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Historiker: "Die Menschen sahen keinen Sinn mehr im Leben"

Buch über Massenselbstmorde am Ende des Zweiten Weltkiegs erschienen - 08.05.2015 21:41 Uhr

Verzweiflung und Unsicherheit waren groß am Ende des Zweiten Weltkriegs. Für viele Menschen war die Lage derart aussichtslos, die anrückenden Alliierten so bedrohlich, dass sie sich sogar zum Selbstmord entschlossen. © dpa


Herr Huber, in Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit den Massenselbstmorden am Ende des Zweiten Weltkriegs. Gab es dieses Phänomen auch in Nürnberg, der Stadt, in der Sie geboren wurden?

Florian Huber: Die spektakulärsten, weil zahlenmäßig so auffälligen Vorfälle gab es im Osten. Ich habe im Westen auch geforscht und mir ein paar Einzelfälle herausgesucht, bin aber nicht gezielt alle Städte durchgegangen. Ich bin aber überzeugt davon, dass sich das auch für Nürnberg nachweisen lässt. Ich bin zwar in Nürnberg geboren, aber in Prien am Chiemsee aufgewachsen. Und selbst in diesem eigentlich friedlichen Ort gab es einige Selbsttötungen, als die Amerikaner einmarschierten.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es eine regelrechte "Gedächtnisoffensive", wie Sie es nennen, mit Veröffentlichungen zu allen möglichen Facetten des Nationalsozialismus. Das Thema Selbsttötungen spielte keine Rolle.

Huber: Ich bin studierter Historiker, hatte davon aber vorher auch noch nie etwas gehört, bis ich durch eine Fußnote in einem Buch über das Jahr 1945 darauf stieß. Ich bin dem dann nachgegangen und habe festgestellt, welche Ausmaße das hatte und wie viele Quellen es dazu gibt. Deswegen habe ich mich immer gefragt: Wieso wissen wir alle nichts davon? Es ist eine weitgehend unerzählte Geschichte.

Woran lag das?

Huber: Es hat damit zu tun, dass unser Vergangenheitsdiskurs lange eine andere Richtung hatte. Es ging darum, die Täter und die Opfer in den Fokus zu nehmen. Aber die Geschichten der normalen Leute, die das Kriegsende auf ihre Weise bewältigt haben, hat kaum interessiert. Diejenigen, die sich in diesen Tagen umbrachten, waren keine Helden, aber zum großen Teil auch keine Henker, und deshalb sind die einfach vergessen worden, obwohl es Zigtausende gewesen sein müssen.

Warum haben Sie sich die Provinzstadt Demmin in Vorpommern herausgesucht, um die Selbstmordwelle zu veranschaulichen?

Huber: Demmin ist ein besonders spektakulärer Fall. Das liegt an der geografischen Lage dieser Stadt. Sie war wie so eine Halbinsel von drei Flüssen eingeklammert. In dem Moment, wo die Wehrmacht auf ihrem Rückzug die Brücken sprengt, kommt keiner mehr heraus. Da sitzen dann alle in der Falle. Die Einwohner, die vielen Flüchtlinge und die sowjetische Armee, die eigentlich nur durchmarschieren will, sich dann aber dort länger aufhalten muss. So ist dort die Situation in beispielloser Weise eskaliert. Die Selbstmordwelle ist dort zudem besonders gut dokumentiert. Deswegen habe ich Demmin als Pars pro Toto ausgewählt, um daran diese Welle, die durchs ganze Reich geschwappt ist, durchzuspielen.

Historiker Florian Huber


Sie sehen die Ursachen auch in einem kollektiven Sinnverlust, der die Leute erfasst hat.

Huber: Ich habe versucht mich reinzuversetzen in das, was die Leute in den zwölf Jahren der Hitler-Herrschaft erlebt haben. Es war ja ein Trommelfeuer der großen Gefühle. Für diejenigen, die mitmachen durften, war es in den 30ern zunächst eine Erfolgsgeschichte, ein Überschwang an Hoffnung. Anfang der 1940er mit dem Russland-Feldzug kippte das Ganze dann ins genaue Gegenteil. Es gab unglaubliche Schreckensmeldungen, Bombennächte. Die Leute waren zwölf Jahre lang im permanenten Ausnahmezustand. Und im April oder Mai 1945 war für viele die Welt zu Ende. Die mussten deswegen gar nicht erbitterte Nazis sein. Die vielen Leute in Demmin, die natürlich auch Angst vor den Russen hatten, sahen keinen Sinn mehr im Leben.

Insofern gibt es doch eine Parallele zu den führenden Nazis, von denen sich auch viele umbrachten?

Huber: Speziell Hitler hat ja immer erklärt: Es gibt nur Sieg oder Untergang. Die Rhetorik der Selbstzerstörung hat in den letzten Kriegsmonaten enorm zugenommen. Vom Propagandaministerium gab es die Aussage, wonach es das Beste wäre, wenn die Sieger nur noch tote Deutsche vorfänden. Und viele Leute haben das geglaubt und auch so empfunden. Wobei ich davor warnen würde, den Selbstmord Hitlers als Vorbild darzustellen. Das hat die Leute kurioserweise überhaupt nicht mehr gerührt. Sie wollten ihm nicht in den Tod nachfolgen, sie hatten ihre eigenen Gründe.

