Sind Schwammstädte die Lösung?

Erlangen: Stadt muss mit kaum beherrschbaren Wetterereignissen rechnen

11.10.2021, 12:10 Uhr
Auch die Erlanger Kreuzung Schallershofer Straße /Kosbacher Damm stand 2020 unter Wasser.

Auch die Erlanger Kreuzung Schallershofer Straße /Kosbacher Damm stand 2020 unter Wasser. © Harald Sippel, NN

Zudem ist Erlangen bereits heute durch seine Lage an der Regnitz, der Schwabach, der Aurach und weiterer kleiner Zuflüsse längst ein (weitgehend kontrollierbares) Überschwemmungsgebiet und so etwas wie eine Schwammstadt.

Dass man die Problemstellung zumindest im Verwaltungsjargon gut im Griff hat, verdeutlichte der Leiter der Stadtplanung, Tilman Lohse. Hochwasser, so der Fachmann, sei „planbar“, da absehbar. Starkregen, vor allem stationärer, stelle wegen des Überraschungsmoments hingegen ein Problem dar, „das kaum beherrschbar ist“. Dies illustrierte er mit einem Foto der Unterführung Güterhallenstraße nach einem Starkregen im Juni 2020, als in kürzester Zeit Autos in den Fluten verschwanden.

Handlungsoption nur durch Flächennutzungs- und Bebauungspläne gegeben

Bei allen Möglichkeiten, die den Städten durch Flächennutzungs- und Bebauungsplänen an die Hand gegeben seien - und nur dort gebe es Handlungsoptionen -, müsse klar sein, dass es einen umfassenden Schutz vor Hochwasser nicht geben könne, „das geht technisch nicht und wäre auch nicht finanzierbar“. Allen „Anschlussnehmern“, egal ob Wohnblock oder Eigenheim, seien aufgerufen, selbst Vorsorge zu treffen. Was die Stadt unternehmen könne? Das Stichwort lautet hier „Entsiegelung“, also die Schaffung von möglichst durchlässigen Naturflächen, der Rückbau zubetonierter Fläche sowie die Vermeidung großer Neubaugebiete ohne Gewässerschutz.

Den Einwand aus dem Publikum, in Erlangen werde weiterhin ungebremst gebaut (und damit auch versiegelt) wollte Lohse so nichtstehen lassen: „Es gibt eben konkurrierende Interessen zwischen dem Bau von Wohn- und Gewerbeflächen und der Entsiegelung, ein Richtig und ein Falsch gibt es da nicht.“ Hinzu komme, dass neue Baugebiete häufig auf nicht für sie dimensionierte Entwässerungssysteme träfen - Überschwemmungen wie in der Bayern- und Pommernstraße seien die Folge.

Bedenklich abnehmendes Grundwasser

Der Wasserbauingenieur Dietrich Uhl vom Wasserwirtschaftsamt - zuständig für die Fließgewässer in Mittelfranken - konnte wenig Beruhigendes berichten. Die Klimaprognosen sagten steigende Wärme und zunehmende Trockenheit voraus, Starkregen sorgten zwar für viel Wasser in engen lokalen Räumen, die aber keinen Beitrag zum bedenklich abnehmenden Grundwasser leisteten. Uhl: „Die Neubildung von Grundwasser nimmt dramatisch ab.“ Städte müssten also einen Beitrag dazu leisten, das Wasser „festzuhalten“.

Wasser, Wasser, Wasser...

Wasser, Wasser, Wasser...

Im Erlanger Umweltamt beschäftigt sich Franziska Geist von der Unteren Wasserbehörde der Stadt mit konkreten Maßnahmen, wie man Wasser auf grünen Dächern und Fassaden und in Sickerflächen hält. Auch hier gilt: „Nichts geht schnell“, wie sie sagt, und schöne Bilder von Stadtarchitekten über grüne Städte seien noch keine Lösung. Beruflich nah am Wasser gebaut ist auch Stefan Engelhardt, Abteilungsleiter im Entwässerungsbetrieb der Stadt Erlangen.

Kanalisation kann keinen absoluten Schutz leisten

Er sagt, dass aus wirtschaftlichen und technischen Gründen eine Kanalisation nicht so ausgelegt werden kann, dass auch bei außergewöhnlichem Starkregen ein absoluter Schutz vor Überflutungen gewährleistet ist. Könne ein bestehender Kanal das anfallende Wasser nicht ableiten, so bedeutet dies also nicht zwangsläufig, dass er deswegen unterdimensioniert ist. Starkregen kann einen Rückstau in die Grundstücksentwässerungsanlagen und auch Überflutung verursachen, weil Wasser aus der Kanalisation entweiche. Grundstückseigentümer müssten sich daher gegen einen Rückstau aus der Kanalisation und eindringendes Oberflächenwasser auch selbst schützen.

Für die neue Erlanger Umweltreferentin Sabine Bock, die die Veranstaltung der Erlanger Orts- und Stadtteilbeiräte moderierte, war der Abend ebenso erkenntnis- wie fassettenreich. Erlangen als Schwammstadt als Gegenmittel gegen Überschwemmungen? „Problem erkannt“ ist in Zeiten des unumkehrbaren Klimawandels nicht gleichbedeutend mit „Gefahr gebannt“.

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