Der Fall Peggy

20 Jahre nach Peggys Tod ist der Mörder noch immer unerkannt

7.5.2021, 06:55 Uhr
Ein Absperrband umzäunt ein Waldstück in Rodacherbrunn in Thüringen, in dem im Juli 2016 ein Pilzsammler menschliche Knochen gefunden hat. Sie gehören zu Peggys sterblichen Überresten.

Ein Absperrband umzäunt ein Waldstück in Rodacherbrunn in Thüringen, in dem im Juli 2016 ein Pilzsammler menschliche Knochen gefunden hat. Sie gehören zu Peggys sterblichen Überresten. © Bodo Schackow, dpa

Der 7. Mai 2001 ist ein kühler, regnerischer Tag, so einer, wie wir ihn auch jetzt wieder erleben. Die neunjährige Peggy Knobloch verschwindet unter derart merkwürdigen Umständen aus dem malerischen Städtchen Lichtenberg im Landkreis Hof, dass man denken könnte, es müssen ein paar dicke graue Wolken gewesen sein, die das zarte Wesen eingehüllt und über die Burgruine hinweg in den nahen Rennsteig getragen haben, wo man ihre sterblichen Überreste 15 Jahre später finden wird.

Was genau passiert ist, weiß nur der Täter, vielleicht waren sogar mehrere. Wann genau es passiert ist, ist ebenfalls ein Mysterium. Ihre Mutter Susanne meldet Peggy abends bei der Polizei als vermisst, nachdem sie von der Arbeit in einem Pflegeheim nach Haus gekommen war und die Kleine nirgends finden konnte.

Roter Mercedes

Nach all dem, was bisher ans Licht gedrungen ist, verschwand Peggy wohl nicht schon "auf dem Nachhauseweg von der Schule", wie es lange Jahre bei der Polizei hieß. Denn Mitschüler hatten das Kind, das jeder im Ort kannte, am Nachmittag gegen 16 Uhr noch vor dem Bäcker gesehen.

Das Städtchen Lichtenberg in Oberfranken liegt malerisch über dem Höllental im Naturpark Frankenwald.

 

Das Städtchen Lichtenberg in Oberfranken liegt malerisch über dem Höllental im Naturpark Frankenwald.   © Alexander Gheorghiu, dpa

Zwei Jungen berichteten der Polizei, Peggy, sei dann in einen roten Mercedes gestiegen, der ein tschechisches Kennzeichen trug, und abends mit diesem auch wieder zurück gekommen. Ein Hofer Staatsanwalt beantragte daraufhin ein Rechtshilfegesuchen bei den tschechischen Behörden. Doch im Nachbarland wurde man nicht fündig.

Abends um 19 Uhr an jenem 7. Mai 2001 sah ein Familienvater das Mädchen mit seinem blausilberfarbenen Roller noch an einer Bushaltestelle am Ortseingang stehen. Er meldete seine Beobachtungen anderntags den Ermittlern, als die Suche nach der Kleinen bereits auf Hochtouren lief. In den folgenden Wochen kamen Bundeswehrtornados zum Einsatz, Waldstücke wurden durchkämmt, Höhlen ergründet, sogar ein altes Haus abgerissen.

Wo ist ihr Schulranzen?

Peggy blieb wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal ihr Schulranzen tauchte je wieder auf. Trotzdem wurde am 30. April 2004 der geistig behinderte Gastwirtssohn Ulvi K. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er Peggy nach einem sexuellen Missbrauch getötet haben soll. "Auf dem Nachhauseweg von der Schule", wie man annahm.

Das Schicksal der neunjährigen Peggy berührt viele Menschen in Deutschland. Noch immer ist unklar, was am 7. Mai 2001 in Lichtenberg passiert ist.

