Mittelstand hinkt bei Digitalisierung oft hinterher

2.12.2018, 05:52 Uhr
Eine von der Heitec AG in Eckental hergestellte Leiterplatte wird bei der Qualitätsprüfung in einem Testsystem auf vollständige Funktionalität geprüft.

Eine von der Heitec AG in Eckental hergestellte Leiterplatte wird bei der Qualitätsprüfung in einem Testsystem auf vollständige Funktionalität geprüft. © Werner Haala/Heitec

Das Verfahren ist branchenweit einzigartig: Im Innovationszentrum von BMW scannen vier Roboter mit Hilfe der aus der Medizin bekannten Computertomographie erstmals die Karosserie eines neuen Modells. Die entstehenden, dreidimensionalen Röntgenbilder machen selbst die winzigsten Qualitätsmängel sichtbar – das ist Digitalisierung zum Anschauen.

Mit dabei beim BMW-Projekt: das Erlanger Unternehmen Heitec, ein Zulieferer für Anlagen- und Maschinenbauer. Mit dem System der Franken kann die Installation von solchen Anlagen - virtuell mit Hilfe von digitalen Zwillingen - in Echtzeit parallel am Bildschirm abgebildet werden. Das spart Zeit und Kosten, Konstruktionsfehler werden so frühzeitig erkannt - ein Verfahren, mit dem sich Heitec inzwischen als Anbieter von Digitaltechnologie in dieser Marktnische an die Spitze gesetzt hat.

Herzstück der Digitalisierung

Wie bei der Erfindung der Glühlampe oder des Computers gilt auch bei der Digitalisierung das eherne Gesetz: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer frühzeitig Märkte besetzt, wird am Ende den größten Profit erzielen. Und die Region, die bei solchen technologischen Sprüngen vorne mit dabei ist, wird es leichter haben, neue Firmen anzuziehen und so qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Frage ist also nicht unbedeutend: Wo steht die Metropolregion Nürnberg? Kernstück der Digitalisierung ist die Automatisierungsbranche, in der es etwa darum geht, Maschinen anzutreiben, zu steuern, mit Software zu bestücken und zu vernetzen – die viel beschworene Industrie 4.0 also, die sich selbst organisierende Fertigung. Zuletzt arbeiteten in der Region fast 200.000 Menschen in dieser Branche. Ein Teil davon sind auch junge, pfiffige Tüftler und Startup-Firmen mit tollen Ideen – da hat sich mancherorts längst eine aufregende Szene wie etwa im Nürnberger Zollhof etabliert.

Airbusteile aus dem 3D-Drucker

Die Nürnberger Exasol etwa bietet nach eigenen Angaben das schnellste analytische Datenbanksystem der Welt. Auf intelligentes Gebäudemanagement verlegt sich die Hermos AG nahe Bamberg und in Coburg macht die BestSens AG Pumpen- und Getriebelager "intelligenter".

Auch die MBFZ toolcraft GmbH aus Georgensgmünd gehört zu den digitalen Champions der Region: Das preisgekrönte Unternehmen stellt Präzisionsteile für die Medizintechnik sowie für die Auto- und Luftfahrtindustrie her. Die Franken waren die ersten weltweit, die sich dafür qualifiziert haben, mit dem revolutionären 3D-Druck von Metallteilen Komponenten für Airbus-Flugzeuge herzustellen – "das gelang nicht einem Hightech-Konzern aus Asien oder aus dem Silicon Valley – sondern uns, einem fränkischen Mittelständler", unterstreicht toolcraft-Gründer und Selfmade-Unternehmer Bernd Krebs mit gesundem Selbstbewusstsein.

Zur Szene gehören aber auch wissenschaftliche Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut IIS oder Hochschulen etwa mit der Forschungsplattform "Nuremberg Campus of Technology" (NCT). Die Dichte an solchen Einrichtungen in Nordbayern, so heißt es im Leitbild der Kammern für die Metropolregion, ist deutschlandweit außergewöhnlich.

Metropolregion unter Top 20

Vor allem die fachübergreifende Vernetzung von Innovation und Forschung wird mit Nachdruck vorangetrieben – gerade im Bereich der Digitalisierung. So entsteht zurzeit in Nürnberg das Analytics Data Application Center ADA, eine Kooperation verschiedener Institute und Universitäten mit dem Ziel, kleineren Firmen den Weg in die digitale Welt zu ebnen. Eine ähnliche Funktion übernimmt bereits das "Innovationslabor IoT" im Nürnberger Nordostpark.

