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„Eine Oase des Miteinander geht verloren“

Kiosk auf dem „Roten Platz“ im Uni-Südgelände wurde gekündigt - 15.09.2011

Thomas Reißig sieht sich vor einer ungewissen Zukunft. Sollte vehementer Studentenprotest nicht gehört werden, muss er seinen Kiosk, der 31 Jahre als Familienbetrieb geführt wird, zusperren.

14.09.2011 © Bernd Böhner


Schon seit mehreren Monaten versinkt die Technische Fakultät in Bauarbeiten. Kräne ragen über die Baumkronen, Gerüste blitzen in der Sonne. Zwischen Baulärm und Staub lädt der Kiosk auf dem „Roten Platz“ im Südgelände immer zur Erholung und zu einem Schwätzchen ein.

„Brötchen, Äpfel, Tee mit Rum“ steht in verschnörkelter Schrift auf dem Schaufenster. Neben Kaffee gibt es Süßigkeiten, heiße Wiener und Zeitschriften zu günstigen Preisen zu kaufen. Doch das wird sich bald ändern.

Schon seit 31 Jahren befindet sich der Kiosk im Besitz der Familie Reißig, vor vier Jahren hat der Sohn Thomas das Geschäft übernommen. „Der Laden ist wie ein zweites Wohnzimmer für mich“, sagt Thomas Reißig mit traurigen Augen. Denn für Ende Februar wurde der Pachtvertrag von der FAU gekündigt. Warum, wurde Reißig nicht konkret gesagt.

„Recht auf besseres Niveau“

Uni-Pressesprecher Markus Leber kann Auskunft geben: „Im Rahmen der Baumaßnahmen der Technischen Fakultät müssen wir uns Planungsfreiheit schaffen.“ Gerade an den Wochenenden, oder außerhalb der Öffnungszeiten der Mensa, müssen die Studenten versorgt werden. „Sie zahlen schließlich auch Studiengebühren. Somit haben sie ein Recht auf ein besseres Versorgungsniveau, und das kann der Kiosk nicht bieten.“

Die Studenten hingegen halten nicht viel davon, dass der Kiosk schließen muss. Sie bedauern, dass der Kiosk Ende Februar 2012 verschwindet. „Man konnte sich immer auf einen Kaffee raussetzen“, sagen ein paar, „das war eine echte Ruhezone.“

Beim Kiosk schauten alle gern auf ein Schwätzchen vorbei, Mitarbeiter, Studenten, Dozenten, Angestellte. Sie begegnen der Entscheidung mit Unverständnis. „Eine Sauerei, vor allem die Art und Weise, wie das geschehen ist“, ärgert sich ein Angestellter. Tatsächlich lag die Kündigung erst kurz vor Ende der vorlesungsfreien Zeit vor, so dass viele Studenten nichts davon mitbekommen haben. Man könnte meinen, alles sollte klammheimlich über die Bühne gehen.

Bedauern online

Eine Internetseite soll die Geschehnisse nun bekannt machen, informiert über die Kündigung des Pachtvertrages, und die Reißigs drücken ihren Kunden gegenüber ihr Bedauern aus. „Hiermit möchten wir uns aus vollem Herzen bei allen unseren treuen Kunden und Freunden für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken!“

In einem virtuell angelegten Gästebuch äußert so mancher seinen Unmut über die Entscheidung der Universitätsleitung. „Eine willkommene Abwechslung zur Mensa“ schrieb Markus zum Beispiel in das Gästebuch. „Eine Oase der Menschlichkeit und des Miteinander geht unwiederbringlich verloren!“

Die Familie Reißig hofft, dass sich viele darüber empören und das Schicksal noch geändert werden kann. Denn in der Stadt wird sich Thomas Reißig im Einzelhandel nicht selbstständig machen. „In Erlangen hat man da keine Chance“, sagt er. So wartet eine ungewisse Zukunft auf ihn.

Was stattdessen auf den „Roten Platz“ gebaut wird, ist unklar. „Wir werden uns mit dem Studentenwerk absprechen, dann wird es vermutlich als Wettbewerb ausgeschrieben“, äußert sich Leber. „Da kann sich der Kiosk gerne mit einem erweiterten Konzept bewerben.“ Sollte die Schließung allerdings mit der Sanierung der Tiefgarage zusammenhängen, ist nicht klar, wie lange die Arbeiten dauern werden. „So lange kann ich nicht warten“, sagt Reißig, „wovon soll ich denn leben?“

JOHANNA MEYR

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