Wechselunterricht klappt - aber die Notbetreuung platzt aus allen Nähten

5.2.2021, 08:09 Uhr
Quantenmodell und Heisenberg’sche Unschärferelation: Am gestrigen Donnerstag ging es für die Zwölftklässler der Senefelder-Schule im Präsenzunterricht mit den Physik-Abiturvorbereitungen weiter. Bei den Gymnasiasten ist das eher einfach, besteht der Kurs doch nur aus acht Schülern.

Quantenmodell und Heisenberg’sche Unschärferelation: Am gestrigen Donnerstag ging es für die Zwölftklässler der Senefelder-Schule im Präsenzunterricht mit den Physik-Abiturvorbereitungen weiter. Bei den Gymnasiasten ist das eher einfach, besteht der Kurs doch nur aus acht Schülern. © Foto: Patrick Shaw

Gabriele Gippner, Leiterin der Treuchtlinger Senefelder-Gesamtschule, hat Verständnis für alle Familien, die sich mit sinkenden Corona-Infektionszahlen schnellstmöglich den Präsenzunterricht für ihre Kinder zurücksehnen. Dass Bayern mit der Rückkehr der Abiturienten und FOS-/BOS-Abschlussschüler in die Klassenzimmer nun zunächst nur einen minimalen Schritt in Richtung Normalität gegangen ist (landesweit machen beide Gruppen nur zwei Prozent der Schüler aus), hält sie aber für logisch.

Entscheidung liegt beim Ministerium

Die Entscheidungshoheit darüber, in welchem Tempo welche Schulart und -klassen wieder das Homeschooling verlassen, sieht Gippner ganz klar beim Kultusministerium und den Infektiologen. Mit der eigenen Meinung hält sie sich eher zurück, steht aber grundsätzlich hinter dem neuen Wechselunterricht: "Die Abiturienten sind mit ihren Prüfungen schon deutlich früher dran als der Rest", erklärt die Schulleiterin. Die Prüfungen zur Hochschulreife finden im Mai statt, während es für die Real- und Mittelschüler erst im Juli ernst wird.

Von Seiten der Abiturienten und ihrer Eltern habe es keinerlei Vorbehalte bezüglich der Rückkehr in den partiellen Schulbetrieb gegeben, erklärt Gippner. Rund 35 Q12-Schüler, also die Hälfte der Jahrgangsstufe, werden seit Montag an einem Tag in Präsenz unterrichtet. Am nächsten Tag ist die andere Hälfte dran, um eine möglichst einheitliche Vorbereitung beider Gruppen zu gewährleisten. Zusammen mit den etwa zehn bis 20 Fünft- und Sechstklässlern in der Notbetreuung befinden sich somit täglich rund 50 Schüler im weitläufigen Schulhaus.

Die Akzeptanz ist hoch

Dass diese Zahl so überschaubar ist, könnte auch ein Grund sein, warum die Abiturienten die Rückkehr zum Wechselunterricht durchweg positiv aufnehmen, mutmaßt Gippner. Kritik an der Entscheidung des Kultusministeriums sei ihr bisher nicht zugetragen worden.

Anders sah das in den vergangenen Tagen etwa in Schwabach und Nürnberg aus, wo Abiturienten und Fachoberschüler sich in einem offenen Brief an das Kultusministerium wandten, um eine Änderung der Regelung baten oder die Teilnahme am Wechselunterricht schlicht verweigerten. Im Schreiben der Staatlichen Fachoberschule II in Nürnberg hält ein Schülersprecher dem Ministerium etwa vor, dass die Angst vor einer Ansteckung bei den Abschlussklassen groß sei. Die Rückkehr in den Wechselunterricht empfinde man außerdem als ineffizient, jetzt, wo sich der Online-Unterricht endlich eingespielt habe.

Gabriele Gippner hält den Präsenzunterricht hingegen für die aus pädagogischer Sicht bessere Wahl. Der digitale Unterricht könne da häufig doch nicht ganz mithalten, weil die Mittel für die ständige Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern begrenzt seien. Damit die Internetverbindung gut genug ist, würden beispielsweise viele Schüler ihre Videokameras ausschalten, wodurch die Betreuung nicht gleichwertig mit der im Klassenzimmer sei.

Doppelbelastung für Lehrer

Seit der Wechselunterricht an der Senefelder-Schule am Montag wieder aufgenommen wurde, komme man ganz gut zurecht, findet die Schulleitung. An den Präsenz-Tagen vertiefen die Abiturienten all jene Inhalte, die im Online-Unterricht schwieriger zu vermitteln sind. Gymnasialzugleiter Martin Stehr nennt als Beispiel den Englischunterricht, wo die Zwölftklässler, die in diesem Fach das schriftliche Abitur ablegen, an den Präsenz-Tagen gemeinsam das Hörverstehen üben: "Das klappt im Unterrichtsraum einfach noch ein Stückchen besser", findet er.