Die Region hat also durchaus das Zeug dazu, beim Thema ganz weit vorne mitzuspielen. Nicht umsonst kommt der aktuelle Digitalisierungskompass der Forschungsunternehmen Prognos und Index zu dem Ergebnis, dass Erlangen, Nürnberg und Fürth zu den Top 20 unter bundesweit 401 Kommunen zählen, wenn es um die Präsenz der IT-Branche, um die angebotenen digitalen Berufe und um die Breitbandinfrastruktur geht.

Digitalisierung im Mittelstand noch kaum angekommen

Doch der Wirtschaftsraum könnte noch viel weiter sein, gäbe es da nicht zwei ganz entscheidende Hürden. Zu viele Mittelständler schlafen in Sachen Digitalisierung noch immer den Schlaf der Gerechten. Und wenn sie dann aufwachen, fehlen die Fachkräfte, um die Visionen und Ideen umzusetzen.

"Der digitale Reifegrad der regionalen Industrie-Unternehmen ist im bundesweiten Vergleich hoch – allerdings konzentriert er sich fast vollständig auf forschungsintensive Weltmarktführer", bilanziert Ronald Künneth von der IHK Mittelfranken. Dazu zählen die großen Konzerne: Siemens mit dem in Nürnberg angesiedelten Geschäftsbereich Digitale Fabrik und der Plattform MindSphere für das industrielle Internet der Dinge (IoT). Oder der IT-Dienstleister Datev, der Autozulieferer Schaeffler und sicher auch adidas mit der digitalen Turnschuh-Druckfabrik in Ansbach.

Hemmschuh sind aber Mittelständler, die mit dem Stichwort "Digitalisierung" vielleicht einen neuen Drucker oder eine neue Buchhaltungssoftware verbinden, die richtigen Weichen aber, etwa bei der Neuausrichtung des Geschäftsmodells, schlichtweg nicht erkennen – "insbesondere beim Einsatz von Technologien der Künstlichen Intelligenz", wie IHK-Experte Künneth betont.

Es fehlt an qualifiziertem Fachpersonal

Eine brandaktuelle Studie der HypoVereinsbank zur Lage in Mittelfranken verdeutlicht das Problem: Nur jeder fünfte heimische Betrieben hat nach den jüngsten verfügbaren Zahlen in die Digitalisierung investiert. Würden diese kleinen und mittleren Unternehmen auch nur den Rückstand aufholen wollen, den sie jetzt schon gegenüber den Vorreitern im Mittelstand haben, würde das in der Region Investitionen in Höhe von knapp 300 Millionen Euro auslösen. "Vor allem in der mittelständischen Industrie, aber auch im Gesundheitswesen oder in der Logistik nutzen die Betriebe die Chancen zu wenig", warnt Mathias Heinke von der HypoVereinsbank.

Und noch etwas bremst die Betriebe: Es fehlt hinten und vorne an qualifiziertem Fachpersonal. Jedes fünfte Unternehmen – und das gilt nicht nur in der Region – findet auf dem Arbeitsmarkt nicht genug Mitarbeiter, um das digitale Geschäft auszubauen, hat das Beratungsunternehmens EY ermittelt. Für den Mittelstandsexperten des Beratungsunternehmens, Michael Marbler, ein "Alarmsignal".

Doch wie geht es insgesamt weiter mit der Beschäftigung im digitalen Zeitalter? Die Experten übertreffen sich da mit den unterschiedlichsten Prognosen – von millionenfachem Jobverlust bis hin zur Rückkehr von Produktion aus Billiglohnländern nach Deutschland ist da die Rede. Und ein Heer von Beratern verdient sich gerade eine goldene Nase mit phantasiereichen Visionen zur Zukunft der modernen Arbeitswelt.

Doch Andreas Weidemann von der IG Metall in Nürnberg kann das alles schon nicht mehr hören: "Das ist doch reine Kaffeesatzleserei", sagt er, "wir stehen alle erst am Anfang dieser Entwicklung und wissen einfach noch nicht, wie wir künftig arbeiten werden". So richtig spannend, glaubt der Gewerkschafter, "wird das in vielleicht fünf, sieben Jahren". Bis dahin aber müsse man die Zeit nutzen, den Prozess aktiv zu gestalten.

Was bringt der Gipfel?

Der am Montag in Nürnberg beginnende Digital-Gipfel ist ein kleines Mosaiksteinchen in dem Versuch, das Bild der digitalen Zukunft zu zeichnen. Und was erwartet die Wirtschaft von diesem Großereignis, zu dem auch Kanzlerin Merkel anreisen wird? "Ach wissen Sie", so bringt es toolcraft-Gründer Krebs auf den – wunden – Punkt, "ich wäre ja schon froh, wenn ich endlich mit dem Auto von Spalt nach Wassermungenau fahren könnte, ohne dass mein Telefongespräch mit einem Kunden in Asien zweimal unterbrochen wird, weil ich keinen Empfang habe".

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