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Erlangen: Die Automatensucht kann jeden treffen

Beratungsstelle sucht in Gesprächen mit Betroffenen nach den Ursachen - 01.09.2015 06:00 Uhr

Die Hand ständig am Hebel: Alles dreht sich nur noch ums Spielen, durch einen Gewinn hoffen Spielsüchtige oft ihre Verluste wieder auszugleichen.

© coulorbox.de


Ein regnerischer, ungemütlicher Tag. Abgehetzt ist man am Bahnsteig angekommen, den Zug hat man um Sekunden verpasst. Der nächste kommt erst in einer Stunde. Da fällt der Blick auf eine nahegelegene Spielothek. Ausprobieren könnte man es doch mal. Man trinkt dort einen Kaffee, wärmt sich auf und vielleicht hat man ja Glück und gewinnt ein paar Euro.

Doch wer viel Geld gewinnt, hat Pech. Denn so kann die Spielsucht beginnen. „Man bekommt innerhalb kürzester Zeit das Gefühl, dass man leicht Geld gewinnen kann und hat sofort den Impuls, das zu wiederholen. Da reichen manchmal schon kleine Geldmengen aus“, erklärt Ottmar Stadtmüller, Psychologe bei der Erlanger Drogen- und Suchtberatung.

Verstand setzt aus

Als rational denkender Mensch sollte man sich der Risiken, die der Gang in die Spielhalle mit sich bringt, bewusst sein, doch oftmals setzt hier der Verstand aus. Immer öfter geht man in die Spielothek und hofft Verluste, die man gemacht hat, durch einen Gewinn wieder auszugleichen.

Alles dreht sich nur noch ums Spielen. Job, Familie und Freunde werden immer mehr vernachlässigt. „Das kann bis zur Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Privatinsolvenz und Scheidung führen“, weiß Dieter Merz, Suchttherapeut bei der Erlanger Drogen- und Suchtberatung.

Die Spielsucht kann jeden treffen, unabhängig vom gesellschaftlichen Status. „Zu uns kommen Sozialhilfeempfänger, aber auch stellvertretende Stationsärzte. Spielsucht hat nichts mit dem Bildungsniveau zu tun“, erklärt Merz. Laut Schätzungen gibt es in Erlangen um die 200 bis 500 Spielsüchtige. Nur ein Bruchteil von ihnen ist jedoch in Behandlung. „Wir haben knapp 70 Klienten pro Jahr, das ist aber nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Merz. In Gesprächen wird vor allem nach den Ursachen für das Verhalten gesucht. Mitunter wird durch die Sucht ein vorangegangenes, negatives Erlebnis oder ein Schicksalsschlag kompensiert.

Eine Therapie kann stationär oder ambulant absolviert werden. Kostenträger ist in den meisten Fällen die Rentenversicherung. Ein Meilenstein in der Therapie ist erreicht, wenn der Spieler einsieht, dass das verspielte Geld verloren ist und nicht durch weitere Spiele zurückgewonnen werden kann. Um Rückfälle zu vermeiden, ist es außerdem wichtig, dass der Spieler unter anderem den richtigen Umgang mit Rückschlägen im Leben lernt.

Hilfe für Angehörige

Zur Suchtberatung kommen oftmals auch Angehörige. Denn nicht nur der Spieler selbst ist betroffen; durch sein Verhalten involviert er bis zu 15 weitere Personen.

Dazu zählen Familie, Arbeitgeber, Freunde und Bekannte. „Die engsten Vertrauten müssen lernen, wieder mehr auf sich selbst zu achten. Sie arbeiten oft mehr oder verschulden sich, um finanzielle Probleme auszugleichen“, wie die Suchtberater erklären.

Weitere Informationen und Hilfe bei der Drogen- und Suchtberatung unter Telefon (0 91 31) 86 22 95. Das Beratungsangebot ist kostenlos.

ISABELLA STURM E-Mail

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