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Käßmann: "Luther hätte sich gut überlegt, was er twittert"

EKD-Botschafterin glaubt an Aktualität der Aussagen des Reformators - 26.02.2017 10:24 Uhr

"Das Gemeinwohl stand für ihn immer im Vordergrund", sagt EKD-Botschafterin Margot Käßmann über den Reformator Martin Luther. © dpa


Das Luther-Jahr hat gerade erst begonnen. Und doch kann man den Eindruck gewinnen, es sei längst alles gesagt: Seit zehn Jahren läuft die Vorbereitung, die sogenannte Luther-Dekade, mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen. Was soll da noch kommen?

Margot Käßmann: Gute Vorbereitung ist hilfreich, viele Projekte, etwa das Lutherhaus in Eisenach, aber auch viele Diskussionen, etwa um die Schattenseiten Luthers, brauchten Zeit. Und Sie werden sich wundern: Das Beste kommt erst noch. Dazu gehört vor allem unsere Weltausstellung zur Reformation unter dem Thema „Tore der Freiheit“. Sie läuft von Mai bis September in Wittenberg. Ich freue mich selbst sehr auf 16 Wochen Erlebnis und inhaltlicher Diskussion und werde auch die meiste Zeit dort sein. Die Texte für den Audioguide habe ich auch schon gesprochen. So begleite ich alle Gäste zumindest akustisch.

Wie wird Luther da präsentiert? Als Lichtgestalt? Als sturer Besserwisser? Als widersprüchlicher Held?

Käßmann: Sicher nicht in solchen Klischees, sondern in aller Vielschichtigkeit. Und es geht ja um weit mehr als seine Person. Wir haben uns gefragt: Wie wird in der Zukunft eines Tages zurückgeblickt auf unsere Feiern 2017? Auch deshalb sind die Akzente ganz anders gesetzt als bei früheren Reformationsjubiläen: Vor 100 und 200 Jahren wollte das Luthertum gegenüber anderen Konfessionen auftrumpfen – Luther verkörperte den Nationalstolz. Jetzt sind alle Feiern ausdrücklich ökumenisch, weltoffen und international ausgerichtet.

Wo bleiben dann Luthers Kampfgeist und sein Auftritt mit den berühmten Worten "Hier stehe, ich kann nicht anders"  — die ihm so zumindest in den Mund gelegt worden sind?

Käßmann: Das hat schon auch seinen Platz. Aber wir wollen vor allem zeigen, wie sich die Reformation entwickelt hat und wo sie in ihren Auswirkungen auch heute erkennbar ist, sei es in der Spiritualität, beim Thema Europa oder beim Dialog der Religionen. Dazu erwarten wir Gäste aus aller Welt – darauf freue ich mich mit am meisten.

Reicht das angesichts der Kriege und Krisen unserer Tage? Was hätte Luther denn gesagt zur Lage im Nahen Osten, zum Konflikt in der Ukraine oder zum grassierenden Rechtspopulismus?

Käßmann: Der große Antichrist war für ihn der Papst. Aber das lässt sich nicht auf heute übertragen – und auch nicht auf die anderen Mächte dieser Welt. Im Vordergrund steht für ihn doch erst mal jedes Individuum. Jede und jeder Einzelne ist gefordert, sich zu fragen:

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Wie kann und soll ich mich (als Christ) orientiert an der Bibel angemessen verhalten? Woran hängen wir unser Herz? Denn das, so Luther, ist unser Gott. Verantwortung ist ein Schlüsselbegriff. Die hat jede und jeder an ihrem und seinem Platz – so versteht Luther auch Beruf und Berufung.

Ist das nicht eine allzu enge Sicht der Dinge? Was ist mit den gesellschaftlichen Bedingungen und dem „System“?