Das Schicksal der neunjährigen Peggy berührt viele Menschen in Deutschland. Noch immer ist unklar, was am 7. Mai 2001 in Lichtenberg passiert ist. © Illustration Ralf Meidl, NN

Ulvi K. war in den Jahren 2001 und 2002 mindestens elfmal ohne Verteidiger von der Polizei in die Mangel genommen worden. Auch als K. am 2. Juli 2002 ein Geständnis ablegte, das er später mehrfach widerrief, war sein Rechtsbeistand nicht mehr anwesend.

Erst nach zehn Jahren, die er in der Psychiatrie verbracht hatte, wurde Ulvi K. im April 2014 in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren vom Vorwurf freigesprochen. Zudem hatte sich herausgestellt, dass er sein "Geständnis" genau so präsentiert hatte, wie es Ermittler mit einem Profiler Wochen vorher konstruiert hatten. Hatte man dem geistig Behinderten die Aussagen diktiert?

Sechs Verdächtige

Mindestens sechs weitere Männer sind seitdem in Verdacht geraten, die Neunjährige getötet zu haben. Nachbarn, die wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden waren, sind ebenso darunter gewesen wie der Lebensgefährte von Peggys Mutter.

Als ein Pilzsammler im Sommer 2016 in Rodacherbrunn auf thüringischer Seite, etwa 20 Kilometer von Lichtenberg entfernt, Knochen entdeckte, die man als Peggys Leichnam identifizierte, kam wieder Bewegung in die Sache.

Spur zum NSU?

Kurzzeitig stand sogar ein Zusammenhang mit den NSU-Morden im Raum, als man DNA-Spuren des Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt am Leichenfundort entdeckte. Am Ende stellte sich die Sache als peinliche Panne heraus, weil Polizisten mit schlecht gereinigten Messinstrumenten die DNA übertragen hatten.

Zuletzt wurde 2018 ein ehemaliger Lichtenberger festgenommen, der am 7. Mai 2001 mit seiner Mutter Blumen im Garten umgetopft hatte. Winzigste Torfpartikel, die man an den Gebeinen von Peggy identifiziert hatte, führten auf seine Spur. Der junge Bestatter stritt eine Beteiligung an der Tat ab, gab dann zunächst zu, die Leiche beseitigt zu haben, um danach sein Geständnis zu widerrufen.

Ermittlungen sind beendet

Inzwischen wurde der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben. Alle Ermittlungen sind jetzt beendet. Bayreuths Leitender Oberstaatsanwalt Martin Dippold will die Akte erst wieder aufmachen, wenn es neue Beweismittel oder neue Zeugen gibt.

Welche das sein könnten, hat jetzt Ulvi K.s Betreuerin Gudrun Rödel in ihrem Buch "weggesperrt" niedergeschrieben. Es ist nicht nur die Geschichte ihres Schützlings, der heute in einer betreuten Einrichtung lebt und versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Betreuerin hat Buch geschrieben

Sie kritisiert die "mafiösen Vorgehensweisen" der Ermittler, die zu einer Verurteilung von Ulvi K. geführt haben. Und sie hat akribisch Zeugenaussagen dokumentiert, die in dem Verfahren nicht berücksichtigt wurden, Spuren, die ihrer Ansicht nach nie ernsthaft verfolgt wurden.

Und Rödel verlangt, das Umfeld von Peggys Familie näher zu prüfen. Zeugenaussagen und Spurensicherungsberichte würden immer noch der Öffentlichkeit vorenthalten, klagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin.

Rödel verfügt über all diese Unterlagen. Und sie hat auch die Ermittlungsberichte im Fall der Münchner Kinderkrankenschwester Natalie Simanowski gelesen, die 2003 getötet wurde. Und sie hat die Protokolle im nicht minder spektakulären Fall Ursula Herrmann studiert, die 1981 am Ammersee entführt und getötet wurde.

In beiden Fällen habe man die falschen Täter verurteilt, schreibt Gudrun Rödel. "Unschuldig hinter Gittern, ist wie lebend begraben", heißt es in ihrem Buch.

"Weggesperrt", 322 S., erhältlich bei der Zwickauer Presse-Agentur.