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„Bisher galten japanische Kernkraftwerke als ganz sicher“

Die 19-jährige Studentin Lena Hundhausen berichtet aus einem Japan, das in weiten Teilen verwüstet — und komplett verunsichert ist - 30.03.2011

Lena Hundhausen (2. v. l.) in ihrer Gastfamilie mit Tochter und Freundin Asako Suemoto, Vater Tohru und Mutter Mari Suemoto beim traditionellen Neujahrsessen. Der Physik-Professor Suemoto ist ein Bekannter von Prof. Martin Hundhausen.


„Ich war gerade in der Mensa meiner zukünftigen Uni in Saitama nahe Tokio, als das Erdbeben begann. Zuerst dachte ich, wie alle Japaner um mich herum, es handele sich nur um ein gewöhnliches Beben. Diese sind von relativ kurzer Dauer und beeindrucken normalerweise niemanden mehr. Sehr bald war aber klar, dass es diesmal anders sein sollte. Das Beben hörte nicht auf, sondern wurde immer heftiger. Deswegen sind wir dann alle schnell aus der Mensa ins Freie gegangen. Draußen stellten wir uns dann alle so weit wie möglich weg von dem Gebäude, denn es könnte ja etwas herabstürzen. Man sah und hörte wie es wackelte. Auch die Autos auf den Parkplätzen wackelten heftig. Einige Leute versuchten, mit dem Handy ihre Familie und Freunde zu erreichen, jedoch konnte man die Handys nur zum Fernsehen verwenden. Dadurch erfuhren wir die Stärke des Bebens, und, dass das Zentrum in der Präfektur Miyagi, 300 km nördlich von Tokyo, lag.

Bilder, die auch Lena Hundhausen verstörten: Japanische Rettungskräfte suchen Überlebende. © dpa


In unserer Gegend gab es keine größeren Schäden, weil die Gebäude einigermaßen erdbebensicher gebaut sind. Ich war dennoch nicht die einzige, die nach diesem Tag ihr stärkstes Beben erlebte; auch die Japaner um mich herum, mit denen ich nach außen gegangen waren haben gesagt, so ein starkes Beben hätten sie noch nie in ihrem Leben erlebt. Bereits an diesem Tag habe ich auf eine Meldung zu der Lage in Atomkraftwerken geachtet. Denn schon im Unterricht in der Schule habe ich erfahren, dass Japan, dadurch dass es einen großen Teil seiner elektrischen Energie mit Kernkraft produziert, ein hohes Risiko eingeht, da es geographisch sehr erdbebengefährdet ist. Und es gab tatsächlich eine Meldung. Allerdings war diese relativ kurz und hat nicht besonders besorgniserregend gewirkt. Viel ausführlicher wurde von der Tsunami-Katastrophe und der Gefahr von Nachbeben berichtet. Eigentlich wollte ich am Tag des Erdbebens wieder nach Tokyo, wo ich bei Freunden gewohnt habe, aber es fuhren keine Züge mehr.

Auch am Tag darauf war der Zugverkehr noch nicht wieder ganz hergestellt, daher bin ich dann erst einen Tag später wieder nach Tokyo gekommen. Trotz des Bebens und der zunehmend schlechten Nachrichten von den Kernkraftwerken, waren die Japaner um mich herum relativ gelassen – es schien Normalität einzukehren: Am Tag nach dem Beben haben wohl alle normal gearbeitet.

In meinem Studentenzimmer erzählte ein Mitarbeiter, dass in seinem Haus die Decke eingestürzt sei und er Todesängste ausstehen musste. Dennoch ist er zur Arbeit gekommen ist. Seine Familie wohnt im Norden und er hatte keine Nachricht, ob es ihnen gut geht. Er hatte nicht geschlafen, arbeitete aber normal.

Das beste Transportmittel war in diesen Tagen das Fahrrad. Ich habe von mehreren meiner Freunde gehört, dass sie etwa 80 km spontan mit dem Fahrrad gefahren sind. Einer meiner Freunde, der in Tokyo arbeitet, war siebeneinhalb Stunden mit dem Fahrrad bis zu seinem Elternhaus unterwegs, da keine Busse, Taxis und Züge fuhren. Das Haus seiner Eltern wurde von dem Tsunami betroffen, seine Familie aber ist nichts passiert.

Auch am zweiten Wochenende nach dem Beben war aber die Wasser- und Lebensmittelversorgung noch nicht wieder hergestellt. Ich hatte das Gefühl, dass viele Japaner sich zunächst nicht so große Sorgen um die Gefahr machten, die von den Kernkraftwerken ausging. Ich denke, dies liegt auch daran, dass man einfach nicht glauben will, dass man selber direkt mit einer Katastrophe konfrontiert ist. Man will immer das beste glauben. Dies ist wohl auch beim Betrieb von Kernkraftwerken der Fall.

Hohe Sicherheit?

Auch wenn immer von den hohen Sicherheitsvorkehrungen erzählt wird gibt es dennoch noch ein Unfallrisiko. Man kann natürlich im Alltagsleben nicht ständig aus Angst vor einem Verkehrsunfall nur noch zuhause bleiben. Bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk haben die Folgen jedoch eine ganz anderen Dimension, sowohl was die Zahl der betroffenen Menschen, als auch die Dauer der Auswirkungen anbetrifft. Daher dürfen solche Risiken nicht eingegangen werden und wir Bürger müssen diese Gefahren nicht akzeptieren. Auch wenn man das lieber verdrängt, Unfälle sind letztendlich nicht vermeidbar. Und wenn ich an die Reaktionen der Japaner in meinem Umfeld denke, kann ich nur sagen, dass man in dem schlimmsten Fall vollkommen hilflos ist und man dennoch daran glaubt, dass es alles irgendwie gut geht.

Und manchmal merkt man, dass man selbst inmitten des Geschehens ist. Auch in Deutschland hieß die erste Reaktion: „Japan ist weit entfernt, und in Deutschland ist alles ganz anders." Aber: Bis zum 11. März hieß es auch, Japans Kernkraftwerke seien die sichersten auf der Welt. Genau so sicher wie die deutschen. Wir können dies glauben und wir können es hoffen. Aber was, wenn dann eines Tages auch hier das geschieht, was angeblich unmöglich ist?“

 

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