Städte vermitteln zwischen Anwohnern und Partyvolk

14.7.2015, 06:00 Uhr
Ein Streit, der weit über Fürth hinaus für Schlagzeilen sorgt: Die Anhänger von „Wir sind die Gustavstraße“ erhoben während des Grafflmarkts Ende Juni lautstark ihre Stimme. Der Protest richtete sich gegen weitere Einschränkungen im Festbetrieb.

© Hans Winckler Ein Streit, der weit über Fürth hinaus für Schlagzeilen sorgt: Die Anhänger von „Wir sind die Gustavstraße“ erhoben während des Grafflmarkts Ende Juni lautstark ihre Stimme. Der Protest richtete sich gegen weitere Einschränkungen im Festbetrieb.

Natürlich ist eine Wohnung in der Nürnberger Altstadt schön, sagt Richard Auer. Seit 1983 lebt er ein paar Schritte vom Maxplatz entfernt. Die Pegnitz ist nah, überall Sandsteinbauten und Fachwerk. Aber wenn es Nacht wird, vor allem kurz vor und am Wochenende, bleibt von der Idylle oft nichts übrig.

Er gehe selber viel aus, sagt der ehemalige Gymnasiallehrer. Und die Lokal-Vielfalt weiß er zu schätzen. „Das Problem sind die umherziehenden Horden“, sagt er. Junges Publikum, das weit nach Mitternacht lautstark von einer Kneipe zur anderen pilgert oder „Rucksacktrinker“, die sich im Sommer bis zum frühen Morgen feiernd im Freien niederlassen. Und das hat für Auer rein gar nichts mit einem zunehmenden „mediterranen Lebensgefühl“ in der Stadt zu tun. „Hier geht es um die Verletzung von Benimmregeln.“

Solche Konflikte zwischen Partyvolk und Bürgern, die nachts ruhig schlafen wollen, gibt es schon lange. Und sie beschränken sich nicht auf die zweitgrößte Stadt Bayerns. In der Fürther Gustavstraße schlagen die Wellen seit Jahren hoch, immer wieder versuchen einige wenige Bewohner mit juristischen Mitteln, die Ausschankzeiten und damit auch das Nachtleben zu beschneiden. Auch in Erlangen gibt es, vor allem zur Bergkirchweih, immer wieder Ärger. Ebenso in Bamberg, Würzburg, Regensburg, Augsburg.

Kommunen in der Zwickmühle

Die Kommunen stellt das vor erhebliche Schwierigkeiten. Zum einen ist ihnen, etwa mit Blick auf den Tourismus oder die Attraktivität als Uni-Standort, ein reges und buntes Nachtleben durchaus recht. Auch Wirte sollen nicht mit rigiden Sperrzeitverordnungen verprellt werden.

Andererseits können die gestörten Bewohner schon lange nicht mehr mit dem Hinweis vertröstet werden, dass nächtliches Gegröle und unappetitliche Hinterlassenschaften in Höfen oder an Hauswänden in manchen Vierteln mehr oder weniger dazugehören und somit hinzunehmen oder der Polizei zu melden sind. Zumal Anrufe bei den Ordnungshütern oft ins Leere laufen: treffen die Beamten ein, ist der laute Pulk oft genug schon weitergezogen oder hat sich aufgelöst.

Im Interesse aller Parteien wird der Konflikt ohnehin nie vollständig zu lösen sein. Doch es gibt eine ganze Reihe von Vermittlungsansätzen, die durchaus erfolgversprechend sind. In München etwa sind nach einem Test im vergangenen Sommer auch dieses Jahr wieder zwischen 23 und vier Uhr „Konfliktmanager“ unterwegs. Sie sprechen beispielsweise am Brennpunkt Gärtnerplatz Feiernde an und werben bei ihnen um Verständnis für die Anwohner.

Berlin hat mit dem Hotel- und Gaststättenverband und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Pantomime-Künstler engagiert, die an den Sommerwochenenden das Partyvolk spielerisch darauf aufmerksam machen, dass in den Häusern ringsum Menschen schlafen wollen.

Aktionen, die im Nürnberger Ordnungsamt anerkennend registriert werden. Aber hier sei so etwas aus verschiedenen Gründen nicht möglich, sagt Robert Pollack. Weil es in Nürnberg kein klar umrissenes Kneipenviertel gibt, müssten etwa Konfliktmanager im gesamten Altstadtgebiet unterwegs sein. Vor allem aber fehle Nürnberg schlicht das Geld für einen solchen Ordnungsdienst.

Vom Weg der generellen Sperrzeitverlängerung auf zwei Uhr, die Städte wie Regensburg gewählt haben, hält Pollack ebenfalls wenig, weil so auch die falschen getroffen würden. „In der Inneren Laufer Gasse ist es zum Beispiel viel ruhiger als in der Klaragasse oder rund um den Tiergärtnertorplatz.“ Und eine Sperrzeit nach Zonen würde zu einem Flickenteppich und einer Verlagerung des nächtlichen Partyverkehrs sorgen.

So setzt das Ordnungsamt wie bisher darauf, nach Bedarf auf einzelne Wirte einzuwirken und verspricht sich viel von einer Rücksichtnahme-Aktion, die bald in der Altstadt starten soll. Plakate und Flyer mit flotter Ansprache, die auf witzige Art und Weise das Problembewusstsein der Nachtschwärmer wecken sollen.

Die Idee dazu kommt ursprünglich von Stephan Schulz, dem Inhaber der Mata Hari Bar in der Weißgerbergasse. Seit über zehn Jahren setzt er sich für ein konfliktfreies Miteinander ein, von dem alle profitieren. Die Anwohner, weil sie mehr Ruhe haben ebenso wie das Publikum, das länger weggehen und feiern kann.

Die Umsetzung der Kampagne ist auch das Ziel von Richard Auer, der im Bürgerverein Altstadt seit 2012 den „Arbeitskreis Kneipen“ leitet und mit Schulz, Vertretern von Stadt, Ordnungsamt und Polizei immer wieder an einem Tisch sitzt. In Aschaffenburg etwa hat eine solche Plakat-Aktion vor ein paar Jahren viel bewegt, die Zahl der Ruhestörungen und auch der Straftaten sank deutlich.

Ungeklärte Finanzierung

Doch in Nürnberg hapert es trotz präsentationsreifer Vorlagen immer noch an der Umsetzung, was Schulz zunehmend ärgert. Konkret „hängt es an der Finanzierung“, sagt er. Während Aschaffenburg die Kosten für die Aktion ganz übernommen habe, will sich Nürnberg nur daran beteiligen. Und auch das erst, wenn geklärt ist, wie viele Wirte mitmachen und mitzahlen. „Wir müssten also in Vorleistung gehen“, so Schulz.

Dass die Kampagne noch 2015 startet, bezweifelt er inzwischen. „Drei Jahre sind eine lange Zeit“, sagt auch Auer mit Blick auf die vielen Gespräche des Arbeitskreises. „Da muss jetzt endlich was vorwärtsgehen.“

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