Mittwoch, 20.11.2019

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Mehr als Tradition: Zu Besuch bei einem Männergesangverein

Zur "Schönen Maid" kommen die Rasseln raus - 12.04.2019 14:58 Uhr

Mit vollem Körpereinsatz dirigiert Gerhard Herrmann den Chor des Männergesangvereins Wald-Streudorf. Wenn die Herren etwas von der Melodie abkommen, springt er an das vereinseigene Klavier und sorgt für Orientierung. Seit 21 Jahren steht der pensionierte Hauptschullehrer am Notenpult. Den Kirchenchor am Ort leitet er ebenfalls – und zwar schon seit 45 Jahren.


Vor 120 Jahren waren die Qualitäten des dörflichen Lebens noch unbestritten. "Drum woll’n wir aufs Land geh’n, um lustig zu sein, weil schöner die Mädchen und süßer der Wein." Die um 1900 herum entstandene G-Dur-Volksweise geht den Sängern gut von der Hand, oder sollte man sagen: sie kommt ihnen geschmeidig aus der Kehle. Auf jeden Fall ist Chorleiter Gerhard Herrmann, als der letzte Ton von "Ei, du Mädchen vom Lande" verklungen ist, davon überzeugt, dass das Lied "durchaus ein Kandidat fürs Gruppensingen sein könnte".

Am 5. Mai werden sich in Mitteleschenbach mehrere Laienchöre der Region treffen. Eine kleine, nicht allzu ehrgeizige Leistungsschau der volkstümlichen Sangeskunst ist das traditionell. Und der Männergesangverein Wald-Streudorf will dabei keine schlechte Figur abgeben. Also Augen auf bei der Liedauswahl. Aber jetzt vor allem: "Prost!" Die Biergläser klirren.

14 Sänger sind zur heutigen Chorprobe ins Nebenzimmer des wunderschön renovierten Gasthauses "Zum Hirschen" gekommen. Von links nach rechts aufgereiht und nach ihrer Stimmlage von Tenor 1 bis Bass 2 sortiert sitzen sie auf der Wirtshausbank hinter massiven Eichentischen, freien Blick auf Chorleiter Herrmann. Der steht hinter einem grazilen Notenständer, dirigiert engagiert und springt, wenn es sein muss, mit seinen 72 Jahren erstaunlich behände zwischendurch ans Klavier, um bei schwierigeren Passagen seine sich im großen Notenkosmos etwas verlierenden Sänger wieder an die vom Komponisten erdachte Melodie heranzuführen.

"Der Hans hat uns nohzung", stänkert ein fröhlicher Bariton rüber zum Tenor-Nachbartisch. "Ja mei", gibt der Hans zurück, "dafür zieh ich euch ein anderes mal wieder nauf." Und prost!

Die Stimmung ist prima, und die ersten Sänger verlangen bereits nach ihrem Lieblingsschlager "Schöne Maid". Den alten Tony-Marshall-Hit singen sie gern, hatte am Nachmittag Chorleiter Herrmann verraten, als er den Reporter zu sich nach Hause zum Kaffee und einem von seiner Ehefrau selbstgebackenen Stück
Sahnequarktorte eingeladen hatte. ",Schöne Maid’ oder ,Griechischer Wein’, das geht immer ab", versicherte der pensionierte Hauptschullehrer mit dem jugendlich faltenlosen Gesicht.

Seit 21 Jahren leitet er bereits den Chor seines Heimatortes Wald am Altmühlsee. 1876 wurde der Männergesangverein gegründet. Schon Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich in deutschen Landen an vielen Orten Männer zum Singen zusammengefunden. Es war damals überhaupt die große Zeit der Vereinsgründungen. Auch Turner und Schützen organisierten sich auf lokaler Ebene. In der Freude am Vereinsleben, das selten ohne eigene Fahne auskam, drückte sich die Sehnsucht des Bürgertums nach einem deutschen Nationalstaat aus. Sängerfeste, das waren vom revolutionären, republikanischen Geist getragene Veranstaltungen.

Vom Kunstlied über Volksweisen bis zum Schlager reicht das Repertoire.


Vom avantgardistischen Schwung dieser Zeit ist in der Sänger- und Chorbewegung nicht mehr so viel zu spüren. Mancherorts ist die Sangeskultur vielmehr etwas unter die Räder des immer größer werdenden Angebots der modernen Freizeitgesellschaft geraten. Auch der Männergesangverein Wald-Streudorf leidet unter Nachwuchsmangel. 1976 erinnert sich Chorleiter Herrmann, der als Sänger schon seit 1962 dabei ist, gehörten "36 Männer zum Chor, heute sind es noch 20 bis 22". Vor allem Tenöre fehlen. "Die Leute können nicht mehr so hoch singen wie früher." Umso schmerzlicher wird auch diesen Freitagabend Willi vermisst. "Ein guter Tenor", wie Herrmann versichert. Aber Willi ist halt schon 79 Jahre alt und fällt krankheitsbedingt seit einigen Wochen aus.

Zur Not springt Chorleiter Gerhard Herrmann nebenbei dirigierend auch als lautstarker Sänger mit ein. Egal, in welcher Stimmlage. Er hat sie alle drauf. Herrmann ist ein Glücksfall für den Walder Männerchor. Und für den Kirchenchor des Ortsteils, den er schon seit unglaublichen 45 Jahren leitet, natürlich auch.

