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Erlangen: Den Menschen aus dem Blick verloren?

Evangelische und katholische Kirche verliert in der Hugenottenstadt Mitglieder - 18.06.2019 14:00 Uhr

Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche im Freistaat verliert Mitglieder. Einer Zukunftsprognose zufolge soll sich dieser Trend fortsetzen. © Franziska Kraufmann/dpa


Die Prognosen des Freiburger Forschungszentrums "Generationenverträge", so heißt es darin, würden zeigen, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder in Bayern künftig drastisch verringern werde. Bereits 2035 werden demnach im Freistaat gut 20 Prozent weniger Katholiken und Protestanten leben als noch 2017.

Die Prognose für die evangelische Landeskirche in Bayern bedeutet demzufolge konkret, dass im Jahr 2035 noch 1,9 Millionen Protestanten im Freistaat leben werden, also etwa eine halbe Million weniger als 2017. Und die Zahl der Katholiken wird von knapp 6,5 Millionen im Jahr 2017 auf 5,3 Millionen im Jahr 2035 zurückgehen. Aber nicht nur bei den Kirchenmitgliedern, auch beim Personal sei ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, heißt es.

Eine Nachfrage bei den evangelischen und katholischen Kirchen in Erlangen zeigt, dass auch sie nicht aus dem allgemeinen Trend ausscheren, der sich bereits jetzt bemerkbar macht.

Eine Ausnahme allerdings gibt es in Erlangen: Bei der evangelisch-reformierten Hugenottenkirche, die kürzlich aufgrund interner Unruhen von sich reden machte, sind die Mitgliederzahlen stabil beziehungsweise in den letzten Jahren sogar angewachsen. Sie stiegen im gesamten Einzugsbereich der Gemeinde von 950 im Jahr 2003 auf heute 1060, allein auf die Stadt Erlangen bezogen liegt die Zahl der Gemeindemitglieder seit Jahren konstant bei rund 500.

Anders sieht es bei der katholischen Kirche aus, wobei hier eine andere Größenordnung vorliegt. Über 73 000 Mitglieder hatte das katholische Dekanat Erlangen noch vor zehn Jahren, inzwischen ist die Mitgliederzahl auf 68 000 geschrumpft. "Wir haben einen Rückgang, obwohl sich die Bevölkerung vermehrt", konstatiert Dekan Josef Dobeneck.

Keller-Geflüster, der Pfarrer

Dieser Rückgang geschehe einerseits durch Kirchenaustritte, andererseits vor allem eben dadurch, dass Kinder nicht mehr getauft würden. In manchen Schulen, so Dobeneck, gebe es 40 Prozent ungetaufter Kinder, 30 Prozent evangelischer und 20 Prozent katholischer Kinder. "Ein paar Kinder lassen sich bei der Erstkommunion taufen", stellt der Dekan für seinen Einzugsbereich fest. Den Mitgliederschwund aufhalten könne dies jedoch nicht.

Man habe in der katholischen Kirche in Bayern auch einen "rapiden Schwund an Hauptamtlichen", erklärt Josef Dobeneck — sowohl bei den Priestern als auch bei den hauptamtlichen Mitarbeitern in der Seelsorge. So werde auch er selbst, wenn er demnächst in den Ruhestand geht, nicht ersetzt. Ebenso wie es keinen Nachfolger für den Pfarrer von Herz Jesu, der weggehen will, geben werde.

Neuorganisation der Seelsorge

Aus dem Grund der Personaleinsparung müsse man in Erlangen jetzt Seelsorgebereiche bilden, in denen künftig jeweils drei Priester und drei hauptamtliche Mitarbeiter tätig sein werden. Einer dieser Seelsorgebereiche wird von Tennenlohe bis Uttenreuth reichen und die Gemeinden Bruck, Heilig Kreuz, St. Bonifaz, St. Sebald, Herz Jesu, Theresia umfassen. Im anderen Bereich werden Büchenbach, Alterlangen, Bubenreuth, Dechsendorf und Möhrendorf zusammengefasst.

"Die Seelsorge muss ganz neu organisiert werden", sagt Dobeneck. Noch sei dies in der Planungsphase, ab 1. September werden die Seelsorgebereiche dann in Kraft treten. Josef Dobeneck macht kein Hehl daraus, dass ihm das alles durchaus auch Sorge bereitet. "Der Glaube lebt von Beziehungen und von persönlichen Begegnungen", sagt er. "Wie man das aufrechterhalten soll, ist mir schleierhaft."

Weniger besorgt erscheint da Wolfgang Leyk, der als Vertreter von Dekan Peter Huschke in dessen Abwesenheit gegenüber den EN Stellung nimmt. Zwar muss auch er einräumen, dass das evangelische Dekanat Erlangen mit seinen 31 Kirchengemeinden innerhalb der letzten zehn Jahre einen Mitgliederschwund von 78 000 auf 70 000 verkraften musste. Doch er beobachte, sagt Leyk, eine "etwas paradoxe Erscheinung". Denn zur Zeit seines Studiums vor 35 Jahren hätten große soziologische Studien das Ende der Volkskirche für 2030 vorausgesagt, aber jetzt, im Jahr 2019, könne er nur feststellen: "Ich seh’s nicht."

"Denn wir verlieren nicht nur Mitglieder." Er zähle über 20 Taufen im Jahr und könne insofern gelassen sein. Zwar habe das Dekanat mehr Aus- als Eintritte, "aber warum wir die Taufen nicht dagegen rechnen, verstehe ich nicht". Für Erlangen jedenfalls könne er stabile Verhältnisse konstatieren, denn es sei eine gesuchte Stadt und eine attraktive Region zum Arbeiten für kirchliche Mitarbeiter. "Wenn Sie evangelisch in Hof sind, schaut die Sache anders aus." Auch sei es schon immer eine Herausforderung gewesen, Mitarbeiter für die Randgebiete zu kriegen.

In seiner Gemeinde, der Neustädter Kirche in Erlangen, macht Pfarrer Wolfgang Leyk eine in seinen Augen positive Beobachtung. Es gebe eine ausgeprägte Beteiligungskultur, sagt er. Bei Hochzeiten oder auch Taufen führt er demnach schon lange keine Seelsorgegespräche mehr, sondern Pfarrer und Gemeindemitglieder führen "Gespräche unter Fachleuten, die einen guten Gottesdienst machen wollen".

Ganz sicher ist Wolfgang Leyk sich, dass Zuwächse in der Kirche am ehesten dann erzielt werden können, wenn Pfarrer eine gute Gemeindearbeit machen. "Die Leute kommen zu uns nicht in erster Linie, weil wir bestimmte kulturelle oder politische Themen vertreten, sondern weil wir für sie da sind." Zwar sei es wichtig, dass auch die Kirche in der Öffentlichkeit zu politischen Themen Stellung nimmt. Doch was die Leute in die Kirche ziehe und an die Kirche binde, seien "die seelsorgerlichen Dinge, die wir machen." Zum Beispiel die seelsorgerliche Begleitung der Angehörigen, wenn jemand gestorben ist.

"Wenn wir die Menschen im Blick haben, dann ist die Verbindung sehr stark", sagt Pfarrer Leyk. Es sei wichtig, dass man beispielsweise einen Weihnachtsgottesdienst bewusst und liebevoll gestalte. Er habe, so sagt er, eine Kirche, die immer voller werde. "Wenn die Leute merken, da erlebe ich etwas Schönes, dann brauche ich mir keine Marketingstrategie ausdenken." 

EVA KETTLER

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