Wählt die Regierung ihre Corona-Berater zu einseitig aus?

Harald Baumer

Berlin-Korrespondent der NN

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31.1.2021, 05:31 Uhr
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bundespressekonferenz zum Thema Situation Covid-19 in Berlin. 

© Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de, imago images/IPON Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bundespressekonferenz zum Thema Situation Covid-19 in Berlin. 

Sie sei "ein bisschen überrascht". Das sagte Angela Merkel bei ihrer jüngsten Pressekonferenz auf die Frage, ob sie denn in der Vergangenheit bei der Auswahl ihrer wissenschaftlichen Corona-Berater(innen) nicht zu einseitig vorgegangen sei. Dabei kennt die Kanzlern den Vorwurf gewiss schon länger. Kurz gesagt lautet er so: Es ist ein sehr ähnlicher Personenkreis, den die Bundesregierung da regelmäßig zu sich einlade. Und gewisse Fachrichtungen fehlten leider.

Vor dem bisher letzten Corona-Gipfel des Bundes und der Länder waren es acht Frauen und Männer gewesen, die ihre Expertise beisteuerten und so maßgeblichen Einfluss auf die Politik nahmen: der Virologe Christian Drosten, Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), der Physiker Michael Meyer-Hermann, der Epidemiologe Gérard Krause, die Psychologin Claudia Betsch, die Virologin Melanie Brinkmann, der Verkehrsexperte Kai Nagel und der Molekularbiologe Rolf Apweiler.

Unter diesen Fachleuten sind, wenn man so will, "Dauergäste" und solche, die nur nach Bedarf geladen werden. Die meiste Kritik richtet sich gegen die beiden bekanntesten und am häufigsten vertretenen Gesichter, nämlich Christian Drosen und Lothar Wieler. Doch das hat seinen Grund. Dass der Chef des RKI als der fachlich zuständigen Bundesbehörde dabei ist, versteht sich von selbst. Er steht für die Expertise von über 1000 Beschäftigten, darunter fast 500 Wissenschafter(innen).

Drosten und Wieler als "Dauergäste" der Politik

Und wie ist es mit Christian Drosten? Der 48-Jährige Professor von der Charité befasst sich seit langem mit neu auftretenden Viren und leitet das größte entsprechende Labor in Europa. "Ich glaube, es gibt wenige, die so viel am Coronavirus geforscht haben, wie Herr Drosten", verteidigte Gesundheitsminister Jens Spahn die herausragende Rolle des bekanntesten deutschen Virologen.

Ein Beispiel für den sich stets ändernden Beratungsbedarf ist der Molekularbiologe Apweiler. Von ihm wollten Kanzlerin und Ministerpräsident(inn)en wissen, wie die neu aufgetretenen Corona-Mutationen einzuschätzen sind. Davor hat die Politik im Moment den größten Respekt, denn die Varianten gelten als extrem aggressiv.

Auffallend ist, dass ein renommierter deutscher Wissenschaftler nicht zum Zuge gekommen ist, obwohl ihn die SPD-geführten Länder gerne dabeigehabt hätten: Klaus Stöhr (61). Er leitete unter anderem das Influenza-Programm der Weltgesundheitsorganisation WHO. Stöhr hat sich in der Vergangenheit kritisch zur Schließung von Kitas und Schulen geäußert und diese als das letzte Mittel bezeichnet. Auch sagte er, dass Deutschland mit höheren Inzidenzwerten von etwa 150 umgehen könne. Auch das ein krasser Widerspruch zu dem Kurs, den die Bundespolitik bisher vertritt.

Expertenauswahl hat etwas mit Grundentscheidung zu tun

Eines machte die Kanzlerin bei ihrer jüngsten Pressekonferenz von sich aus klar: Es gibt beim Kampf gegen die Pandemie so etwas wie eine "politische Grundentscheidung", die dann auch zur Einladung von Wissenschaftlern führt. Deutschland habe sich schon früh gegen den "schwedischen" Weg der Herdenimmunität (schnellere Infizierung weiter Bevölkerungsteile bei weitgehender Öffnung von Gastronomie und Einzelhandel) entschieden. Deswegen tauchten Vertreter dieser Denkrichtung unter den Beratern auch nicht auf.

Die Opposition kritisiert seit geraumer Zeit die ihrer Meinung nach zu starke Ausrichtung an medizinischen Ratgebern. Damit werde verdrängt, dass Corona auch ganz andere schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesellschaft habe. So fordert die Linkspartei Fachleute für Soziales und Bildung, um zu hinterfragen, wie sich der monatelange Lockdown auf Kinder und ihre Eltern, auf Geringverdiener und andere stärker Belastete auswirkt. Die FDP mahnt das Einholen von Wirtschaftskompetenz an. Dem schließt sich auch Lars Feld an, der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen: "Man hätte sich gewünscht, dass etwas mehr ökonomische Kompetenz in der Runde vorhanden gewesen wäre."


"Illusorisch": Virologe Stöhr kritisiert aktuelle Corona-Strategie


Der bereits erwähnte Klaus Stöhr betrachtet offensichtlich die Auswahl an Fachleuten ebenfalls all zu begrenzt. Jedenfalls sagte er im Interview mit dem Münchner Merkur: "Ich habe schon viele Regierungen beraten. Die meisten haben versucht, einen repräsentativen Kreis an Experten unterschiedlicher Fachrichtungen einzuladen." Dabei sei dann "ergebnisoffen" diskutiert worden.

Jens Spahn: "Ich suche immer das Gespräch"

Angela Merkel und ihre Mitstreiter verteidigen sich damit, dass sie ja auch nicht nur auf die Beraterrunde vor Ort hörten. "Immer dann, wenn ich eine Meinung sehe, die einen anderen Blickwinkel hat, suche ich das Gespräch", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn vor kurzem. Die Kanzlerin betonte bei anderer Gelegenheit, sie nehme selbstverständlich kritische Meinungen ebenso wie zustimmende wissenschaftliche Äußerungen zur Kenntnis. "Nicht nur diejenigen, die jetzt gerade eingeladen sind diejenigen, mit denen ich spreche, mit deren Erkenntnissen ich mich befasse."

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