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Baustellen-Frust: Arbeiter werden häufiger beschimpft

"Sie sehen nur noch ihre eigene Welt und ihren eigenen Vorteil" - 14.08.2019 05:06 Uhr

Wo Baustellen den Weg zur Arbeit zeitraubender werden lassen, liegen die Nerven vieler Autofahrer blank. Ihren Frust lassen sie mit ausgestrecktem Mittelfinger, Beleidigungen oder sogar Bespucken in zunehmendem Maße an den Bauarbeitern aus. © Jens Büttner/dpa


"Es ist unglaublich, was sich die Straßenwärter so anhören müssen. Sie werden aus dem Autofenster heraus so wüst beschimpft, dass die meisten Ausdrücke nicht zitierfähig sind. Manchmal werden sie sogar bespuckt. Gutes Benehmen nimmt in der Gesellschaft offenbar ab", meint Karl Betz vom Staatlichen Bauamt Nürnberg. Als Arbeiter brauche man schon ein sehr dickes Fell.

"Baumaßnahmen werden heutzutage oft grundsätzlich infrage gestellt. Die Leute wollen nicht hinnehmen, dass sie ausgebremst werden und lassen ihren Frust an uns aus", sagt André Goldfuß-Wolf, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Weißenburg.

"Vor 15 Jahren haben sich die Menschen noch bemüht zu verstehen, warum Baumaßnahmen nötig sind und haben die Verzögerungen in Kauf genommen. Heute ist das nicht mehr so. Die Menschen sehen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen. Sie zeigen sich nicht mehr solidarisch mit der Gesellschaft, sie sehen nur noch ihre eigene Welt und ihren eigenen Vorteil", glaubt Goldfuß-Wolf. Manche würden sogar Absperrungen umkurven und versuchen, trotzdem durch die Baustellen zu fahren.

"Unterste Schublade"

Goldfuß-Wolf bedauert es, dass es keinen verpflichtenden Dienst an der Gesellschaft mehr gibt, wie es in früher mit dem Wehr- und dem Zivildienst der Fall war. "Es ist wichtig für die Entwicklung, dass die Erkenntnis reift, dass man nicht nur für sich da ist", meint Goldfuß-Wolf.

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Lange hatte die A6 nur untergeordnete Bedeutung. Bis 1973 endete sie noch in Schwabach, erst 1979 war sie durchgängig bis Heilbronn ausgebaut. Die Lkw-Kolonnen rollten aber erst in den 1990ern mit dem Ende des Eisernen Vorhang, seitdem nimmt der Verkehr stetig zu.


Allerorten ist der Frust groß über die zunehmende Rücksichtslosigkeit. "Gerade im Internet ist es unglaublich, wie schnell sich viele Menschen unter weitgehender Ausblendung der Fakten eine Meinung bilden und diese in einer Tonart, die unterste Schublade ist, verbreiten", sagt Thomas Keller, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Ansbach.

Dabei hat man beim Wasserwirtschaftsamt noch Glück, dass man Konfrontationen mit Radlern und Spaziergängern oft aus dem Weg gehen kann – und das im wahrsten Wortsinne. Denn um die großen Gewässer im Seenland führen mittlerweile meist zwei Wege. Wenn hier Mähgeräte oder schwere Lkw unterwegs sind, kann man also oft auf den anderen Weg ausweichen.

Bei Kontrollfahrten wird der Vogel gezeigt

"Bei Kontrollfahrten muss man sich aber trotzdem manchmal den Vogel zeigen lassen – obwohl wir langsam und verhalten mit dem Auto unterwegs sind. Aber manche Leute wollen eben nicht einsehen, dass wir hier fahren müssen“, erzählt Keller.

Größere Probleme gibt es an den Betriebswegen des Main-Donau-Kanals, die eben vorrangig genau das sind: Betriebswege, und keine Rad- und Fußwege. "Fußgänger und Radfahrer sind gern gesehene Gäste“, betont denn auch das Nürnberger Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Vorrang haben aber die Arbeiter: Täglich müssen hier die Dammbeobachter einmal hin- und herfahren. Ein- bis zweimal in der Woche ist ein Pritschenwagen für kleinere Bauarbeiten unterwegs, ab und zu auch ein Lkw mit Ladekran.

"Wüste Beschimpfungen sind an der Tagesordnung"

Nicht wie Gäste, sondern wie Grundstücksinhaber scheinen sich manche Radler und Spaziergänger ob solcher Störungen im Bewegungsablauf aufzuführen. Eine kleine Minderheit zwar, aber eine sehr lautstarke.
"Radfahrer und Fußgänger zeigen mittlerweile kaum noch Verständnis für unsere Arbeit. Es wird nicht langsam gefahren, obwohl eine Arbeitsstelle klar erkennbar und sogar durch Baustellenschilder mit „Radfahrer absteigen“ gekennzeichnet ist. Wüste Beschimpfungen durch Bürger sind nahezu an der Tagesordnung. Das geht schon teilweise tief unter die Gürtellinie“, schildert ein Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes.

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„Manche erwarten einfach, das am Kanal alles tipptopp asphaltiert ist“, erzählt Jan Stubbe, Leiter des Außenbezirks Nürnberg beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Rein rechtlich sind die Wege am Kanal aber Betriebswege. Nur in ganz wenigen Bereichen, etwa bei der Schleuse Eibach, haben die Stadt Nürnberg und der Landkreis Roth Strecken übernommen und sorgen dort für Unterhalt und Verkehrssicherheit.

Ausführliche Information reduziert Ärger

"Durch rechtzeitige und umfassende Information der Bürger kann man viel Ärger abfangen. Wir versuchen, möglichst viele Menschen über möglichst viele Kanäle zu erreichen. Die Leute wollen einfach wissen, warum an dieser Stelle gebaut wird“, sagt André Winkel, Sprecher des Servicebetriebs Öffentlicher Raum (Sör) Nürnberg. Am Sör-Servicetelefon sitzen zwar immer noch fünf Mitarbeiter, die Anrufe erboster Bürger seien aber weniger geworden.

Auch am Servicetelefon gebe es noch Stammkunden, die ständig in beleidigender Tonart auf echte und vermeintliche Missstände hinweist.
Manche seien aber auch einfach nur hilfreich, wie ein Taxifahrer, der sich mehrmals die Woche bei Sör meldet, wenn eine Gehwegplatte locker ist oder ein Mülleimer überquillt. "Solche Dinge können wir dann auch sehr schnell erledigen“, betont Winkel. 

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