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Die A9 wird zur Spielwiese für digitale Innovation

Wie kann man in Zukunft hoch automatisiert unterwegs sein? - 28.01.2017 07:48 Uhr

Ab Mitte des Jahres sollen Radarsensoren auf der A 9 den Verkehr vermessen und für mehr Sicherheit sorgen. © Foto: Siemens/Infineon


Wenn sich autonome oder hochautomatisierte Fahrzeuge auf der Autobahn orientieren wollen, benötigen auch diese mit Technologie vollgestopften Wagen noch immer die herkömmlichen Fahrbahnmarkierungen. Nur so können sie in der Spur bleiben.

Doch nicht immer können die Systeme der Fahrzeuge die Markierungen einwandfrei erkennen. Deshalb engagiert sich der Ingolstädter Autohersteller Audi bei einem Projekt, das unterschiedliche Dicken und Qualitätsstufen der Farbaufbringung testet.

"Auch der Einfluss der Farbe der Pigmente wird getestet. Das kann große Auswirkungen haben", verdeutlicht Mirko Reuter, Leiter für die Funktionsentwicklung von Fahrassistenzsystemen bei Audi.

Auch bei den Leitpfosten wollen die Ingolstädter 2017 mit dem Bundesverkehrsministerium eine neue Technologie testen. "Normalerweise sind die Leitpfosten ja simple Kunststoffhohlkörper mit Reflektoren. Die werden aber von Radarsensoren nicht erkannt. Deshalb sollen die Pfosten im Testfeld mit einer radarreflektierenden Innenschicht überzogen werden", erklärt Reuter. Auch die Leitplanken sollen mit zusätzlichen Reflektoren ausgestattet werden.

Zur Kooperation gezwungen

Das digitale Testfeld auf der A 9 ist nach seinem Start im September 2015 zu einer Spielwiese für die Mobilität der Zukunft und das autonome Fahren geworden. Natürlich verfolgen die beteiligten Konzerne dabei zuallererst ihre eigenen Interessen, sind aber zur Kooperation gezwungen.

"Es soll nicht jeder einfach auf seiner eigenen Teststrecke aktiv sein. Es bedarf der übergreifenden Zusammenarbeit, schließlich müssen ja gemeinsame Standards entwickelt werden", betont Christian Hartmann, Sprecher für pilotiertes Fahren bei Audi.

Auch BMW engagiert sich auf dem Testfeld. In Nordbayern sind die Münchner an der Einrichtung eines 5G-Testnetzwerks beteiligt. Der neue Mobilfunkstandard und LTE-Nachfolger soll es den Fahrzeugen ermöglichen, in Echtzeit Informationen auszutauschen.

Das Testnetz wird zwischen Nürnberg-Feucht und Greding installiert, und zwar zwischen der A 9 und der ICE-Strecke Nürnberg—Ingolstadt. Es deckt beide Verkehrsverbindungen ab. An dem vom Mobilfunkausrüster Ericsson angeführten industrieübergreifenden Konsortium sind auch die Deutsche Bahn und die drei Mobilfunkanbieter beteiligt.

Jeder soll profitieren

Auch wer nur mit einer alten Blechbüchse auf der Straße unterwegs ist, soll vom Testfeld profitieren: An sechs Parkplätzen, darunter Gelbelsee Ost und West südlich von Greding, wurden Anlagen zum kostenlosen Internetsurfen mit bis zu 300 Megabit pro Sekunde installiert. Während des Testbetriebs besteht noch ein Passwortschutz, doch der soll schon bald aufgehoben werden.

Auch ein elf Millionen Euro teures Bauwerk gehört zum Testfeld: die im November eingeweihte intelligente Brücke am Autobahnkreuz Nürnberg, dem Schnittpunkt von A 3 und A 9. Durch eingebaute Sensoren können Dehnungen, Verschiebungen, Temperatur, Feuchtigkeit sowie die Belastung durch Fahrzeuge registriert werden. Schäden sollen so frühzeitig entdeckt und beseitigt werden können.

Am auffälligsten sind aber die "Landmarkenschilder" genannten Verkehrszeichen mit einem schwarz-weißen Muster, die Mitte Dezember südlich von Ingolstadt aufgestellt wurden. "Durch die Schilder wissen hochautomatisierte Fahrzeuge auf den Zentimeter genau, wo sie sich befinden. Jedes Schild hat einen individuellen Code", erläutert Mirko Reuter von Audi.

Für das punktgenaue Navigieren haben Audi, BMW und Daimler Ende 2015 auch die Kartendatenbank "Here" von Nokia gekauft. Die A 9 wurde hochpräzise und zentimetergenau vermessen. Künftig sollen zusätzlich Daten eingespeist werden, die Autos mit ihren Kameras, Sensoren und Regelsystemen erfassen, also etwa Unfälle, glatte Straßen, Hindernisse auf der Fahrbahn oder Tempolimits an Baustellen.

"Keine Kostensteigerung"

"Der Großteil der Infrastruktur-Maßnahmen wird keine deutliche Kostensteigerung mit sich bringen. Es kommt auf eine intelligente Auswahl an", ist Reuter überzeugt.

Das gilt vor allem für die Autobahnen. Die Städte kann man nicht so leicht an die Bedürfnisse der automatisierten Fahrzeuge anpassen. Doch auch hier arbeitet man an Lösungen. BMW schickte seine Autos schon zu Testfahrten durch Garching, in diesem Jahr soll die Münchner Innenstadt drankommen. Schon im Juli wollen die Autobauer ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum in Unterschleißheim beziehen.

In Las Vegas vernetzen sich Autos von Audi mit Ampeln. Dadurch wissen die Fahrer, wann genau auf Grün umgeschaltet wird und können so effizienter fahren. Auch in Berlin, Ingolstadt, Garmisch-Partenkirchen und Verona gab es schon ähnliche Pilotprojekte. Doch laut Audi fehlt es in Europa noch an einheitlichen Datenstandards und digitaler Infrastruktur.

Auf der eineinhalb Kilometer langen Strecke von der Ausfahrt Ingolstadt-Süd bis zum Audi-Innovationscampus soll noch 2017 getestet werden, wie sich verschiedene Bordsteintypen und Sensoren an Kreuzungen auf die Navigation von autonomen Fahrzeugen auswirken. "Hier wollen wir die nächste Stufe proben", sagt Reuter, räumt aber ein: "Uns ist klar, dass wir hier eine sehr große technologische Herausforderung zu meistern haben, die viel Zeit benötigen wird." 

Martin Müller

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