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Bundeszentrale lädt Eltern zum Ballerspiel

VON HANS–PETER KASTENHUBER - 24.03.2009

Er will nur spielen: Ein Jugendlicher hat Counter Strike auf dem Schirm, eines der bliebtesten Killerspiele. © dpa


«Das macht uns auch nicht glücklich«, räumt Arne Busse von der Bundeszentrale ein. Und leicht zerknirscht schiebt er die Hoffnung hinterher, die Öffentlichkeit werde das nicht als Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des zwei Wochen zuvor nur 20 Kilometer entfernt begangenen Verbrechens ansehen. Das Unbehagen hat Gründe. Fast immer nach blutigen Amokläufen junger Menschen kommen Computerspiele im Allgemeinen und die Ego-Shooter-Variante «Counter-Strike« im Besonderen ins Gerede. Ob Erfurt, Emsdetten oder Winnenden: Exzessives virtuelles Geballere stellte sich im Nachhinein stets als eine der Haupt-Freizeitbeschäftigungen der Täter heraus.

Erhebliches Suchtproblem

Kein seriöser Wissenschaftler hat freilich je die Behauptung aufgestellt, Killerspiele würden in jungen Menschen die Mordlust wecken. Allerdings bieten solche Spiele zutiefst verzweifelten, psychisch kranken oder sozial isolierten Einzelgängern, die irgendwann Gewaltphantasien entwickeln, offensichtlich so etwas wie Handlungsmuster für ihren großen Racheakt. Und für viele andere Jugendliche, das haben nicht zuletzt die Studien des Kriminologen Christian Pfeiffer ergeben, wird regelmäßiges, stundenlanges Computerspiel irgendwann zum Suchtproblem, das schulischen Leistungsabfall und soziale Vereinsamung nach sich zieht.

Der – zuletzt auch von Opferfamilien in Winnenden erhobene – Ruf nach strengerer Indizierung und dem Verbot einzelner Spiele stößt indes bei der Bundeszentrale für politische Bildung auf wenig Verständnis. Stattdessen hat man sich dort entschlossen, «Berührungsängste und Hemmschwellen abzubauen«, sagt der zuständige Referent Arne Busse und meint den Umgang der Eltern mit Spielen wie «Counter-Strike« oder «WarCraft«. «Eltern stehen der Faszination ihres Nachwuchses oft ratlos gegenüber«, heißt es in der Einladung zur «Eltern-Lan« (Lan, das sind zum Spiel vernetzte Computer). Väter und Mütter sollen deshalb unter medienpädagogischer Anleitung selbst mal reinschnuppern in die virtuelle Ballerwelt.

«Rüstzeug« nötig

«Computerspiele sind nicht wieder wegzukriegen«, rechtfertigt Busse die Idee. Von «restriktivem Medienschutz« und Verboten hält er nichts. Vielmehr müsse man Eltern «Rüstzeug an die Hand geben, mit der Medienwelt der Jugendlichen umzugehen«. Nach dem eigenen «Counter-Strike«- und «WarCraft«-Spiel sollen sie bei der Eltern-Lan bei einer einstündigen Nachbesprechung auch Probleme wie Spielsucht ansprechen können. Das verpönte «Counter-Strike« sei mit Bedacht ausgewählt worden, «ohne dass wir damit eine Aussage hinsichtlich der Qualität dieses Spiels treffen«.

Mit Unverständnis reagiert die Medienpädagogin und Leiterin des Erlanger Instituts für Medienverantwortung, Sabine Schiffer, auf die Veranstaltungsreihe der Bundeszentrale. «Die Eltern müssen nicht auch noch rumballern, damit begriffen wird, dass wir uns über unsere offensichtlich gewalthaltige Kultur verständigen müssen«, sagt sie. Schiffer kritisiert seit längerem, wie sehr Medienpolitiker, aber auch Bildungsinstitutionen oft mit der vor allem am eigenen Profit interessierten Computer- und Spiele-Industrie verbandelt seien.

Hersteller sind beteiligt

Die «Eltern-Lan« etwa wird nicht nur von Turtle Entertainment, dem «Marktführer im elektronischen Sport«, mitveranstaltet, sondern auch von «Spielraum«, dem Institut zur Förderung von Medienkompetenz der FH Köln. Finanziell unterstützt wird dieses Institut wiederum von den Unternehmen Electronic Arts Deutschland und Nintendo. 

Hans-Peter Kastenhuber

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