Aus dem Archiv: Nürnberger Delfine bleiben ein Reizthema

19.9.2010, 11:30 Uhr
Seit Eröffnung  des Nürnberger Delfinariums vor 35 Jahren haben  elf Millionen Besucher die Vorführungen der Tümmler angeschaut. Im nächsten Jahr nimmt der Tiergarten die Lagune in Betrieb. Die Meeressäuger sollen in den neuen, 1500 Quadratmeter großen Becken mehr Bewegungsmöglichkeit haben.

Seit Eröffnung des Nürnberger Delfinariums vor 35 Jahren haben elf Millionen Besucher die Vorführungen der Tümmler angeschaut. Im nächsten Jahr nimmt der Tiergarten die Lagune in Betrieb. Die Meeressäuger sollen in den neuen, 1500 Quadratmeter großen Becken mehr Bewegungsmöglichkeit haben. © Horst Linke

Susanne Alberti, zweite Vorsitzende des Vereins Menschen für Tierrechte, spricht auch ausschließlich von „Gefangenschaftshaltung“. In den neuen, insgesamt 1500 Quadratmeter großen Becken, die nächstes Jahr geflutet werden, ist aus ihrer Sicht absolut keine artgerechte Haltung möglich. Im Meer legen Tümmler täglich mehrere Hundert Kilometer zurück und tauchen bis in 300 Meter Tiefe hinab. Im Nürnberger Tiergarten stoßen die Delfine aber bereits in sieben Meter Tiefe auf Beton. „Die Säuger leiden unter der Enge und Monotonie sowie dem Lärm der Wasserpumpen“, meint Alberti.

Dafür gibt es laut Tiergarten-Leitung keinerlei Belege. Seit Jahren messe man die Werte des Stresshormons Cortisol. Ergebnis: Der Umgang mit den Menschen sowie das Leben in der Betonwanne gehe den Tümmlern keineswegs auf die Nerven.

Sogar die Erschütterungen und das Getöse auf der Großbaustelle hätten die Meeressäuger problemlos weggesteckt, berichtet Lorenzo von Fersen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Tiergartens: „Nur ganz zu Beginn der Arbeiten gab es erhöhte Cortisol-Werte, doch das hat sich ganz schnell wieder gelegt.“ Pfleger hatten täglich Speichelproben der Tümmler genommen, um das Stresshormon zu kontrollieren. Eine Doktorarbeit wird die umfangreichen Tests auswerten.

Seit zwölf Jahren ist es in Nürnberg nicht mehr gelungen, einen neugeborenen Delfin aufzuziehen. Die Jungtiere starben spätestens nach wenigen Wochen. Dies hält der Verein „Menschen für Tierrechte“ für ein deutliches Indiz, dass die Nachzucht im Zoo einfach nicht funktioniert. Insgesamt 33 tote Tümmler zählt die Organisation seit Öffnung des Nürnberger Delfinariums vor 35 Jahren.

Für die Tiergarten-Leitung ist dies kein schlagkräftiges Argument. Zum einen gab es vor dem langjährigen Misserfolg ein Jahrzehnt, in dem es mit der Nachzucht sehr gut geklappt hat. Die genauen Untersuchungen der kleinen Kadaver hatten außerdem immer wieder unterschiedliche Todesursachen wie Unfall oder Viruserkrankung ergeben. Eine monokausale Erklärung von nicht artgerechter Haltung sei überhaupt nicht haltbar.


Andere Städte schließen ihre Delfinarien wegen der hohen Kosten

Tierschützer kritisieren die Lagune als „Prestigemodell und katastrophal teures Auslaufmodell“. In England hätten alle 30 Delfinarien wegen hoher Betriebs- und Instandhaltungskosten geschlossen. Auch sechs der neun deutschen Tümmler-Standorte sind deswegen mittlerweile dicht. Und der Allwetterzoo in Münster hat angekündigt, die Haltung der Meeressäuger auslaufen zu lassen.

Im Nürnberger Stadtrat war die Aufregung vor drei Jahren groß, als die veranschlagten Kosten für die Freianlage plötzlich von 10,3 auf 17 Millionen Euro hochgeschossen waren. Mit Delfin-Therapie und Manati-Haus für die Seekühe sind es sogar 24 Millionen Euro. Doch das Gutachten eines renommierten Wirtschaftsprüfers sorgte für Beruhigung. Die Experten bezifferten die mögliche Abweichung auf maximal fünf Prozent. Nürnbergs Baureferent Wolfgang Baumann versicherte beim gestrigen Richtfest, dass sowohl zeitlich wie auch finanziell alles nach Plan läuft.

Als wichtigsten Grund für die Delfin-Lagune nennt Tiergarten-Direktor Dag Encke, dass man das Bewusstsein der Besucher für die Probleme der Weltmeere wecken kann. Die Delfin-Vorführungen am Nürnberger Reichswald sollen die Gäste an die Verschmutzung der Küsten und die Vernichtung des Lebensraums durch den Menschen erinnern. Man will die Bereitschaft wecken, etwas zum Erhalt der Weltmeere zu tun. Der Verein „Menschen für Tierrechte“ sieht aber keine Notwendigkeit, Tümmler in den Becken herumdümpeln zu lassen, um auf die Missstände hinzuweisen: „Fernsehen und Zeitungen berichten über das Elend in Afrika und motivieren so stark, dass Millionen Euro gespendet werden“, meint Tierrechtlerin Alberti, „ich muss deswegen den Menschen hier kein abgemagertes Kind aus Afrika vorführen.“