Acht Stunden pro Woche Unterricht

Schon als kleiner Bub fiel der intelligente Bauernsohn, der noch dazu gut singen konnte, dem damaligen Pfarrer am Ort auf. "Du musst einmal Pfarrer werden, hat der immer zu mir gesagt." Die Eltern hatten dann tatsächlich nichts dagegen, dass ihr Sohn als Neunjähriger ins Internat nach Windsbach wechselte, wo Hans Thamm unter strengem Regime und großzügig verteilten Ohrfeigen seit 1946 einen hochklassigen Knabenchor aufgebaut hatte.

Herrmann lernte, vom Blatt zu singen, hatte acht Stunden pro Woche Chorunterricht und zusätzlich noch Stimmbildung. Der Junge liebte all das – und ganz besonders die schönen Reisen mit dem Chor. Nach drei Jahren musste er trotzdem das Internat wieder verlassen und aufs Gymnasium in Gunzenhausen wechseln. Seine Eltern konnten die monatlich zu zahlenden 120 Mark Internatsgebühren nicht mehr bezahlen. Doch das Singen und Musizieren blieb durchs ganze Leben hindurch die große Leidenschaft des heimatverbundenen Mannes.

In mehreren Dörfern des Umlandes war Herrmann nach seinem Studium als Hauptschullehrer aktiv. Gewohnt hat er stets in Wald. Und natürlich gesungen. Neben dem Kirchenchor und dem Männergesangverein mischt er seit Jahren auch noch bei den "Walder Gmabuschsängern" mit, einem kleineren volkstümlichen Gesangsensemble.

Spaß sollte das Singen im Chor machen

Um musikalische Höchstleistungen geht es in keinem Fall. Spaß
soll das Singen in den Dorfchören machen. "Und dann ist das Singen erwiesenermaßen ja auch noch gesund", sagt Herrmann und lacht. Wer dem 72-Jährigen zusieht, wie er bei der Chorprobe in seinen Turnschuhen wippend bei jedem Stück voller Energie mitgeht, hat keinen Zweifel daran.

Im Gegensatz zum strengen Windsbacher Hans Thamm ist Herrmann ein ausgesprochen sanfter Chorleiter. Niemand wird für einen falschen Ton kritisiert. Gelegenheiten gäbe es einige. Nur äußerst selten kommt es bei den Proben zur Höchststrafe des Chefs: "Manchmal lass’ ich ein Lied neu anfangen."

Der Spaß am völlig unbeschwerten Singen steht bei allen im Vordergrund. Thomas Beyhl, mit 49 Jahren einer der Jüngsten im Chor, erzählt, wie gut es ihm tut, wenn er nach der arbeitsreichen Woche in einer Druckerei am Freitagabend im Walder Wirtshaus die Notenblätter in die Hand nimmt. "Es ist ein angenehmes Runterkommen – und eine nette Unterhaltung sowieso".

Die Existenz eines oder mehrerer Chöre kann man in der heutigen Zeit durchaus als ein Indiz für ein intaktes Dorfleben betrachten. "Der Chor ist genauso wichtig wie der Dorfladen", sagt Georg Deininger, den an diesem Abend eine noch nicht ganz auskurierte Erkältung am kräftigen Singen hindert. Gekommen ist er trotzdem. "Es macht immer Spaß hier", sagt Deininger, der erst seit vier Jahren in Wald lebt und dem das Singen im Männerchor die Gelegenheit geboten hat, Leute kennenzulernen. "Ich hab schon an vielen Orten gewohnt, hier herrscht eine besonders offene Atmosphäre", macht der Tenor Deininger den Waldern Komplimente, die man in Franken eher selten hört.

Und so sieht es aus, als wäre Friedhelm Brusniak, emeritierter Professor für Musikpädagogik an der Uni Würzburg und Präsident des Fränkischen Sängerbundes, nicht der einzige, der fest davon überzeugt ist, dass es mit dem dörflichen Chorsingen trotz Nachwuchssorgen alles andere als vorbei ist. Niemand kann so leidenschaftlich von der kulturellen und für die Identität eines Ortes wichtigen Bedeutung der Laienchöre schwärmen wie Brusniak. Schon weil die Verstädterung unseres gesellschaftlichen Lebens immer kritischer betrachtet werde, habe das gemeinsame Singen eine Zukunft. Und über die allmähliche Erneuerung des Liedguts, meint Brusniak, könne man ja reden. "Obwohl das heute schon bis zu Michael-Jackson-Arrangments und anderen Dingen reicht."

So weit geht man beim Männergesangverein Wald-Streudorf dann doch noch nicht. Höchste, aber am Ende halt doch fränkisch-verhaltene Gesangsekstase kommt bei der Chorprobe auf, als Udo Jürgens "Griechischer Wein" und – nach dem Austeilen eines quietschgelben Rasselpaares – zu guter Letzt auch noch die längst herbeigesehnte "Schöne Maid" geschmettert werden. "Wir singen so viele moderne Lieder", wundert sich Vereinsvorsitzender Walter Frey, "und haben trotzdem Probleme Nachwuchs für den Chor zu finden." Nur halblaut weist ein Tenor darauf hin, dass die "Schöne Maid" aber auch "schon ein paar Jährchen auf dem Buckel" habe.

Schließlich sind jetzt nach gut eineinhalb Stunden Gesang alle glücklich. Guido, der Wirt trägt noch eine Runde frisch gezapfter Getränke herein. Und auf seinem Tablett hat er auch schon die Spielkarten und die Geldschüsselchen für die sich traditionell an die Chorprobe anschließende Schafkopfpartie dabei. Noch so ein Kulturgut, um dessen Schutz man sich wenigstens einmal in der Woche im "Hirschen" verdient macht.

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