Franken-Schotter: Der Steinmetz von morgen ist digital

26.4.2018, 06:05 Uhr
Ob Wolkenkratzer in New York oder Yachtclub in Monaco: Naturstein aus Altmühlfranken ziert viele bekannte Gebäude. Geplant wird mittlerweile

Ob Wolkenkratzer in New York oder Yachtclub in Monaco: Naturstein aus Altmühlfranken ziert viele bekannte Gebäude. Geplant wird mittlerweile "fünfdimensional" und noch vor dem ersten Spatenstich. Die vorgefertigten Fassadenmodule werden am Ende einfach „eingehängt“. © Patrick Shaw

 „Gebäudedatenmodellierung“ (Building Information Modeling, kurz BIM) heißt Aßmanns Steckenpferd. Die digitale Planung kompletter Bauprojekte bis zum letzten Fassadenstein, noch bevor überhaupt der erste Bagger anrückt, wird den Beruf des Steinmetzes und vieler anderer Handwerker radikal verändern. Bei den ersten „Naturstein-Fassadentagen“, die diese Woche bei Franken-Schotter in Petersbuch und Titting stattfanden, referierten Aßmann und weitere Experten über die „digitale Transformation“ der Branche. Wir haben nachgefragt, was das für Bauherren und Handwerker bedeutet.

Herr Aßmann, wenn man Ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, dass die Baubranche in Deutschland technologisch in den 1990er Jahren stehengeblieben ist. Das gilt für die Planungsseite ebenso wie für Ihre handwerkliche Heimat, den Steinmetzberuf. Was läuft da schief?

Marc Aßmann: Was den Steinmetz angeht, muss man sich nur anschauen, wie heute der klassische Grabstein entsteht. Als ich Ende der 1980er Jahre gelernt habe, haben wir noch Steine aus der Region von Hand bearbeitet. Heute kommt das Material aus China, wird dort maschinell geschnitten und bei uns vom Automaten beschriftet. Der Steinmetz ist da nur noch Verkäufer und Monteur.

Ist das die Zukunft dieses uralten Berufs? Sie sagen ja, dass sich auch auf dem Bau, in den Planungsbüros und bei den Zulieferern viel ändern muss – zum Beispiel bei Franken-Schotter, wo viele Steinmetze arbeiten.

Aßmann: Das Problem in Deutschland ist eine Mischung aus Kleinteiligkeit, Marktsättigung und „Geiz-ist-geil“-Mentalität. Eigentlich regelt die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) die Leistungsphasen auf dem Bau. In den letzten Jahren wird das aber kaum noch so gelebt. Da wird einfach drauf los gebaut, Preise und Risiken werden verschleiert, Handwerker scheibchenweise beauftragt, und es muss möglichst billig sein. Das führt zu Chaos in der projektbegleitenden Planung und am Ende zu Kostenexplosionen und Verzögerungen wie beim Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder der Hamburger Elbphilharmonie. In der Folge ist bei uns eine regelrechte Streitkultur entstanden: kaum ein Bau, bei dem nicht geklagt wird oder jemand auf Kosten sitzen bleibt. Im Ausland ist das anders, da gibt es eine partnerschaftliche Planung und ein anderes Qualitätsbewusstsein. Es ist ja schon sonderbar, dass wir es in Deutschland niemals hinnehmen würden, wenn unser neues Auto in der falschen Farbe oder mit Fehlern geliefert wird, bei einer Immobilie, die viel langlebiger ist, aber genau das akzeptieren.

Und die Lösung heißt „BIM“?

Aßmann: Die Bundesregierung hat 2015 einen fünfjährigen Stufenplan aufgelegt, der für mehr Terminsicherheit, weniger Nachträge und weniger Rechtsstreitigkeiten sorgen soll. Kernpunkt ist das BIM. Die Digitalisierung ermöglicht es, dass wir Bauvorhaben noch vor dem ersten Spatenstich komplett fertig planen und visualisieren. Das soll die HOAI wieder anwendbar machen. Technologisch ist Deutschland hier einer der Spitzenreiter, in der Anwendung sieht das allerdings ganz anders aus. Da liegen wir weit hinter Ländern wie Großbritannien, den USA oder den skandinavischen Staaten. Dort ist BIM verpflichtend, um überhaupt einen Auftrag zu erhalten und mitspielen zu dürfen.

Marc Aßmann

Marc Aßmann © privat

Einen Bauplan bekomme ich aber doch auch heute schon, bevor ich ein Haus baue...

