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Nürnberger Mathematiklehrerin: "Das ist kein schönes Abi"

Im gesamten Freistaat herrscht Frust über die schwierigen Prüfungsaufgaben - 05.05.2019 20:29 Uhr

37.000 junge Menschen sind in diesem Jahr in Bayern zum Abitur angetreten. Tausende mehr unterzeichneten bis gestern eine Petition, wonach die Mathe-Aufgaben zu schwer waren. © dpa/Bernd Wüstneck


Abitur-Prüfungstage sind für die Klassenlehrer fast so spannend wie für ihre Schüler. "Wir rechnen das frühmorgens immer durch", erzählt die Mathematiklehrerin und stellvertretende Leiterin des Johannes-Scharrer-Gymnasiums in Nürnberg, Barbara Sy. Die große Frage, die alljährlich im Raum steht: Werden die Schützlinge gut mit den zentral gestellten Aufgaben zurechtkommen? Am vergangenen Freitag waren sich Barbara Sy und ihre Mathe-Kollegen schnell einig. "Wir haben alle gesagt: Das ist kein schönes Abi." Keines, das so fair ist wie im Vorjahr.

Viele Prüflinge sahen das später auch so. Der Freitag war noch nicht vorbei, da hatte im Internet auf change.org eine gewisse Lisa Müller schon eine Online-Petition gestartet, in der gefordert wurde, "den Notenschlüssel des Mathematik Abiturs in Bayern 2019 zu senken und dem Schwierigkeitsgrad anzupassen". Und bis Sonntagabend hatten dann schon fast 50.000 Menschen diesen Appell unterstützt. Über 10.000 mehr als in diesem Jahr zum Abitur angetreten waren.

Die Empörung im Netz war groß. Ein niederbayerischer Mathe-Lehrer und Vater von drei ehemaligen Abiturienten schäumte auf der Petitions-Seite, trotz 30-jähriger Berufserfahrung könne er seine Wut über das diesjährige Abi "kaum in Worte fassen". Bei der Auswahl der vorgeschlagenen Aufgabengruppen hätten seine Kollegen "zwischen Cholera und Pest entscheiden" müssen.

"Pädagogische Sadisten"

Und die Mutter eines Münchner Abiturienten klagte über die "semantisch zugemüllte" Aufgabe in Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung). "Welche pädagogischen Sadisten denken sich so was aus?"

Die fränkische Abiturientin Paula hat sich den Petitionsaufruf auch schon einmal angesehen, unterzeichnet hat sie noch nicht. Den Grad der Aufregung, den das Thema Mathe-Abitur in nur zwei Tagen erreicht hat, kann sie nämlich nicht ganz teilen. "Es gab sehr schwere Aufgaben, aber insgesamt ging es eigentlich."

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Ja, okay, die Stochastik-Aufgabe, die sei in ihrer Art tatsächlich sehr unerwartet und vor allem in ihrem Anfangsteil ziemlich schwer gewesen. "Da hat man viel Zeit verloren, und manchen hat das komplett rausgebracht." Vor allem die sehr guten Mathe-Schüler hätten hinterher geklagt. Paula, die in dem Fach meist zwischen einer Zwei und einer Drei lag, sieht’s eher entspannt.

Ganz ähnlich klingt das bei der erfahrenen Mathe-Lehrerin Barbara Sy. "So schlimm war es auch wieder nicht." Sie versteht nur nicht, weshalb tatsächlich alle drei Aufgabengruppen (Analysis, Geometrie und Stochastik) von der Themenauswahl her "doof" waren. Sprich: Sie wichen von den viel geübten Standards ab, und die geforderten Rechenaufgaben wurden mit einer ungewöhnlichen Textfülle formuliert. Doch das, gibt Sy zu, sei ein offiziell angekündigter Trend. "Kompetenzorientiert" ist das Stichwort. Auch die Schüler selbst sollen in Mathe nicht nur rechnen, sondern auch beschreiben und argumentieren.

Hart gelernt

Noch hat die Nürnberger Lehrerin die Arbeiten nicht korrigiert. "In einer Woche weiß ich mehr." Aber nach ihren Beobachtungen während des Abiturs und einigen kurzen Schülergesprächen nach der Prüfung erwartet sie nicht die in den Netz-Reaktionen an die Wand gemalte ganz große Katastrophe.

Ähnlich wie Abiturientin Paula kann sich Barbara Sy vorstellen, dass es gerade ihren besten Schülerinnen und Schülern den erhofften Einser vermasselt. "Und für die geht es auch um viel. Da hat mancher schließlich auf einen Medizin-Studienplatz hin gelernt." Ob aber tatsächlich der Bewertungsschlüssel geändert werden muss, darüber könne man erst nach der Korrektur aller Arbeiten nachdenken.

So viel Zeit haben nicht alle. Aufgeschreckt durch die Online-Petition versicherte Kultusminister Michael Piazolo gestern: "Wir nehmen das natürlich ernst und werden das sorgfältig prüfen." Auch die SPD-Bildungspolitikerin Simone Strohmayr äußerte sich besorgt. Und für die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, stand schon mal fest, dass die Prüflinge im Mathe-Abitur zu wenig Zeit hatten.

An nichts, um es sarkastisch zu formulieren, sind Bayerns G 8-Gymnasiasten aber mehr gewöhnt. Paula: "Uns haben die Lehrer über das Jahr hinweg immer wieder erzählt: Wenn ihr G 9-Schüler wärt, könnten wir das jetzt gründlicher üben."

Da ist es am Ende kein Trost, dass auch andernorts das Mathe-Abitur verdammt schwer war. In Hamburg und Niedersachsen sind ebenfalls Petitionen am Laufen.

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