Käßmann: Luther bleibt nicht beim Einzelnen stehen. Sein Blick fällt dann zunächst auf die Kirche – nicht als Institution, sondern als lebendige Gemeinschaft der Gläubigen. Dass die nie unpolitisch sein kann, war für ihn klar. Und für das große Ganze lässt sich seine Position zum Beispiel aus der Haltung zum Geld und damit zur Wirtschaft ableiten: Der Mensch muss seine Verantwortung für sich und das Geld nutzen zum Wohl der Gemeinschaft, aber er darf sich nie von ihm beherrschen lassen.

Neben dem „großen“ Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin wird es gleich sechs regionale Protestantentreffen in Weimar, Dessau, Magdeburg, Halle, Leipzig und eben Wittenberg geben. Ist das zu viel des Guten?

Käßmann: Das ist auch ein Experiment. Wir wollen ganz gezielt Akzente in Mitteldeutschland setzen, eben dem Kernland der Reformation. Und das ist ein exzellenter Anlass, um möglichst auch vielen Westdeutschen Impulse zu geben, sich dorthin aufzumachen. Studien zufolge war fast jeder vierte Bundesbürger aus den alten Bundesländern noch nie in den neuen.

Aber die wenigsten können oder wollen gleich sechs Orte besuchen und sich in den Betrieb von frommen Großveranstaltungen stürzen. Wo sollten sich solche „Neueinsteiger“ unbedingt umsehen?

Käßmann: Da empfehle ich vor allem drei Orte: Eisleben, wo Luther geboren und gestorben ist. Dann natürlich Eisenach mit der Wartburg. Und Erfurt mit „seinem“ Augustinerkloster. Und es gibt in diesem Jahr überall spezielle Angebote.

Leider trüben – auch wenn das vielleicht ungerecht ist — überdurchschnittliche viele rechtsextreme Ausschreitungen und Übergriffe das Bild von Ostdeutschland. Können Reformationsfeiern etwas dagegensetzen?

Käßmann: Am wichtigsten scheint mir gerade das zu sein: Hinzufahren und die vielen nicht allein zu lassen, die sich dort engagieren. Das Lutherjahr kann das gut unterstützen. Denn Tourismus kann das Gefühl und die Überzeugung stärken, dass Weltoffenheit gut und sinnvoll ist. Und das hilft dann auch, den eigenen Platz in unserer heutigen, säkularisierten, multireligiösen Welt zu finden.

Sind die Kirchen wachsam und kritisch genug?

Käßmann: Ich denke schon. Sie sind wirklich vorne dabei und ein verlässlicher Faktor, wenn es darum geht, rechter Hetze und Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten. Das gehört für uns zu den Grundüberzeugungen unseres Glaubens.

Zurück zu dem langen Vorlauf: Was hat die Lutherdekade für die Feierlichkeiten gebracht?

Käßmann: Es ist wie die Vorbereitung auf ein großes Fest, etwa zu einem besonderen, runden Geburtstag. Auch im privaten Bereich machen sich die meisten Menschen da lange vorher viele Gedanken. Und bei uns geht es ja um ein bisschen mehr als einen 60. oder 80. Geburtstag oder eine goldene Hochzeit

Und die Themen . . .?

Käßmann: Manche sind wirklich topaktuell, etwa das, was heute Bildungsgerechtigkeit genannt wird – das war allen Reformatoren außerordentlich wichtig. Dann die Frage nach der Toleranz – für viele Gemeinden war die Lutherdekade ein wichtiger Anstoß, sich damit in ihrer konkreten Situation auseinanderzusetzen. Die außerordentliche Bedeutung der Musik kann ich hier nur kurz erwähnen. Dass womöglich alles schon längst gesagt sei und sich ein Gefühl von Sättigung breitmacht, das erlebe ich so gar nicht.

Auch Sie selbst sind bereits seit fünf Jahren in Sachen Luther und Reformationsjubiläum unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Käßmann: Ich habe mich vor allem gefreut, dass ganz unterschiedliche Gruppen neugierig auf Gespräche waren, vom Deutschen Richterbund über die Schmerzmediziner bis zu Vereinigungen aus der Wirtschaft. Und es gab und gibt viele Einladungen auch aus dem Ausland, auch aus Ländern wie Rumänien oder Island. Und wenn dieses Interview erscheint, bin ich unterwegs in den Vereinigten Staaten und einigen Ländern Mittelamerikas.