Aßmann: Das BIM geht weit darüber hinaus. Es ist keine klassische 2-D-Planung, sondern kann bis zu einer 5-D-Planung erweitert werden, also einem dreidimensionalen Modell, das virtuell mit Terminen und Kosten verknüpft ist und aus dem wiederum Ausführungspläne generiert werden. Alle Gewerke werden vorab einbezogen, aufeinander abgestimmt und laufend synchronisiert. Schon vor dem Ausheben der Baugrube wissen Sie dann, wo der letzte Wasserhahn hinkommt oder wie die Textur der Steinfassade aussieht. Und wenn sich etwas ändert, werden die Auswirkungen sofort sichtbar. Das geht sogar noch weiter bis hinein ins Facilitymanagement (Gebäudenutzung und -unterhalt – Anm. d. Red.): Energieverbrauch, Wartungsintervalle und Pflegeanweisungen sind ebenfalls virtuell hinterlegt und individuell gestaltbar. Ein Bereich, in dem diese Herangehensweise schon seit Jahren gang und gäbe ist, ist die Küchenplanung. Da stellt Ihnen der Verkäufer Ihre Wunschküche aus standardisierten Modulen zusammen, und auf Knopfdruck erhalten Sie eine dreidimensionale Darstellung, den Preis und den berechneten Liefertermin. Auch im Hotelbau gibt es das schon. Da werden heute Badezimmer oft als komplette Module im Werk gefertigt und dann nur noch ins Gebäude eingehoben. Und die Deutsche Bahn plant ihre Haltestellen mittlerweile bundesweit einheitlich und modular.

Aber das sind Ausnahmen?

Aßmann: Bei den meisten anderen Bauprojekten in Deutschland ist es bisher so, dass zum Beispiel der Fassadenhersteller oder Sanitärplaner erst beauftragt wird, wenn der Rohbau schon steht. Wenn sich dann herausstellt, dass die Maße nicht dem Standard entsprechen oder es andere Schwierigkeiten gibt, wird es teurer, dauert länger, oder es wird gestückelt und kaschiert – wie früher auch oft bei Küchen, wo Blenden die Lücken schließen mussten und viel Platz wegnahmen.

Das Ganze klingt fortschrittlich, aber auch aufwendig. Ist das nur etwas für Großprojekte, oder auch für den „kleinen Häuslebauer von nebenan“?

Aßmann: Am Ende wird BIM die gesamte Baubranche revolutionieren. Individuelles Bauen mit Standardisierung, visueller Kontrolle des Bauherrn noch vor Baubeginn sowie hoher Kosten- und Terminsicherheit ist die Zukunft – ähnlich wie wir es heute teilweise schon von Holz-Fertighäusern kennen. Dadurch werden sich zahlreiche Berufsbilder ändern oder ganz verschwinden, aber auch neue entstehen. Der Steinmetz bedient dann nicht mehr die Bohrmaschine, sondern ist bereits im Planungsprozess Berater und steht später als Qualitätssicherer daneben, wenn zum Beispiel die fertigen Fassadenplatten aufgehängt werden. Es ist aber richtig, dass sich das einfache Handwerksbetriebe erst einmal schwer tun wird und eine komplette BIM-Planung gar nicht leisten kann. Dafür gibt es ein Modellprojekt des deutschen Handwerks (im Internet unter ework-bau.de und bimatwork.de), aus dem sich Schnittstellen entwickeln sollen, über die Handwerker sich Informationen aus dem BIM herausziehen und ihre eigenen Daten einspeisen können.

Wie wirkt sich das bei Franken-Schotter aus?

Aßmann: Ich bin bei Franken-Schotter, um das BIM einzuführen und die Kollegen auf diesem Weg mitzunehmen. BIM ist ja nicht nur eine neue Software, die ich einfach kaufe, sondern eine ganz andere Herangehensweise an Projekte. Für Firmen wie Franken-Schotter, die spät im Bauablauf Fassadenteile oder ähnliches liefern, bedeutet das, dass sie in der Planung von ganz hinten nach ganz vorne rücken. Das eröffnet aber auch neue Geschäftsfelder. Mit BIM können wir Bauherren und Architekten schon von der Projektidee an in allen Leis­tungsphasen erst virtuell und dann real begleiten. Dafür müssen die Unternehmen allerdings neue Kompetenzen aufbauen und ihre gesamte Organisation anpassen. Auch die Fachverbände sind hier gefragt, damit der Steinmetzberuf zukunftsfähig bleibt.

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