Todesfahrt

20-Jährige im Vollrausch totgefahren: Landgericht verhängt 15 Monate Jugendstrafe

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Ulrike Löw

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27.10.2021, 17:43 Uhr
Vor dem Landgericht Würzburg ist im Berufungsprozess um den Tod der 20-jährigen Theresa Stahl ein Urteil gefallen. 

Vor dem Landgericht Würzburg ist im Berufungsprozess um den Tod der 20-jährigen Theresa Stahl ein Urteil gefallen.  © News5

Trunkenheit im Verkehr, fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, fahrlässige Tötung und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort - Niclas H. hat in den frühen Morgenstunden des 23. April 2017 viele Straftaten verwirklicht.

"Das Verfahren ging an die Nieren", heißt es in der Urteilsbegründung und die Richter räumen ein: "Alles, was in jener Nacht geschah, konnte auch in dieser Hauptverhandlung nicht aufgeklärt werden."

Erstes Urteil löste landesweit Empörung aus

Es wurde viel gestritten, in diesem Strafverfahren: Im Herbst 2019 verhängte das Amtsgericht Würzburg mit 5000 Euro Geldstrafe und einem Jahr Fahrverbot ein mildes Urteil, es löste landesweit Empörung aus. Niclas H. wurde nach dem Gutachten eines Psychiaters damals als schuldunfähig eingestuft - weil er mit fast drei Promille stark betrunken war. Verurteilt wurde er nur wegen fahrlässiger Volltrunkenheit.

Zwei Jahre später gießt das Landgericht Würzburg als Berufungsinstanz nun sehr viel akribischer in juristische Formeln, was die Familie Stahl erlitt: den Verlust ihrer Tochter. Theresa Stahl war 20 Jahre alt, als er sie aus dem Leben riss, sie hatte noch ihr ganzes Leben vor sich.

Gemeinsam mit ihrem Freund lief sie in den frühen Morgenstunden des 23. April 2017 auf der Landstraße nach Hause - gegen 3.40 Uhr wurde sie von einem dunkelblauen VW Golf erfasst. Ihr Hinterkopf knallte auf die Windschutzscheibe, sie wurde 13 Meter weit in ein Feld geschleudert. Ihr Freund wählte den Notruf. Der Golf hielt nicht einmal an.

Es muss ein enormer Knall gewesen sein, die Windschutzscheibe splitterte, der Fahrer Niclas H. hatte sie vor Augen. Rechtsanwalt Philipp Schulz-Merkel nennt sie in seinem Schlussvortrag ein "Mahnmal" - doch Niclas H. sagte nur "oh, Scheisse" und fuhr einfach weiter.

Im kalten Matsch zurückgelassen

H. und seine drei Freunde ließen "Theresa einfach im kalten Matsch zurück", so Schulz-Merkel. Er vertritt die Familie Stahl als Nebenkläger vor Gericht.

Mit drei Promille durch die Nacht: Theresa Stahl und ihr Freund liefen nach Hause, auf der kurvigen Landstraße wurde die junge Frau von dem VW Golf erwischt.

Mit drei Promille durch die Nacht: Theresa Stahl und ihr Freund liefen nach Hause, auf der kurvigen Landstraße wurde die junge Frau von dem VW Golf erwischt. © NEWS5 / Höfig

900 Meter nach dem Unfall blieb Niclas H. mit seinem Golf in einem Graben liegen. Seine drei Kumpels liefen davon und legten sich zu Hause schlafen - sie wurden bereits wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.

Ein Notarzt und ein Rettungssanitäter zogen den Mann aus dem Straßengraben, doch schnell waren sie überzeugt, dass Niclas H. seine Ohnmacht nur simulierte. Und dann benahm er sich im Rettungswagen so aggressiv, dass ihn der Rettungssanitäter aus dem Fahrzeug warf.

Fahrer wendet sich erstmals an Familie des Opfers

Viereinhalb Jahre später wendet sich Niclas H. in der Hauptverhandlung erstmals an die Familie Stahl: Er entschuldigt sich, seine Stimme klingt brüchig.

Er wolle den Täter nicht zum Opfer machen, beteuert H.s Verteidiger Hans Jochen Schrepfer. Doch er spricht lange darüber, wie gravierend die seelischen Folgen der Tat auch für Niclas H. seien. Die Schuld laste schwer auf ihm, zwei ernsthafte Suizid-Versuche hat er unternommen.

Theresa wurde nur 20 Jahre alt. Ihre Familie engagiert sich gegen Alkohol am Steuer.

Theresa wurde nur 20 Jahre alt. Ihre Familie engagiert sich gegen Alkohol am Steuer. © www.gegen-alkohol-am-steuer.de, NNZ

H. hole sich Hilfe bei einem Psychiater und was seinen Alkoholkonsum angehe, unterziehe er sich seit längerer Zeit freiwilligen Kontrollen. Vor dem Unfall stand Niclas H. in seiner Ausbildung gut da, doch nun sei er arbeitslos, die Abschlussprüfung habe er nicht bewältigt. Seine Tat sei auch für ihn zur unvorstellbaren Belastung geworden - vor allem als der Mordverdacht im Raum stand glich sein Leben einem Spießrutenlaufen.

Hatte der Beifahrer ihn angefeuert, Theresa zu überfahren?

Der Mordverdacht war die große Frage, die über dieser Verhandlung lastete. Hatte Beifahrer Marius H. den Fahrer Niclas H. angefeuert, Theresa Stahl gezielt ins Visier zu nehmen, sie umzufahren? Dieser Verdacht war zum Party-Tratsch geworden und beschäftigte die Ermittler. Doch am Ende der aufwändigen Beweisaufnahme hält keiner an einem Mordvorwurf fest. Und auch die Nebenklage ist überzeugt: Selbst wenn einige Indizien bleiben, erhärten lässt sich der Mordverdacht nicht.

Mit der Aufkleber-Aktion „Gegen Alkohol am Steuer“ warnt Ronald Stahl. Unter diesem Titel betreibt der Vater der getöteten Theresa Stahl auch eine Internetseite.

Mit der Aufkleber-Aktion „Gegen Alkohol am Steuer“ warnt Ronald Stahl. Unter diesem Titel betreibt der Vater der getöteten Theresa Stahl auch eine Internetseite. © Ulrike Löw, NNZ

Diskutiert wurde auch, ob Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht anzuwenden sei - das Gericht entscheidet sich für Jugendstrafrecht. "Auch wenn wir durchaus sehen, dass er Auto fahren durfte wie ein Erwachsener. Doch als Heranwachsender zeigt Niclas H. Reiferückstände."

Die Vollstreckung der Jugendstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Niclas H. muss die nächsten drei Jahre nüchtern bleiben, steht unter der Aufsicht eines Bewährungshelfers und muss weiterhin zur Alkoholkontrolle.