Wie auch in anderen fränkischen Schulen bemängelt wird, sieht die Treuchtlinger Schulleitung allerdings auch eine Doppelbelastung für die Gymnasiallehrer. Diese müssen derzeit vormittags die eine Klassenhälfte in Präsenz und am Nachmittag die andere online betreuen. Außerdem schrumpfe die Zeit für die Betreuung und die Fragen der Schüler, denn in den Zeitfenstern, in denen die Klassenlehrer Präsenzunterricht geben, sind sie für die übrigen Schüler nicht verfügbar.

Von einer generellen Online-Übertragung aus dem Klassenzimmer für alle Oberstufenschüler halten Gippner und Stehr allerdings auch nicht viel. Die Erfahrung der letzten Monate habe gezeigt, dass ein Schultag nach Stundenplan im Homeschooling nicht möglich ist. Wenn ein Elternteil im Homeoffice und zwei Kinder gleichzeitig im Livestream sind, schaffe das für die Familie zusätzlichen Stress. Einige Haushalte seien auch gar nicht so umfassend technisch ausgestattet, dass alle Kinder gleichzeitig den Online-Unterricht wahrnehmen könnten.

Insgesamt sieht die Schulleitung den diesjährigen Abiturjahrgang auf einem guten Weg, denn mittlerweile habe sich der Online-Unterricht sehr gut eingespielt. "Mit gewissen Vereinfachungen von oben (von Seiten des Kultusministeriums – Anm. d. Red.) sowie Anpassungen des Unterrichts sollte das Abitur auch in diesem Jahr gelingen", ist Martin Stehr überzeugt. Schon seit einigen Monaten konzentriere man sich beispielsweise auf die Vorbereitung in den schriftlichen Prüfungsfächern, während bloße Nebenfächer nicht mehr oder kaum benotet werden.

Viertklässler immernoch in Distanzunterricht

Rund 70 Kinder sind derzeit in der Notbetreuung der Treuchtlinger Grundschule. Bei manchen arbeiten beide Eltern, andere lernen gerade erst Deutsch, was online kaum praktikabel wäre. Abstand halten? Unmöglich. Das führt den Distanzunterricht für die Mitschüler teils ad absurdum.

Rund 70 Kinder sind derzeit in der Notbetreuung der Treuchtlinger Grundschule. Bei manchen arbeiten beide Eltern, andere lernen gerade erst Deutsch, was online kaum praktikabel wäre. Abstand halten? Unmöglich. Das führt den Distanzunterricht für die Mitschüler teils ad absurdum. © Foto: Patrick Shaw

So flexibel geht es an der Grundschule dagegen noch nicht zu. Dort sind alle Schüler vorerst bis einschließlich 14. Februar zu Hause, ein Wechselunterricht ist nicht vorgesehen. Ohne eine neue Regelung könnte ab dem 15. Februar dann der Schulbetrieb wieder starten – für Rektor Herbert Brumm beides keine guten Lösungen. "Wir würden jetzt gern erst einmal die ersten und die vierten Klassen im Wechselunterricht in die Schule holen", erläutert er. Die Viertklässler, die eigentlich auch "Abschlussschüler" seien, müssten auf den Schulwechsel vorbereitet werden, und die Erstklässler seien ohnehin "schon zu lange draußen".

Vorstellbar wäre laut Brumm ein Modell mit täglichem Wechsel halber Klassen, ähnlich dem an der Senefelder-Schule oder im vergangenen Sommer. An der Grundschule sei das sogar erheblich leichter umzusetzen, weil die Lehrer dort ihre Klassen meist in nahezu allen Fächern unterrichten und so nicht am selben Tag unter Umständen mehrfach zwischen Präsenz- und Online-Unterricht wechseln müssen.

Überfüllte Notbetreuung

Wie problematisch die Situation an der Treuchtlinger Grundschule ist, zeigen die enormen Zahlen aus der Notbetreuung. Mit mehr als 70 Kindern in sieben Gruppen – fünf davon in der Kernstadt und zwei in Wettelsheim – ist sie derzeit die größte im Landkreis. "Das ist eine große Belastung", betont Herbert Brumm. "Wir versuchen, die Eltern zu entlasten wo es geht, aber das ist inzwischen grenzwertig." Mit immer mehr Kindern in der Betreuung fehle es zunehmend an der Hygiene, am Platz für ausreichend Abstand und vor allem am Personal. "Alles, was laufen kann, ist als Betreuer da", so der Grundschulleiter.

Die sich von Ort zu Ort stark unterscheidenden Zahlen waren am Mittwoch auch Anlass für einen Offenen Brief der Bildungsgewerkschaft GEW an die Staatsregierung. Diese kritisiert die Zahlen zur Inanspruchnahme der Notbetreuung als Augenwischerei: "Im Durchschnitt ist die Belegung mit einem Wert unter 30 Prozent akzeptabel. Tatsächlich gibt es aber viele Ausreißer nach oben", so Landesvize Gerd Schnellinger. Die GEW fordert eine verbindliche Obergrenze für Betreuungsgruppen. Ist diese erreicht, müsse "im Dialog eine Lösung gefunden werden, die die Interessen der Kinder, nicht die Erwerbsarbeit der Eltern in den Vordergrund rückt". Den Eltern sei "durch großzügige Verdienstausfallentschädigungen zu helfen".