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Ausgebremst? Radler-Lobby fordert Fahrrad-Schnellstraßen

"So wird das Rad zu einer Alternative zum motorisierten Individualverkehr" - 09.04.2014 21:30 Uhr

Gibt es in den bayerischen Metropolregionen bald Fahrrad-Schnellstraßen? © dpa


Für Radel-Freunde klingt das Konzept verlockend: vier Meter breite Pisten vom Vorort in die Großstadt, mit möglichst wenig Ampeln und Kreuzungen. Freie Fahrt für Radler wie für Autos und Lastwagen auf der Autobahn - so ähnlich darf man sich den Wunsch der bayerischen Radfahrlobby vorstellen, Schnellstraßen eigens für Fahrräder zu bauen. Er habe ein Pedelec, ein Fahrrad mit Elektromotor, erzählt Armin Falkenhein, der Landesvorsitzende des ADFC. "Da erwarte ich, dass ich mit 24 km/h an meinen Arbeitsplatz komme und nicht alle paar hundert Meter anhalten muss."

Doch genau so sieht die Realität in vielen Städten aus. "In der Praxis wird der Radverkehr oft ausgebremst", beklagt Falkenhein. Beispiel Würzburger Mainufer: Da endet ein gut ausgebauter Radweg plötzlich an einer Ampel - ohne Hinweis darauf, wie Radler weiterfahren sollen. "Wir haben hauptsächlich Versatzstücke an Radwegen", gibt Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) zu, "aber nicht den Eindruck einer geschlossenen Wegestruktur".

Vor knapp zehn Jahren verpasste der ADFC der Stadt den Schmäh-Titel der fahrradunfreundlichsten deutschen Stadt zwischen 100.000 und 200.000 Einwohnern - seitdem versucht die Politik die Kehrtwende.

Fahrräder mit Motor als Alternative

Die Förderung des Radverkehrs hat auch anderswo an Gewicht gewonnen. München vermarktet sich als "Radlhauptstadt", in Erlangen rollt schon ein Drittel des Innenstadtverkehrs auf zwei Rädern, Gemeinden experimentieren mit Leih-Stationen. "Während wir früher überzeugen mussten, warum die Kommunen das Rad ernst nehmen sollten, geht es heute um das Wie", sagt der ADFC-Landeschef.

Denn Radeln liegt im Trend, bayernweit stieg der Anteil am Verkehr zwischen 2002 und 2008 von 8 auf 11 Prozent. Fahrräder mit Elektromotor sind auch für weniger fitte Pendler eine Alternative, auf Twitter posten Radler weltweit unter dem Stichwort #biketowork Fotos von ihrer morgendlichen Tour zur Arbeit. 

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) versprach im März 200 Millionen Euro über fünf Jahre zum weiteren Ausbau von Radwegen im Freistaat. Doch die Liste der Baustellen ist aus Sicht der Fahrradfreunde lang. Sie drückt nicht nur das bauliche Erbe der Zeit, als Städte "autogerecht" sein sollten. "Wir brauchen 14 Radstationen in Bayern" fordert Falkenhein - Fahrrad-Parkhäuser an Bahnhöfen, damit Pendler Rad und Bahn kombinieren können. Auch bessere Werbung und klarere Wegweiser für Radwege wünscht er sich.

Konzept für das Nürnberger Umland

Für das Nürnberger Umland hat der ADFC schon vor einiger Zeit ein Konzept für acht Radschnellwege vorgelegt, die mehr Pendler zum Umsteigen motivieren sollen. Doch der städtische Radverkehrsbeauftragte Hugo Walser äußert sich bei einer Fachtagung in Würzburg verhalten: "Da sieht man natürlich erstmal viele Probleme auf sich zukommen", sagt er - Trassenführung, Grundstücksfragen, Finanzierung. Und mehr Raum für Radler stößt mitunter auch auf Widerstand anderer Gruppen, dies zeigte nicht zuletzt die emotionale Diskussion um "Kampfradler", die der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) angestoßen hatte.

"Bei den Vorgaben für Radschnellwege wird man flexibler sein müssen als bei Autobahnen", sagt der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim. Das Konzept sei aber richtig: "Inzwischen werden sehr viel größere Entfernungen mit dem Rad zurückgelegt, mit Pedelecs erst recht." Für das Ruhrgebiet gibt es bereits entsprechende Pläne, in den Niederlanden wird das Konzept sogar schon seit rund 30 Jahren umgesetzt. Im Vergleich zu einem normalen Radweg könne ein Schnellweg gut das Zehnfache kosten, erläutert Monheim. "Wir müssen lernen, dass der Radverkehr nicht mit ein paar Almosen abgefunden werden kann." Da sei die deutsche Politik oft unglaubwürdig.

Würzburg hat sich nun um die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern (AGFK) beworben und strebt an, den Anteil des Radls am Verkehr binnen fünf Jahren von 11 auf 16 Prozent zu steigern. Die Stadt habe den Etat dafür fast vervierfacht, sagt Verwaltungschef Schuchardt, jedes Jahr wolle sie eine Hauptachse ins Zentrum ausbauen. In Bayern hatte Würzburg auch bei der jüngsten ADFC-Umfrage 2012 noch die rote Laterne der Großstädte. Aber der Oberbürgermeister betont: "Wir haben uns in den Sattel gesetzt."

dpa (Sebastian Kunigkeit)

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