Darmkrebs 

Auf diese Signale müssen Sie achten

27.7.2021, 12:30 Uhr
Der menschliche Darm ist von unzähligen kleinen Ausstülpungen übersät und wird von diversen Bakterien und anderen Mikroorganismen besiedelt.

Der menschliche Darm ist von unzähligen kleinen Ausstülpungen übersät und wird von diversen Bakterien und anderen Mikroorganismen besiedelt. © Foto: Fotolia

Herr Professor Grützmann, Sie haben mit Kollegen ein Buch zur Behandlung des Dickdarmkrebses herausgegeben. Viele schrecken beim Wort Dickdarmkrebs besonders auf. Landläufig gilt diese Krebsart als besonders schlimm. Stehen die die Prognosen wirklich so schlecht?

Das Wort Krebs ist für die Betroffenen immer noch eine Diagnose, vor der jeder Angst hat. Statistisch bekommt ja jeder zweite Mensch im Laufe des Lebens Krebs. Darmkrebs gehört zu den häufigen Tumoren. Zum Glück sind die Ergebnisse in den letzten Jahren immer weiter verbessert worden. Gerade wer Darmkrebs frühzeitig entdeckt wird sind die Aussichten auf eine echte Heilung sehr gut.

Haben sich die Behandlungserfolge in der Vergangenheit verbessert, wie sind die Heilungsaussichten?

Der Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, Prof. Robert Grützmann, hat an dem Buch

Der Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, Prof. Robert Grützmann, hat an dem Buch "Chirurgie des Kolonkarzinoms" mitgewirkt.  © Harald Sippel

Die Behandlungserfolge haben sich stetig verbessert. Wenn der Krebs frühzeitig erkannt wird und er noch nicht gestreut hat, ist die Chance, länger als fünf Jahre zu überleben größer als 90 Prozent. Aber natürlich sind die Ergebnisse auch abhängig von der Behandlungsqualität und der Erfahrung des Chirurgen. Wir in Erlangen haben schon seit vielen Jahren und Jahrzehnten weltweit anerkannt hervorragende Ergebnisse.

Welche Therapien stehen bei diesem Tumor zur Verfügung?

Beim frühzeitig erkannten Darmkrebs ohne Fernmetastasen steht die Krebsoperation im Mittelpunkt der Therapie. Nur die komplette Entfernung des Tumors mit den Lymphknoten kann eine Heilung ermöglichen. Die Operationstechnik, eine sogenannte komplette mesokolische Exzision, wurde von Werner Hohenberger, meinem Vorgänger in Erlangen, entwickelt und weltweit publik gemacht. Diese fortgeschrittene Operationstechnik ermöglicht ein optimales Ergebnis für den Patienten in Bezug auf Heilungschance und Überleben, stellt aber hohe Anforderungen an das technische Geschick und Erfahrung des Chirurgen. Heutzutage gelingt es uns immer häufiger, diese Operation in der gleichen Qualität auch mit der Knopflochtechnik durchzuführen.

Was ist noch möglich?

Bei einigen Patienten sollte nach der Operation eine Chemotherapie durchgeführt werden. Die Strahlentherapie stellt vor allem beim Enddarmkrebs eine wichtige Behandlungsoption dar. Heutzutage können wir auch Patienten, wo der Krebs schon gestreut hat, zum Beispiel mit Metastasen in der Leber, immer besser helfen, lange und gut zu leben, oft sogar auch den Tumor komplett entfernen. Dies gelingt hier nur gemeinsam mit den anderen Fachrichtungen: Chemotherapie, Strahlentherapie und interventionelle Radiologie spielen hier auch eine große Rolle.

Wie haben sich die Therapien verändert?

Die Therapie ist immer vielfältiger und speziell angepasst an Patienten und den individuellen Tumor geworden. Auch molekulare Marker spielen eine immer größere Rolle, um den Patienten optimal zu behandeln. Im Tumorboard werden jeden Morgen bei uns die Patienten von allen Spezialisten gemeinsam besprochen und die optimale Therapie empfohlen.

Welche Rolle spielt die Früherkennung?