Was hat Sie bei Ihren Recherchen über dieses traurige Thema am meisten erschüttert?

Huber: Das waren natürlich diese Familienselbstmorde. Meine Fantasie reicht nicht aus, mir vorzustellen, wie eine Mutter ihre zwei Kinder an einen Dorfkanal schleift und sie solange unter Wasser drückt, bis sie tot sind. Das ist immer wieder der Punkt, wo ich fassungslos davorstand. Und das ist dutzendfach, hundertfach passiert. In welcher Verfassung muss man sein, seinen Kindern ein solches Schicksal aufzuerlegen und das mit einem solchen eisernen Willen, einer Verzweiflungsenergie durchzuziehen?

Sie schließen Ihr Buch mit dem Fall eines Vaters, der seine ganze Familie umbringt, für ihn selbst reichen die Kugeln aber nicht mehr.

Huber: Wie lebt man da weiter, frage ich mich. Das ist unvorstellbar. Das ist einer von zwei Fällen, wo es tatsächlich ein Gerichtsverfahren gab. Der Vater ist aus nachvollziehbaren Gründen freigesprochen worden. Ansonsten hat man diese Fälle nicht verfolgt. Mit normalen juristischen oder moralischen Maßstäben sind diese Familienselbstmorde nicht zu fassen.

Am Beispiel einer gewissen Marie Dabs zeigen Sie, dass die Epidemie auch Menschen erfasste, die eigentlich zunächst nicht daran dachten, sich das Leben zu nehmen.

Huber: Ich finde dieses Element der Ansteckung, das da drinsteckt in dem Wort "Epidemie", sehr nachvollziehbar. Die Lebenserinnerungen der Marie Dabs waren für mich beeindruckend. Wir haben hier eine junge Frau, die sehr lebensbejahend ist, die ihr Geschäft meistert und auch die Familie durchbringt, als der Mann schon längst an der Front ist. Dann erlebt sie diese Massenselbstmorde und kommt plötzlich an den Punkt, wo sie das auch machen will. Nur durch den Zufall, dass sie kein Gift abbekommt, lebt sie weiter. Die hatte sicher nie mehr in ihrem Leben solche Anwandlungen. Aber in diesen Tagen war dieser Sog so groß, dass es jeden treffen konnte.

Gift war leicht zu bekommen?

Huber: Zyankali war in großen Mengen im Umlauf. Als Apotheker ist es auch nicht schwer, das herzustellen. Es wurde auch mit einer unglaublichen Beiläufigkeit darüber gesprochen, was denn die beste Methode ist, sich umzubringen. Das hatte schon was von Kaffeeklatsch. Die Selbstmorde wurden auch nur ganz lapidar gewürdigt: Mit Sätzen wie „Nachbarsfamilie Sowieso hat sich aufgehängt“ ist die Sache dann getan.

Hatte die Religion keinen mäßigenden Einfluss?

Huber: Es gab von beiden Kirchen ein scharfes Selbstmordverbot, das jahrhundertelang große Geltung hatte. Aber in dieser Kriegsendphase hat sich das aufgelöst. Das zeigt, wie sehr sich die Werte verschoben haben und was diese nationalsozialistische Herrschaft in den Köpfen und Urteilen der Menschen angerichtet hat.

Die Politologin Hannah Arendt beschreibt die Deutschen jener Zeit als "lebende Gespenster". Eine Aufarbeitung der Vorfälle war damals nicht möglich, oder?

Huber: Es hat in dieser Zeit eine Entgrenzung von Gewalt stattgefunden, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Jedes Kleinkind hatte schon seine ersten Toten gesehen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit konnte man sich damit nicht auseinandersetzen. Das war auch ein Selbstschutzmechanismus. In meinem nächsten Buchprojekt würde ich mich gern der Nachkriegszeit zuwenden und der Frage nachgehen, wie diejenigen, die sich nicht umbrachten, weiterlebten und mit diesen Erfahrungen umgingen.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihr Buch?

Huber: Ich bin selber ganz überrascht, wie erfolgreich dieses Buch ist. Das ist so ein hartes Thema und so schwer zu verkraften, dass ich nicht davon ausgegangen bin, dass so viele Leute einen Zugang dazu finden. Das zeigt, wie viele sich mit ihren Familiengeschichten in diesem Thema wiederfinden.

An den gebürtigen Nürnberger noch die Frage nach der Zeppelintribüne. Erhalt oder Verfall?

Huber: Ich bin als Historiker und Nürnberger der Meinung, dass man diese Anlage unbedingt erhalten sollte. Sie ist auf ihre Weise beeindruckender als manche Museen. Sie ist Teil unserer Geschichte.

(Florian Huber: "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt", Berlin Verlag, 22,99 Euro) 

Interview: Marco Puschner

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