Corona: Die ersten Selbsthilfegruppen formieren sich

5.1.2021, 06:33 Uhr
Mittlerweile hat sich in Deutschland schon eine ganze Reihe von Selbsthilfegruppen für Corona-Opfer formiert. Angesichts des harten Lockdowns sind reale Treffen zurzeit allerdings kaum möglich.

Mittlerweile hat sich in Deutschland schon eine ganze Reihe von Selbsthilfegruppen für Corona-Opfer formiert. Angesichts des harten Lockdowns sind reale Treffen zurzeit allerdings kaum möglich. © Adobe-Stock

Karl Baumann überlebte nur knapp. Im März infizierte sich der 52-jährige Unternehmer aus Wenzenbach bei Regensburg mit Sars-CoV-2, und obwohl er zuvor vollkommen gesund gewesen war, verschlechterte sich sein Zustand rapide. Baumann hing an der Herz-Lungen-Maschine und erlitt im Koma einen Schlaganfall.


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"Damals hat kaum einer daran geglaubt, dass ich wieder zurückkomme", sagt er heute. "Es ist viel aufzuarbeiten." Wann und ob er wieder voll arbeiten könne, sei offen.

Das Interesse ist groß

Karl Baumann engagiert sich nun aber ehrenamtlich und gründete eine der ersten Corona-Selbsthilfegruppen in Deutschland. Am Mittwoch wollte sich die Gruppe zum zweiten Mal treffen. Dabei soll gleich eine weitere entstehen: Das Interesse sei groß, 20 Betroffene seien dabei – zu viel für ein Online-Treffen. "Es kommt eine Riesenwelle auf unser Gesundheitssystem zu", ist Baumann überzeugt.

Das sehen auch viele Fachleute wie Thomas Fink, der ärztliche Leiter der Rangauklinik in Ansbach, so. Eine ganze Reihe von Corona-Opfern, die nach ihrer intensivmedizinischen Behandlung im Krankenhaus noch einen Reha-Aufenthalt benötigten, werden derzeit in der mittelfränkischen Einrichtung mit dem Schwerpunkt Lungenheilkunde betreut. "Und der Bedarf an Reha-Plätzen für diesen Kreis von Patienten wird mittelfristig steigen", ist sich Fink sicher.

Zudem können medizinische Reha-Einrichtungen nur die körperlichen Folgen einer Corona-Infektion lindern. Die mentalen Belastungen, etwa wegen des zeitweisen Kontrollverlusts, müssen die Betroffenen und deren Angehörige meist auf anderen Wegen verarbeiten.

Tiefe Spuren in der Psyche

Es gehe darum, über das Erlebte zu sprechen, sich gegenseitig bei der Genesung zu unterstützen und fachliche Informationen zu sammeln, sagt Karl Baumann. Die durchlebte Erkrankung hinterlässt häufig tiefe Spuren in der Psyche. Das Erlebte und die damit verbundenen Gefühle - etwa während der intensivmedizinischen Behandlung, bei der ein Großteil der Covid-19-Patienten invasiv beatmet werden muss - können oft erst im Nachhinein realisiert und thematisiert werden.

"Man muss das Trauma aufarbeiten. Das ist langwierig", erzählt Karl Baumann, bei dem mehrere Organe betroffen waren - neben der Lunge auch Herz, Nieren und Leber. "Es ist eine Systemerkrankung." Bis heute seien nicht alle seine Werte normal. Seine Frau leide trotz milden Verlaufs wie er an Erschöpfung, Konzentrations- und Wortfindungsschwierigkeiten. Wenn er sich mit ihr unterhalte, sei es manchmal "wie im Komödienstadel", sagt er.

In einigen der mittlerweile gegründeten Corona-Selbsthilfegruppen soll es auch nicht nur um Krankheitsbewältigung gehen. Die Gruppe "Corona - mit Einschränkungen leben" in Stuttgart zum Beispiel will Betroffene mit ganz unterschiedlichen Problemen ansprechen. Menschen etwa, deren Angehörige zu einer der sogenannten Risikogruppen gehören. Oder die wegen der Pandemie ihre Arbeit verloren haben oder ihren ehrenamtlichen Aktivitäten nicht mehr nachgehen können.

Auf Twitter und Facebook vernetzt

Virtuell tauschen sich Betroffene schon seit Beginn der Pandemie aus. So berichtet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (Nakos) über vielfältige Vernetzungen auf Twitter und Facebook. Unter anderem hat eine Facebook-Gruppe von Covid-19-Erkrankten die Internetseite www.c19Langzeitbeschwerden.de aufgebaut, auf der Medienberichte über Langzeiterkrankte, Unterstützungsangebote an Kliniken und im Internet und auch Forschungsvorhaben präsentiert werden.

Selbsthilfegruppen, in denen sich Betroffene persönlich treffen und austauschen können, haben es wegen der aktuellen Einschränkungen allerdings schwer. Zum Beispiel die neue Corona-Gruppe des Selbsthilfe- und Freiwilligen-Zentrums im Landkreis Heinsberg (Nordrhein-Westfalen), der im Februar 2020 bekanntlich zum ersten Corona-Hotspot in Deutschland wurde. Eigentlich soll das nächste Gruppentreffen am 16. Januar stattfinden, doch angesichts der Signale aus Berlin bezüglich der Verlängerung des aktuellen Lockdowns ist dieser Termin wohl kaum zu halten.

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