Eingangsklasse in der 5. Jahrgangsstufe?

Erlangens Wirtschaftsschule möchte an Schulversuch teilnehmen

21.7.2021, 10:30 Uhr
Die städtische Wirtschaftsschule im Röthelheimpark in Erlangen würde gern die fünfte Jahrgangsstufe einführen.

Die städtische Wirtschaftsschule im Röthelheimpark in Erlangen würde gern die fünfte Jahrgangsstufe einführen. © Harald Sippel

An der Wirtschaftsschule in Erlangen freut man sich darüber, dass es von der Stadt Rückendeckung gibt. Denn das Interesse daran, künftig bereits mit der fünften Jahrgangsstufe starten zu können, ist groß. Noch gibt es den Schulversuch "Wirtschaftsschule ab der 5. Jahrgangsstufe" nicht. Frühestens im Schuljahr 2022/23 könnte es soweit sein. Dann aber wäre die Erlanger Bildungseinrichtung bereit. Genau das wurde jetzt mit einem entsprechenden Antrag nach München signalisiert.

Zurückhaltend sei man beim Kultusministerium bisher gewesen, weil man mit der "Wirtschaftsschule ab der fünften Klasse" nicht die Mittelschulen gefährden wolle, sagt Gerald Wölfel, Leiter der Erlanger Wirtschaftsschule und einer der Sprecher des Verbands der bayerischen Wirtschaftsschulen. Diese Gefährdung sehe man von Seiten der Wirtschaftsschulen aus zumindest in den mittelgroßen und großen Städten jedoch nicht.

Niedrige Schülerzahl

74 Wirtschafsschulen gibt es in Bayern. 30 Prozent der bayerischen Schüler gehen laut Wölfel auf eine Mittelschule, lediglich zwei Prozent auf eine Wirtschaftsschule.

Die Wirtschaftsschule in Erlangen wird in diesem Schuljahr von 490 Schülerinnen und Schülern in 24 Klassen besucht. Der Schülerhöchststand wurde im Schuljahr 2010 mit 605 Schülerinnen und Schülern in 23 Klassen erreicht, seitdem ist er gesunken. Laut Schülerprognose der Stadt aus dem Jahr 2020 werden ab dem Schuljahr 2023/24 wieder steigende Schülerzahlen erwartet - bis zu maximal 550 Schülern. Längerfristig ist in Erlangen der Umzug der Wirtschaftsschule in den "Bildungscampus" geplant.

Einstieg in der 6. Klasse möglich

Vor vier Jahren wurde an der Erlanger Wirtschaftsschule - zunächst ebenfalls in einem Schulversuch - die sechste Klasse als Einstiegsklasse eingeführt. Seit der Einführung im Schuljahr 2017/18 wurde jährlich jeweils eine sechste Klasse gebildet. Wechseln kann man aber auch noch in den höheren Jahrgängen. 60 Prozent der Schüler wechseln von den Gymnasien, 15 Prozent von den Realschulen, 15 Prozent von den Mittelschulen, zehn Prozent von privaten Schulen.

Mit der Einführung der fünften Jahrgangsstufe im Schulversuch wäre der Zugang zu allen Vollzeitschulen, die zum mittleren Schulabschluss führen, unmittelbar im Anschluss an die Grundschule möglich. Bedenken gegenüber der Einführung der fünften Jahrgangsstufe an der Wirtschaftsschule haben die Erlanger Realschulen, da sie mit einem Rückgang der Schülerzahlen rechnen, und das Staatliche Schulamt, das für die Grund- und Mittelschulen spricht. Dieses sieht vor allem in der frühzeitigen berufsorientierten Entscheidung der Schülerinnen und Schüler ein Problem.

"Vierstufiges Schulsystem durch die Hintertür"

Genauso argumentiert auch die Grünen-Stadtratsfraktion. Es sei zu früh, wenn Kinder ab zehn Jahren in eine berufsvorbereitende Schule für den kaufmännischen Bereich wechseln können. Die ohnehin schwierige Entscheidung zur Schulwahl nach der 4. Klasse werde für Eltern und Kinder durch diese zusätzliche Option noch komplizierter.

"Wir brauchen mehr gemeinsames Lernen und nicht mehr Spezialisierung. Mit einer Wirtschaftsschule ab Klasse 5 bekommen wir in Bayern durch die Hintertür sogar ein vierstufiges Schulsystem", kritisiert Kerstin Heuer, Grüne-Sprecherin für Bildung. Längeres gemeinsames Lernen sorge für mehr Bildungsgerechtigkeit, argumentiert sie weiter.

In den meisten Bundesländern werde deshalb Schritt für Schritt auf das zweistufige Schulsystem gesetzt, das heißt Realschule und Mittelschule werden zu einer Schulform zusammengefasst. "Kinder brauchen die Möglichkeit und die Zeit, ihre Talente und Neigungen zu entdecken und zu erproben. Ab der 7. oder 8 Klasse können sie dann gut entscheiden, in welche berufliche Richtung sie sich vertiefen wollen."

"Entscheidung sollte man Schülern und Eltern überlassen"

Dieses Argument möchte Gerald Wölfel entkräften. "Nicht jeder Schüler, der bei uns rausgeht und in Ausbildungsberufe geht, geht in die kaufmännische Richtung", sagt er. Und er ist überzeugt, dass der Übertritt nach der vierten Klasse unproblematisch ist: "Die Entscheidung sollte man den Schülern und Eltern überlassen".

Im Hinblick auf die Verteilung der Schüler kann er auch auf die anhaltende Diskussion darüber, ob Erlangen eine dritte Realschule braucht, verweisen. Diese Frage wurde zwar auf einen FDP-Antrag hin von der Verwaltung mit einem deutlichen "Nein" beantwortet, gleichwohl steht im Raum, dass die beiden Erlanger Realschulen laut Schulentwicklungsplan von 2020 ziemlich ausgelastet sind. Hier könne die Wirtschaftsschule Entlastung bieten, so Wölfel.

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