Apropos Amerika: Wichtige Botschaften werden heute ja erst einmal getwittert, ehe sie vielleicht auch noch auf klassischen Kanälen unter die Leute gebracht werden. Und der neue US-Präsident nutzt den Kurznachrichtendienst nicht nur für Mitteilungen, sondern zur Verkündigung seiner mal kruden, mal stark polarisierenden Botschaften. Würde Luther heute auch twittern?

Käßmann: Das kann ich mir schon vorstellen. Er hat ja die damals neuesten Verbreitungsmöglichkeiten bewusst und geschickt genutzt. Theologen und Historiker beschreiben ihn – sicher zu Recht – als einen Star des ersten Medienzeitalters, das mit dem Buchdruck angebrochen war. Aber er hätte sich gewiss gut überlegt, was er in 140 Zeichen schreibt. Und das Gemeinwohl stand für ihn immer im Vordergrund.

Und dazu kämen ihm, nochmal gefragt, Twitter und Facebook gerade recht?

Käßmann: Er würde sicher genau hinschauen und fragen, wie sozial die sogenannten sozialen Medien wirklich sind. Wenn ich nur an das Problem von Cybermobbing denke und natürlich an die Opfer, finde ich das schon sehr problematisch. Und ich persönlich muss auch nicht laufend mitbekommen, was jeder gerade so denkt, isst und tut.

Was ist mit dem Hass und sonstigen verqueren Botschaften in den Netzwerken?

Käßmann: Alles Notwendige dazu hat Luther in kaum zu überbietender Klarheit in seiner Auslegung des achten Gebots „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ formuliert: Du sollst deinen Nächsten nicht verleumden, sondern Gutes von ihm reden. Um die Wahrheit muss gerungen werden, das war für ihn klar. Übrigens lassen sich seine Positionen auch gut als Ethik für den Journalismus lesen.

Was hätte Luther uns allen zu sagen – in wenigen Zeilen? Und lassen sich Botschaften über Gott und Glauben überhaupt so stark verkürzen?
Käßmann: Ein paar Kernpunkte sehe ich schon, die fast schlagwortartig bündeln, was ihm wichtig war: Schärft euer Gewissen, ruft er uns zu. Übernehmt Verantwortung für euch und die Welt. Zeigt Haltung. Und natürlich: Vertraut Gott und lest in der Bibel.

Die steht zwar in vielen Haushalten im Regal, wird aber selten zur Hand genommen.

Käßmann: Was mindestens schade ist. Denn sie ist ja nicht nur ein Glaubens-, sondern auch ein Bildungsbuch. Wer unsere Geschichte, Literatur, Architektur verstehen will, kommt um sie nicht herum. Wer zum Beispiel ein Bild von einem Schiff mit lauter Tieren drauf sieht, wird es nur verstehen, wenn er oder sie die Geschichte von Noah kennt.

Zu den problematischsten Seiten an Luther gehört bekanntlich sein Antijudaismus. Da gibt es ja ganz furchtbare Zitate.
Käßmann: Daran gibt es nichts zu deuteln. Und das wird in diesem Jahr nicht ausgeblendet. Aber ich bin mir ganz sicher: Hätte Luther bis in unsere Tage gelebt, wäre ihm klar geworden, dass Antijudaismus ein schrecklicher Irrweg ist.

Was empfehlen sie Menschen, die sie bisher nie für Luther & Co. interessiert haben, als „Einstieg“? Taugt der Lutherfilm von 2003 noch?
Käßmann: Der war und ist gut. Es gibt aber eine ganz neue Produktion. Bei der steht Luthers Frau Katharina, also die „Lutherin“, im Mittelpunkt. Am Mittwoch ist der Film in der ARD zu sehen. Ich konnte ihn vorab schon begutachten und finde ihn spannend und gelungen.

Interview: Wolfgang Heilig-Achneck

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