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Als in Erlangen die Raucher auf die Straße gingen

Auch in der Hugenottenstadt waren vor zehn Jahren die Gegner des Rauchverbots empört. - 02.07.2020 06:00 Uhr

Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von 500 Gegnern des Rauchverbots zog 2010 durch die Innenstadt, um für das Recht auf Rauchen auch in Gaststätten zu demonstrieren.

© Klaus-Dieter Schreiter


Punks waren ebenso zu sehen wie Alt-Hippies, Disco-Fans und ganz "normale" Bürger. In die Höhe gereckt wurden überdimensionierte Zigaretten. Andere setzten sich mehr oder weniger originell oder geschmacklos mit dem Thema auseinander. Ein Teilnehmer demonstrierte gegen den "Verordnungswahn in der Bananenrepublik" mit einer Deutschlandfahne, die mit einer dieser exotischen Früchte garniert war, ein anderer hatte einen Anstecker an der Jacke, bei dem ein "Judenstern" aus der Zeit des Nationalsozialismus mit der Aufschrift "Raucher" ergänzt worden war.

Alle Diskussionen mündeten in einen Volksentscheid Anfang Juli 2010. Von den 9,4 Millionen Wahlberechtigten in Bayern gingen am entscheidenden Tag aber nur 37,7 Prozent zur Wahl. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Wähler stimmten für den verschärften Nichtraucherschutz.

Bis zum Volksentscheid gab es einen langen Weg voller Ausnahmeregelungen in der Gastronomie. "Damals brummte mein Laden", erinnert sich Franz Seeberger, der damals die beliebte Kneipe Starclub betrieb. Er stellte 2008 auf "Club-Betrieb" um und gründete "Starclub — CMK (Club musikschaffender Künstler)", der es schnell auf rund 2000 Mitglieder brachte. Der Clubname kam nicht von ungefähr, denn Kneipenwirt Seeberger war als Rock- und Pop-Sänger weit über die Grenzen Erlangens hinaus bekannt. Als Original-Interpret des späteren David-Hasselhoff-Hits "Looking for Freedom" stürmte er Ende der 70er Jahre die Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seeberger brachte es unter seinem Künstlernamen Marc Seaberg sogar zum Poster in der Teenie-Zeitschrift "Bravo". 

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"Der Erfolg unseres Club-Konzepts sorgte bei manchen Kollegen schnell für Neid", sagt Seeberger im Rückblick. "Wir hatten eine Gastronomen-Versammlung, da hieß es, ich sei derjenige, der den anderen die Gäste wegnimmt. Ich war auf einmal der Böse." Als dann 2010 der "echte Nichtraucherschutz" kam, tauchte Seeberger wieder in den Schlagzeilen auf. Hintergrund: Alarmierte Kontrolleure des städtischen Ordnungsamtes hatten im "Star-Club" nach dem Rechten gesehen und ein Ordnungsgeld verhängt, da sie gesetzeswidrig einen Raucher entdeckten. "Eigentlich sind damals alle brav zum Rauchen vor die Tür, nur einer hat scheinbar im Wintergarten an der Tür zum Biergarten geraucht", sagt Seeberger.

273 Euro wären nach dem ursprünglichen Bußgeldbescheid fällig gewesen. Seeberger sah das anders. Zog vor Gericht. "Es geht mir nicht um das Bußgeld, sondern darum, das Denunziantentum anzuprangern", teilte Seeberger damals den EN mit. Es kam zum Vergleich. 150 Euro musste er am Ende tatsächlich zahlen. "Der Prozess ging durch die Medien. Die Werbung dadurch war unbezahlbar", schmunzelt Seeberger.

Dennoch: Nach dem Volksentscheid vom Sommer 2010 war laut Seeberger ein großer Umsatzrückgang zu beobachten. "Die einzig positive Auswirkung war, dass ich fortan nicht mehr einmal pro Jahr meine Kneipe tünchen musste." Seit 2013 ist der heute 73-jährige nicht mehr Betreiber des Starclubs an der Stubenlohstraße und genießt in Wichsenstein in der Fränkischen Schweiz seinen Ruhestand.

Und: Franz Seeberger hat vor sechs Jahren das Rauchen aufgehört. Nicht nur, da es – wie er lachend berichtet – "in Wichsenstein keinen Zigarettenautomaten gibt".

STEFAN MÖSSLER–RADEMACHER

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