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Die Verbrechen in Erlangen sichtbar machen

Der Kulturwissenschaftler Jörg Skriebeleit stellte Szenarien eines Konzepts für einen Gedenkort vor - 14.11.2019 18:00 Uhr

Nicht nur mit Bussen, sondern auch vom Bahnhof aus mit Zügen wurden Patienten der ehemaligen „Hupfla“ in die Tötungsanstalten gebracht. © Mark Johnston


Die Stimmung ist gereizt in Erlangen, wenn es um das Thema "Hupfla" geht, um Abriss oder Erhalt des Denkmals, um den Bau von Forschungsgebäuden von Max-Planck-Gesellschaft und Uniklinikum. Die Stimmung ist aufgeladen – auf dieses sprachliche Bild jedenfalls greift Skriebeleit zurück, als er gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Julius Scharnetzky "erste Szenarien" eines Konzepts für einen Gedenkort für die Opfer der NS-Krankenmorde präsentiert.

"Wir machen den Blitzableiter", erklärt Jörg Skriebeleit gleich am Anfang vor den Besuchern im Kleinen Hörsaal der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität. Und er fügt hinzu: "Wir werden heute Vielen im Raum einiges zumuten".

Zuvor hatte Oberbürgermeister Florian Janik in einer kurzen Einleitung gesagt: "Wir diskutieren nicht lange darüber, ob das ganze Gebäude erhalten bleibt". Seit 2017 gebe es Bescheide für den Teilabriss, spätestens seit Januar 2019 sei dies eindeutig klar.

Klar war seit März 2019 auch, dass ein Gedenkort für die Opfer der NS-"Euthanasie" in einem kleinen Teil des Kopfbaus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt untergebracht werden soll. Von dem über 160 Meter langen Gebäude sollte am Ende lediglich ein 15 Meter langes "Endstück" für diesen Zweck erhalten bleiben. Neben zwei zunächst geplanten Forschungsgebäuden (ein Max-Planck-Zentrum für die Physik des Lichts und ein Forschungsgebäude des Uniklinikums) sollten nach dem ersten Teilabriss zu einem späteren Zeitpunkt zwei weitere Forschungsbauten des Uniklinikums errichtet und dafür noch mehr abgerissen werden.

Am Ende des "Werkstattberichts" von Skriebeleit und Scharnetzky ist dann aber tatsächlich einiges anders als zuvor. Nachdem Skriebeleit eingangs darauf hingewiesen hatte, dass er als Auftragnehmer des Werk-Vertrags für die Erstellung eines Rahmenkonzepts keinerlei Anweisungen unterliege, trat er seinem eigenen Anspruch gemäß als "Irritator" auf.

Sein gravierendster Vorschlag, was das "Hupfla"-Gebäude betrifft: Statt des kleinen "Endstücks" bzw. Ostflügels soll die Mitte des Bauwerks für einen Gedenkort genutzt werden. Ob es sinnvoll sei, die östliche Hälfte des Gebäudes auch einzubeziehen, "werden wir prüfen". Es klingt aber wahrscheinlich. Sicher sei, dass man das "Gebäude in toto" für eine Ausstellung nicht brauche. "Wir können nicht Argumente liefern für den Kompletterhalt", sagte Skriebeleit in Richtung von Vertretern des Aktionsbündnisses "HuPfla erhalten – Gedenken gestalten".

Aber er stellte auch klar: "Wir sind fest überzeugt, dass es eine Ausstellung braucht". Man werde Räume brauchen, um die Opfer und die Täterschaften zu benennen. Es brauche – gerade in Erlangen – auch Bildungsräume und Bildungskompetenzen. Eine Chance für die Stadt, für Universität und Wissenschaft, für das Uni-Klinikum. Man habe hier Schüler der Pflegeschulen, man habe Studenten. Denkbar sei auch, in den Räumen ein Archiv unterzubringen, in dem die mittelfränkischen "Euthanasie"-Akten ausgewertet werden könnten. Wichtig sei aber nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern darüber hinaus, dass ein "Zukunftsort" entstehe, an dem es neben der Geschichte auch um die Ethik der Medizin gehe. "Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal", so Skriebeleit. Und: "Dieser Ort wird nicht 1933 beginnen und 1945 enden."

Genau diesen Zeitraum – um den es zentral ja eben doch geht – nahm dann aber Julius Scharnetzky näher unter die Lupe. Er sprach über die Veränderungen innerhalb der Anstaltspsychiatrie, über die Zwangssterilisationen und über die Krankenmorde – und das heißt über die Kindereuthanasie, die Aktion T4 und die Hungermorde. Und er verortete diese Verbrechen ganz konkret – neben der "Hupfla" auch bei der Frauenklinik und Chirurgie, der Kinderklinik, dem Bahnhof (von dort wurden Patienten in die Tötungsanstalten transportiert), dem Amtsgericht (an dem in Erlangen das Erbgesundheitsgericht angesiedelt war).

Bei der Frage, was das Spezielle der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt gewesen sei, stießen Scharnetzky und Skriebeleit insbesondere auf die "starke Nähe" zwischen Stadt und "Hupfla". Andere Heil- und Pflegeanstalten seien eher außerhalb angesiedelt gewesen.

In Erlangen aber seien die Abtransporte der Patienten in die Tötungsanstalten für die Bevölkerung und auch für die Universität sichtbar gewesen. "Diese Sichtbarkeit ist für uns ein wesentliches Kriterium", sagte Skriebeleit. Und deshalb brauche es eine Markierung von Orten im Stadtraum. "Die Struktur der Verbrechen muss markiert werden." Der Bahnhof, das Amtsgericht, die ehemalige Frauenklinik – sie seien alle involviert gewesen.

Das fertige Konzept werden Skriebeleit und Scharnetzky im April 2020 vorstellen. Danach werde es um die Umsetzung gehen. "Das ist eine Aufgabe, die wir Ihnen dann in die Hand drücken", kündigte Skriebeleit an. EVA KETTLER

EVA KETTLER

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