Kolumne

Urlaub und Corona: Warum müssen wir immer abhauen?

Kurt Heidingsfelder

Kultur

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10.8.2021, 10:38 Uhr
Maskenpflicht und Einreisebeschränkungen: Auspannen im Sommerurlaub war schon mal deutlich unkomplizierter.

© photo2000 via www.imago-images.de, NN Maskenpflicht und Einreisebeschränkungen: Auspannen im Sommerurlaub war schon mal deutlich unkomplizierter.

Liebe Urlauber,

viele von Ihnen brutzeln schon am Strand, stiefeln in karierten Hemden Gipfeln entgegen, streicheln auf Ferien-Bauernhöfen allerhand Getier, spannen am Campingplatz Zeltschnüre nach, weil schon wieder jemand auf dem Weg zum WC-Haus mit den Füßen eingefädelt hat, oder sind erschöpft vom Alltag in Hotelburgen eingezogen, in denen Mama und Papa einmal im Jahr von früh bis spät verdientermaßen der Popo hinterhergetragen wird, während die Kindlein fremdbetreut einen Piratenschatz aus Gummibärchen suchen. Was man halt alles so macht - in der schönsten Zeit des Jahres.

Die noch Daheimgebliebenen starren, so wie ich, gebannt auf Inzidenzen. Auf der Weltkarte schließt sich gefühlt gerade eine Schranke nach der anderen. Endlich ein paar Wochen Freiheit - und wir sind umzingelt von Restriktionen und Unwägbarkeiten. Wer will schon riskieren, nach der Rückkehr aus Zandvoort tagelang die ungeimpften Kinder einsperren zu müssen? Ist übermorgen womöglich auch Quarantäne angesagt, wenn ich in London nur zwischengelandet bin, in Andorra nur getankt habe, um Holland nur herumgesegelt bin? Fragen über Fragen. Verdammtes Virus!

In meinem Frust habe ich mich erinnert, wie das früher war. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ohne Streichelzoo. Meine Eltern fuhren nie mit uns Kindern weg, weil es in keiner Unterkunft der Welt erlaubt ist, 60 Schweine mitzubringen. Fehlte mir deshalb etwas?

Liebe Urlauber und Mitgefangene, jetzt können Sie natürlich einwenden, dass ein Leben als Landwirt ein selbstgewähltes Schicksal ist, und dass die Reisebranche in die Knie geht, wenn niemand mehr Flüge und Unterkünfte bucht; dass das Eintauchen in andere Kulturen charakterbildend ist, es letztlich möglicherweise sogar dem Weltfrieden dient, wenn wir Weißbier auf Teneriffa trinken und uns in Rimini bemühen, "Expressi" in der Landessprache zu bestellen; dass einem daheim doch irgendwann zwangsläufig die Decke auf den Kopf fällt, egal, wie groß die Wohnung, das Haus oder der Garten ist.

Alles richtig, alles nachvollziehbar. Trotzdem kann es wohl gerade in diesen Zeiten nicht schaden, unseren inneren Kompass zu kalibrieren. Vor Corona verreisten drei Viertel aller Deutschen mindestens einmal pro Jahr privat. Ausruhen ist für die meisten von uns identisch geworden mit: abhauen. Ja, auch ich will weg, will ans Wasser. Doch was sagt das über unser Leben aus, wenn wir grundsätzlich glauben, flüchten zu müssen, um mal richtig entspannen zu können? Es gibt ein Recht auf Urlaub, aber keines auf zwei Wochen Mallorca im Jahr. Vielleicht sollten wir alle solche Reisen wenigstens wieder als das begreifen, was sie für einen Großteil der Menschheit sowieso sind: der pralle Luxus.

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