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Montag, 01.06.2020

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Erlanger Sicht auf die Frau als pornografischen Blick

Fehlende Distanz zwischen Subjekt und Objekt: Fotoinstallation beim Kunstverein - 11.03.2017 18:00 Uhr

Fungieren als Hauptdarstellerinnen in ihren Bildgeschichten: Claudia Holzinger (links) und Lilly Urbat. © F.: Harald Hofmann


Claudia Holzinger und Lilly Urbat gehören zum fotografischen Nachwuchs der Nürnberger Akademie. Gemeinsam entwickeln sie unter dem Label "HolzingerUrbat" Fotoinstallationen. Ihre neueste Arbeit mit dem Titel "Wann ist ein Mann ein Mann?" ist im Kunstverein zu sehen.

"Wann ist ein Mann ein Mann?": Herbert Grönemeyer hat diese schwerwiegende Frage in einem berühmten Song mit einer Sammlung von Klischees beantwortet, die sämtlich, wie fast alle Klischees, auf einen Abgrund von Wirklichkeit hinweisen. Eine eher abschreckende Aussicht, die durch den ironischen Blick des Poeten gemildert wird. Claudia Holzinger und Lilly Urbat sind nicht gesonnen, ihm diese humoristische Beschwichtigung eines anhaltenden Skandals durchgehen zu lassen. In Grönemeyers Charakterstudie nämlich kommt, ganz im Gegensatz zur Lebenswirklichkeit, Sex überhaupt nicht vor. Das entspricht im Grundsatz der männlichen Selbstinszenierung in den idyllischen Rollen als Heimwerker, Kleingärtner, Kraftprotz und Vorgesetzter. Im gesellschaftlich akzeptierten Rollenspiel ist Sex in den Untergrund verbannt. Im Kampf um die Identitäten ist der Sex allein durch die Wirklichkeit der Frau definiert, und zwar in der Rolle des Sexualobjektes als Opfer männlicher Gewalt. HolzingerUrbat haben ihr in einer Installation aus Fotoschnipseln so etwas wie ein Denkmal errichtet, das den männlichen Blick unverstellt als pornografischen entlarvt. Alle anderen Intentionen sind nur Vorspiegelungen einer verfälschten Wirklichkeit.

Rolle des Opfers

Selbstverständlich sind die beiden Fotokünstlerinnen weit davon entfernt, diese männliche Sicht zu teilen. Merkwürdigerweise nehmen sie sich selbst trotzdem stets in der Rolle des Opfers wahr. In den Bildgeschichten, die sie erzählen, fungieren sie immer als Hauptdarstellerinnen in einem Märtyrerinnen-Drama. Dadurch wird keine wirkliche Distanz zwischen der Eigenwirklichkeit der Kunstproduzentin und ihren künstlichen Welten zugelassen. Sie werden stellvertretend für ihre gewiss unzähligen Schwestern in Badewannen ertränkt und bekommen als Zeichen ihrer Bestimmung einen Phallus als Nase ins Gesicht montiert. Ein Video macht das Geschlechtsteil zur Waffe und zum Werkzeug einer physiologischen Mechanik, den Mann, nach den Worten Gottfried Benns, zum "düsteren Büchsenöffner".

Die fehlende Distanz zwischen Subjekt und Objekt der Kunst lässt auch der impliziten Komik der Inszenierungen keine Chance. Das nachgestellte Foto-Shooting zur Reklame für einen roten Ferrari mit den beiden Künstlerinnen als Models reicht nicht zur Parodie der aus der Werbung bekannten Vorbilder. Nicht selten entwickeln sie ein höheres Maß an Selbstironie.

Ein Problem aller Konzepte besteht offenbar darin, dass sie Kunst nur als Transportmittel ihrer vormals revolutionären, inzwischen aber längst nur noch politisch korrekten Überzeugungen benützen. Sie bringen es deshalb auch meistens nicht zu einer eigenen Ästhetik. HolzingerUrbat fechten als Nachhut im Geschlechterkrieg in ihren Installationen die längst geschlagenen Schlachten des Feminismus aus.

HolzingerUrbat: "Edle Pfropfen: Wann ist ein Mann ein Mann?" Galerie des Kunstvereins, Hauptstraße 72. Bis 30. März, Di., Mi., Fr. 15 bis 18 Uhr, Do. 15 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 14 Uhr.

KURT JAUSLIN

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