Eine sehr große. Vor allem zur Vorbeugung. Jeder ab 50 sollte zur Vorsorgekoloskopie gehen. Bei bestimmten Problemen, wie Blut im Stuhl, natürlich auch schon früher. Bei der Darmspiegelung kann der komplette Dickdarm eingesehen werden und Vorstufen vom Darmkrebs, wie Polypen oder Adenom, entfernt werden, so dass gar nicht erst Krebs entstehen kann. Wenn schon ein Krebs da ist, werden Gewebeproben entnommen, um die richtige Therapie für den Patienten einzuleiten. Ich bin auch kurz nach meinem 50. Geburtstag bei einer ambulanten Darmspiegelung gewesen. Das Unangenehmste hierbei ist die Vorbereitung, bei der Untersuchung selbst, schläft man.

Gibt es Menschen, die besonders für Dickdarmkrebs anfällig sind, etwa durch eine zu ungesunde Lebensweise wie Rauchen, Essen oder kann es jeden treffen?

Es gibt Menschen, die anfällig für Darmkrebs sind. Deshalb fragen wir jeden Patienten nach weiteren Betroffenen in der Familie. Hier sind spezielle Untersuchungen und eine engmaschige Vorsorge angeraten. Den Betroffenen sowie deren Angehörigen sollte dann auch eine genetische Beratung von Familienangehörigen angeboten werden. Es gibt auch bestimmte Erkrankungen, die zum Teil vererbt werden, die das Risiko deutlich erhöhen.

Und die Lebensweise?

Natürlich ist die Lebensweise statistisch gesehen sehr wichtig für die Entwicklung von Darmkrebs. Jeder weiß, dass Rauchen zu Krebs führen kann. Das aber nicht nur zu Lungenkrebs, sondern es ist auch das Risiko für viele andere Krebsarten, wie Darmkrebs, deutlich erhöht. Auch das Essen und Bewegung spielen eine große Rolle. Dabei geht es nicht um eine komplette Vermeidung zum Beispiel von Fleisch, aber eine ausgewogene gesunde Ernährung und viel Bewegung würden zu deutlich weniger Darmkrebs führen. Letztendlich kann es aber trotzdem jeden treffen, deshalb sind ja die Vorsorgeuntersuchungen so wichtig.

Auf welche Signale und Zeichen sollte man achten, man sagt ja immer, das Schlimme daran ist, dass man den Dickdarmkrebs erst dann merkt, wenn es zu spät ist. Stimmt das?

Wichtig sind Zeichen, wie Blut im Stuhl. Natürlich handelt es sich hier häufig um oft harmlose Hämorrhoiden, aber man sollte sich auf jeden Fall vom Arzt untersuchen lassen. Auch Veränderungen des Stuhlganges sollte man beobachten. Aber Krebs tut, zumindest im Beginn, nicht weh, so dass Bauchschmerzen selten ein Zeichen für Krebs sind. Damit man den Darmkrebs nicht erst durch einen Darmverschluss bemerkt, dann sind nämlich die Ergebnisse der Behandlung deutlich schlechter, sollte man unbedingt die Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen.

Ihr Buch ist im Springer Verlag erschienen, der größere Publikumsreichweite hat als etwa ein ganz spezieller Fachverlag. Richtet sich das Werk denn auch an Nicht-Mediziner?

Das Buch richtet sich primär natürlich an das Fachpublikum, also Ärzte die Patienten mit Darmkrebs behandeln. Aber es gibt auch Patienten, die mich schon auf das Buch angesprochen haben. Viele Patienten beschäftigen sich ja intensiv mit ihrer Erkrankung und da bietet das Buch in allen Bereichen den aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft.

Das Buch "Chirurgie des Kolonkarzinoms" ist im Springer-Verlag erschienen (ISBN 978-3-662-60453-3) erschienen und kann entweder für 66,99 Euro als E-Book oder für 84,99 Euro als Hardcover im Fach- und Onlinehandel erworben werden.

Zum Autor: Der Medizinprofessor Robert Grützmann (50) ist seit Oktober 2015 Direktor der Chirurgischen Klinik der Universitätsklinikums Erlangen und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU), zuvor war er Oberarzt in Dresden an der Universitätsklinik Carl Gustav Carus. Der gebürtige Brandenburger lebt in einer festen Partnerschaft und hat mehrere Kinder.

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