Samstag, 14.12.2019

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Als der Terror nach Würzburg kam: Ein Jahr nach Axt-Attacke

Opfer der Attacke kämpfen noch immer mit den Spätfolgen - 17.07.2017 08:31 Uhr

Unvermittelt griff der 17-Jährige am 18. Juli 2016 mit einem Messer und einer Axt vier Reisende an. Mehr als 300 Einsatzkräfte waren vor Ort. © dpa


Der Angriff des 17-jährigen Afghanen kommt völlig unerwartet. Mit einer Axt und einem Messer greift der Flüchtling in einem Regionalzug in Bayern auf dem Weg nach Würzburg plötzlich vier Reisende an und verletzt sie schwer. Anschließend flüchtet er zu Fuß, attackiert eine Spaziergängerin und wird schließlich in den Main-Auen von zwei Polizisten erschossen. Davor soll er mit erhobenen Waffen auf sie zugestürmt sein und "Allahu Akbar" (Gott ist groß) gerufen haben.

Die Tat des Jugendlichen reklamierte später die islamistische Terrormiliz IS für sich, in einem Video bekannte sich der 17-Jährige zum IS. Am 18. Juli jährt sich die Tat.

Der Schock nach dem Anschlag vor den Toren von Würzburg saß tief: Woher kam der plötzliche Hass des Jugendlichen, der noch Tage vorher seinen Pflegeeltern und vielen Flüchtlingshelfern im bayerischen Ochsenfurt (Landkreis Würzburg) ganz normal vorkam, eine Lehrstelle in Aussicht hatte und als vorbildlich integriert galt? Hat der Tod eines Freundes in der Heimat Afghanistan ihn möglicherweise so aus der Bahn geworfen, dass ihm der Angriff als einzig richtige Reaktion darauf vorkam? Antworten darauf wird es nicht geben, denn der Attentäter ist tot.

Die Ermittlungen hatte kurz nach dem Anschlag die Bundesanwaltschaft übernommen. Einem Sprecher zufolge laufen die Ermittlungen noch immer. "Da gibt es keinen neuen Stand", ein Ende des Verfahrens sei noch nicht absehbar.

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Ein 17-Jähriger hat in einem Regionalzug auf der Strecke Treuchtlingen - Würzburg mehrere Menschen mit Axt und Messer attackiert. Vier Menschen wurden schwer verletzt, ein weiterer trug leichte Verletzungen davon.


Seine damaligen Pflegeeltern und auch der Helferkreis Ochsenfurt wollen nicht mit der Presse reden. Der Bürgermeister von Ochsenfurt, Peter Juks, ist froh, dass Flüchtlinge in der Region trotzdem nicht unter Generalverdacht stehen. "Es gab zwar eine Verunsicherung am Anfang, aber ansonsten war die Bevölkerung sehr besonnen", sagt der Politiker heute. Und hilfsbereit: Die 250 bis 300 Flüchtlinge in der Region werden intensiver umsorgt als vorher, sagt Juks. Die Stadt hat dafür eigens eine Vollzeitstelle bezahlt. Abgesehen davon: "Es ist wieder ganz normaler Alltag."

Beginn der Veränderung

Und doch markierte die Axt-Attacke den Anfang einer Veränderung: Das Sicherheitsgefühl der Deutschen gerät von Würzburg aus ins Wanken. Vier Tage nach dem Anschlag in der Fußgängerzone von Nizza mit 86 Toten hat die Axt-Attacke den Terror plötzlich nach Deutschland geholt. Nur wenige Tage später folgt der erste IS-Selbstmordanschlag auf deutschem Boden - vor einem Musikfestival im bayerischen Ansbach. "Würzburg, der Amoklauf in München mit neun Toten, Ansbach - und alles innerhalb von nur einer Woche. Das hat das subjektive Sicherheitsgefühl mit einem Schlag verschlechtert", sagt Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert ein Jahr später.

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Am 18. Juli 2016 waren mehr als 300 Einsatzkräfte von Rettungsdiensten, Polizei und Seelsorgern im Einsatz. Zunächst unter sehr erschwerten Bedingungen: "Wir wussten lange nicht, ob wir es mit nur einem oder mehreren Tätern zu tun hatten. Die ständige Bedrohung war unser größtes Problem", sagt Uwe Kinstle von der Johanniter-Unfall-Hilfe, der als Abschnittsleiter am Tatort war.

Spenden für Opfer

Die Opfer der Attacke kämpfen noch immer mit den Spätfolgen - eine Würzburgerin und vier Touristen aus Hongkong. Die chinesischen Eltern waren mit ihrem Sohn und ihrer Tochter sowie dem Verlobten der Tochter auf Urlaubsreise in Deutschland. Der Vater wurde von dem Attentäter am Bauch, das Paar am Kopf schwer verletzt. Die Mutter kam mit leichten Verletzungen davon, der Sohn blieb körperlich unversehrt.

Hans-Peter Trolldenier von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft in Würzburg hat die Opfer erst vor wenigen Wochen in Hongkong besucht. "Es geht ihnen gut, aber sie brauchen noch immer regelmäßige medizinische und psychotherapeutische Behandlung", sagt der 72-Jährige. Der Verein hatte 2016 viele Spenden gesammelt und am Ende mehr als 15.000 Euro an die Familien ausgezahlt, damit sie sich während des monatelangen Klinikaufenthaltes in Deutschland sowie zurück in Hongkong und zunächst ohne Job finanziell über Wasser halten konnten.

Mittlerweile arbeitet das junge Paar sogar wieder. Trotz der schrecklichen Ereignisse seien sie sehr dankbar, haben die beiden vor wenigen Tagen per E-Mail an Trolldenier geschrieben. Dankbar für all die Hilfe und die Solidarität, die sie nach dem Angriff in Deutschland erfahren haben. Und sie - die Verlobte - könnte sich sogar vorstellen, mal wieder nach Würzburg zu reisen.

dpa/Christiane Gläser

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