Die kleine Liah und ihre Eltern im Glück: Weihnachten ohne Leukämie

30.12.2020, 05:58 Uhr
Weihnachten 2019 hatte Liah (hier mit ihren Eltern) noch Leukämie und musste über die Feiertage teilweise in der Klinik bleiben.

Weihnachten 2019 hatte Liah (hier mit ihren Eltern) noch Leukämie und musste über die Feiertage teilweise in der Klinik bleiben. © Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Liah hat bisher länger im Krankenhaus gelebt als irgendwo anders. "Diesen Sommer waren wir mal ein paar Wochen zu Hause, sonst eigentlich nie", sagt Liahs Mutter Nadine Lösel. Im Alter von sechs Monaten wurde bei Liah eine Säuglingsleukämie festgestellt. Nadine Lösel berichtet: "Eine niedergelassene Ärztin in Forchheim, bei der eigentlich ich Patientin war, hat Liah im Herbst 2019 zufällig gesehen und mir geraten, sie untersuchen zu lassen. Ihr Kind sieht nicht gesund aus, meinte sie." Zu Hause weinte die Mutter vor Wut über diese vermeintlich haltlose Behauptung. Sie wollte der Medizinerin das Gegenteil beweisen. Doch die Ärztin sollte recht behalten. Wenige Tage später war klar: Liah hat eine aggressive Form der Leukämie.

Knappe Behandlung: Eine Sekunde vor zwölf

Im Oktober 2019 wurde die kleine Patientin aus dem Klinikum Bamberg ans Uni-Klinikum Erlangen verlegt. Bei ihrer Aufnahme war es nicht fünf Minuten, sondern "eine Sekunde vor zwölf", wie es der behandelnde Erlanger Oberarzt Dr. Martin Chada damals ausdrückte. Drei Tage lang lag Liah auf der Intensivstation. "Wären wir auch nur einen Tag später gekommen, wäre sie heute wohl nicht mehr da", sagt Nadine Lösel. Ein Mikroliter von Liahs Blut enthielt damals 1,4 Millionen Leukämiezellen – der höchste Wert, den die Erlanger Onkologen bisher gesehen haben. Die Gefahr bei so extremen Werten: Das Blut wird zähflüssig und klebrig – das Risiko für Gefäßverschlüsse steigt. Mit einem Blutwäscheverfahren wurden zunächst überschüssige Leukozyten aus Liahs Blut entfernt. "Die sichere und erfolgreiche Durchführung bei einem so kleinen Kind war allein schon eine Meisterleistung der Kollegen aus der Transfusionsmedizin", sagt Prof. Dr. Markus Metzler, Leiter der Kinderonkologie des Uni-Klinikums Erlangen.


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Liah verträgt die Chemotherapie

Noch im Oktober 2019 bekam Liah ihre erste Chemotherapie. Trotz allem war sie durchweg ein fröhliches Kind. "Sie hat sich immer dermaßen gefreut, wenn ein Arzt ins Zimmer kam, und einfach nur gestrahlt", bestätigt ihre Mutter. Das Mädchen vertrug die Medikamente der Chemotherapie gut und wurde im darauffolgenden Monat nach der ersten Therapiephase aus der Kinderonkologie entlassen. Doch die Behandlung von Liahs besonderer Leukämieform blieb eine große Herausforderung, die eine Stammzelltransplantation nötig machte.

Mit dem Bürgermeister von Buttenheim initiierten Liahs Eltern eine Typisierungsaktion, um einen geeigneten Spender für ihre Tochter zu finden: 2000 Menschen nahmen im November 2019 daran teil. Parallel startete die weltweite Suche nach einem Lebensretter. Schließlich war es ein Spender aus Großbritannien, dessen Blutstammzellen die kleine Patientin im April 2020 per Transfusion erhielt. Die rettenden Stammzellen wanderten in Liahs Knochenmark, wo sie anfangen sollten, neue gesunde Blutzellen zu bilden. Der 15. April 2020 war Liahs Tag null – der Zeitpunkt, ab dem für sie ein neues Leben mit einem gesunden Immunsystem beginnen sollte. Die Nebenwirkungen fielen gering aus und im Mai 2020 konnte Liah erneut aus der Klinik entlassen werden.

Doch dann: ein Rückfall. "Das böse Erwachen kam innerhalb von zwei Monaten und wir sahen im Knochenmark, dass die Leukämie trotz der intensiven Therapie wieder zurückgekommen war", erklärt Prof. Metzler. "Vor ein paar Jahren hätte es für Liah keine Heilungschancen mehr gegeben. Heute haben wir zum Glück eine weitere Chance", so der Kinderonkologe.

Was Prof. Metzler meint, ist eine CAR-T-Zell-Therapie: ein Verfahren, bei dem sich der Patient zunächst körpereigene T-Zellen entnehmen lässt. Diese werden gentechnisch verändert und mit einem chimären Antigenrezeptor versehen – dem CAR. Die neuen CAR-T-Zellen werden dem Patienten per Infusion zurückgegeben. Sie sind in der Lage, Krebszellen gezielt aufzuspüren und zu zerstören.

Klinische Studie zur zellulären Immuntherapie

Auch am Uni-Klinikum Erlangen laufen mehrere Studien zu dieser neuen zellulären Immuntherapie. "Dass Liah diese Behandlung rechtzeitig bekommen konnte, ist unserem bayernweiten kinderonkologischen Netzwerk KINOET zu verdanken", betont Markus Metzler. Denn Liah erhielt ihr CAR-T-Zell-Präparat im Oktober 2020 im Rahmen einer klinischen Studie am Klinikum der Universität München und kam dann zur Weiterbehandlung zurück nach Erlangen. "Wir arbeiten daran, CAR-T-Zell-Therapien auch für andere Erkrankungen direkt bei uns möglich zu machen und starten 2021 mehrere Studien – unter anderem gemeinsam mit unserer Medizinischen Klinik 5 und mit anderen nationalen Partnern." Der Vorteil der CAR-T-Zellen: Die veränderten T-Zellen können sich im Körper vermehren und eine anhaltende Wirkung entfalten.

Liah geht es heute sehr gut. Ihre Medikamente werden schrittweise reduziert. "Dass wir so weit gekommen sind, ist der Verdienst vieler verschiedener Spezialisten, wie sie nur an einem Uni-Klinikum zusammenkommen", betont Markus Metzler. Dazu gehören Kinderonkologen, Transfusions- und Intensivmediziner, Experten für Stammzelltransplantationen und andere. Liah wird auch weiterhin regelmäßig zur Kontrolle in die Erlanger Kinderonkologie kommen. Doch der größte bisherige Erfolg ist nun erreicht, wenn das kleine Mädchen die kommenden Feiertage ohne Blutkrebs und mit ihren Eltern und ihren beiden großen Brüdern in Buttenheim verbringen kann. "Nach Monaten wieder als eine Familie zusammen zu sein – das war unser größter Wunsch für Weihnachten", sagt Nadine Lösel.

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