Euro Schadenersatz fordern werde, sollte er im Strafprozess rechtskräftig verurteilt werden.

Tochter erstmals vor zwei Jahren in die Türkei entführt

Bereits im März 2022 war in Stade gegen den Mann wegen des Verdachts der Entziehung Minderjähriger ermittelt worden, er wurde schließlich zu einer Geldstrafe verurteilt. Damals war er laut Polizei unberechtigt mit seiner Tochter in die Türkei gereist. Das Kind konnte jedoch von der Mutter wieder nach Deutschland geholt werden. Für den Prozess am Landgericht Hamburg hat die Strafkammer insgesamt zehn Verhandlungstermine bis zum 20. Juni angesetzt.