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Corona trifft die Ärmsten: Straßenkreuzer-Verkäufer wieder da

Auch in Erlangen und Spardorf bieten Arme Sozialmagazin an - Interview mit Chefredakteurin - 21.01.2021 18:30 Uhr

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Nach der Weihnachts- und Coronapause nimmt ein Straßenkreuzer-Verkäufer die erste Hefte im Januar 2021 in Nürnberg in Empfang. Aus Pandemie-Sicherheitsgründen werden die Magazine durch das Fenster gereicht.

21.01.2021 © Straßenkreuzer


Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß freut sich, dass etliche Verkäufer ab Januar 2021 wieder an ihren gewohnten Plätzen das Sozialmagazin verkaufen können.

20.01.2021 © Horst Linke


Frau Weiß, nun bieten die Verkäufer das Heft wieder auf der Straße an. Wie schwer war die Entscheidung?

Wir haben im Team und mit dem Vorstand diskutiert, ob es das richtige Signal ist, wenn man nach außen geht. Schließlich sollen alle zuhause bleiben. Wir haben das gut überlegt, aber ganz entscheidend waren für uns verschiedene Faktoren.

Welche waren das?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen sind Menschen, die aktiv sein möchten. Ihnen fällt es wie anderen auch schwer zu Hause zu sein, und meist sogar noch schwerer, weil sie prekär leben, nicht schön leben. Sie vermissen es, an ihren Plätzen zu stehen, ihren Tag zu strukturieren und eine Sinnhaftigkeit zu erleben. Das ist mit Home Office nicht getan. Das sind Menschen, die raus müssen.

Ganz abgesehen davon, dass die Verkäufer und Verkäuferinnen auch etwas dazuverdienen wollen und müssen.

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Natürlich. Aber der Verein hat ja alle Verkäufer unterstützt und macht das immer noch. Außerdem stand nie zur Debatte, dass Presseprodukte nicht verkauft werden können. Wir wollen auch keine quasi verlängerten Erziehungsberechtigten sein. Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun, die ganz eigenverantwortlich und sehr vorsichtig sind. Viele Verkäufer freuen sich, dass sie wieder auf der Straße verkaufen können und haben mit viel Abstand bei uns die ersten Hefte abgeholt.

Also war die Entscheidung richtig?

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Auf jeden Fall. Diejenigen, die verkaufen können, atmen auf. Alle können gar nicht verkaufen, es hat nicht alles offen, es ist vor allem vor Supermärkten gut möglich, doch die Innenstädte sind ja tot. Aber wie schon erwähnt: Wer jetzt gar nicht heraus kann, wird von uns unterstützt. Wir haben so tolle Spender, dass wir jeden Verkäufer im November und Dezember jeweils 100 Euro geben konnten. Denn das sind Menschen, die wenig Geld haben. Aber als wir gesehen haben, wie viele zur ersten Heftausgabe trotz allem gekommen sind, war uns klar: Es ist die Sehnsucht da, ein Stück Normalität wieder auf der Ebene haben zu können, die möglich ist.

Wenn die Verkäufer im Straßenkreuzer-Büro die Hefte abholen und sie dann an Kunden und Stammkunden verkaufen, sind das ja oft ihre einzigen Kontakte. Welche Bedeutung hat das?

Das hat eine große Bedeutung. Ich wurde deshalb in den vergangenen Tagen und Wochen auch von vielen Verkäufern schon angesprochen, wann es mit dem Straßenverkauf wieder los geht. Die Verkäufer haben mir erzählt, dass auch ihre Stammkunden wissen wollten, wann sie wieder ein Heft kaufen können. Die Verkäufer möchten verlässlich sein. Immerhin gibt es oft eine Beziehung, die zwischen Verkäufer und Käufer aufgebaut wurde.

Jenseits des Geldes.

Ja, das mit dem Geld ist die eine Sache, aber die Möglichkeit, jetzt mit aller Distanz zumindest mal ein Lächeln unter der Maske zu zeigen und hallo zu sagen, tut uns allen gut. Niemand, der nicht eremitisch veranlagt ist, hat nicht die Sehnsucht nach etwas mehr Normalität. Genau das wollen unsere Leute auch. Und sagen das auch.

Weil sie sonst ganz vereinsamen.

Wir haben viele Leute, die wirklich alleine leben. Viele haben mit Einsamkeit zu kämpfen, haben keine Ansprache und keinen Austausch mehr. Ich merke es immer an unserem Verkäufersprecher Steve, der in einer ganz kleinen Wohnung lebt und bei uns im Büro anruft und fragt, ob jemand da ist. Dann kommt er vorbei und macht sich bei uns nützlich, packt kleine Sicherheitspakete mit Masken und Desinfektionsmittel für die Verkäufer und schaut, was er tun kann.

Die Verkäufer achten ja auch auf Sicherheitsstandards.

Natürlich. Alle unsere Leute sind coronabedingt top ausgerüstet. Wir haben Masken für sie und fragen sie immer, ob sie noch etwas brauchen. Es gibt auch kleine Schälchen für das Geld, damit man das Heft auf Distanz bezahlen kann. Unsere Leute selbst sind ja auch vorsichtig. Niemand weiß, womit man es zu tun hat. Die Infektionszahlen sind noch nicht weg. Daher ist keiner unserer Verkäufer leichtsinnig. Und falls doch, muss man es ihm sagen. Das gibt es überall. Und wer dennoch Befürchtungen hat, kann das Heft auch herunterladen.

Der Verein hat schon eine große Spendenbereitschaft während des ersten Lockdowns erlebt. Hat Sie die Solidarität  überrascht?

Ich hatte es natürlich gehofft, dass wir Unterstützung bekommen. Aber ich war überwältigt und glücklich zu sehen, wie stark die Solidarität ist und dass wir wirklich jeden Verkäufer und jede Verkäuferin im Frühjahr unterstützen konnten. Auch jetzt lassen uns die Menschen nicht hängen. Das ist so toll. Da gehört schon viel Solidarität und Empathie dazu.

Zumal ja viele Menschen inzwischen selbst wirtschaftlich von der Pandemie-Krise betroffen sind.

Ja. Ich weiß, dass sich jetzt viele Menschen selber Sorgen machen. Doch es sind noch oder ich hoffe, erst recht viele da, die auch andere sehen. Bei uns ist die Solidarität sichtbar. Auch durch Kunden, die sagen: Schaut doch, dass ihr das Heft wieder verkauft. Ich kaufe es oder downloade es. Vielleicht sind wir doch alle viel besser und solidarischer miteinander als wir manchmal befürchten. Ich verliere die Zuversicht jedenfalls nicht, dass wir gut miteinander weiter machen können.

Mehr Informationen zum Projekt finden Sie hier www.strassenkreuzer.info

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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